Michael Oliver zeigte in der 23. Minute Rot. In der 60. ließ er ein Tor zählen. Drei Stunden nach Abpfiff entschuldigte sich Englands Schiedsrichter-Gremium für eine dieser beiden Entscheidungen – und es war nicht die Karte.
Die 23. Minute, Bild für Bild
Bruno Fernandes räumt Phil Foden nahe der Seitenlinie ab. Foden liegt, Fernandes tritt im Weiterspielen nach dem Ball und erwischt den Liegenden. Foden kickt von unten in Richtung Bauch des Portugiesen, Fernandes geht zu Boden und windet sich. Oliver zückt Rot wegen groben Foulspiels, der VAR überprüft und bestätigt. Fernandes sieht nicht einmal Gelb.
Dass ein Videoassistent bei einer Verwarnung gar nicht eingreifen darf, ist regeltechnisch korrekt und erklärt die Asymmetrie nur halb. Sie bleibt trotzdem bemerkenswert: Der Spieler, der den Kontakt eröffnete, blieb unbestraft. Der Spieler, der reagierte, verbrachte eine Stunde in der Kabine.
Wenn sich Rooney, Keane und Neville nicht einigen
Die englische Expertenrunde zerfiel in drei Lager. Bei der BBC hielt Wayne Rooney die Aktion für eine Geste, keinen Tritt. Danny Murphy widersprach im selben Studio mit einem technischen Argument: Wer von unten nach oben trete, hole sich Rot ab – unabhängig von der Wucht. Bei Sky verteidigte Roy Keane den Ausgeschlossenen und nahm dafür den Kapitän der Gegenseite ins Visier: „Foden, I don’t think it’s a red card.“ Gary Neville sah die Szene als kindisch, wunderte sich aber ebenfalls über die ausbleibende Verwarnung für Fernandes.
Selbst Enzo Maresca, der wenig Interesse an einer Verteidigungslinie hatte, formulierte es doppeldeutig: Wenn das Rot sei, dann in derselben Aktion auch für den anderen. Foden ist erst der zweite City-Profi, der in einem Premier-League-Derby vom Platz flog. Der letzte war Bernardo Corradi, 2006.
Das Gremium spricht – über die andere Szene
Die Frage ist also nicht, ob die Karte diskutabel war. Sie war es, für alle Beteiligten. Die Frage ist, warum ausgerechnet diese Szene keine offizielle Einordnung bekam, während eine andere binnen Stunden aufgearbeitet wurde.
Denn in der 60. Minute fiel das Tor des Abends. Joško Gvardiols Flanke wurde von Patrick Dorgu abgefälscht, was Erling Haaland regelkonform in die Position brachte, aus der er einschob. Die Fahne ging hoch, der VAR prüfte rund zwei Minuten und gab den Treffer. Problem: Enzo Fernández stand im Abseits und warf sich in die Hereingabe, ohne den Ball zu berühren – aber offenbar so, dass Lisandro Martínez ihn nicht klären konnte.
Am Abend räumte Pro Ref, das für die Premier-League-Ansetzungen zuständige Gremium, einen „error of judgement“ ein. Da Fernández den Ball nicht spielte, sei die Abseitsbewertung eine Ermessensfrage gewesen – und genau deshalb hätte der Videoassistent Oliver an den Monitor bitten müssen. Man habe United noch am selben Abend kontaktiert, eine Überprüfung des Vorgangs laufe.
Zwei Szenen, zwei Maßstäbe
| Szene | Entscheidung auf dem Platz | Rolle des VAR | Nachspiel |
|---|---|---|---|
| Fernandes/Foden, 23. | Rot für Foden, keine Karte für Fernandes | Überprüft, Platzverweis bestätigt | Keine offizielle Einordnung |
| Haaland-Tor, 60. | Abseits, dann Tor nach Überprüfung | Rund zwei Minuten, keine Monitor-Empfehlung | Fehler eingeräumt, Klub informiert, Review angekündigt |
Der Preis der halben Aufarbeitung
Michael Carrick war nach Abpfiff kaum zu beruhigen und verwies auf den technischen Aufwand, der Schiedsrichtern eigentlich helfen soll. Lisandro Martínez sprach von einer Saisonvorbereitung voller Regelschulungen, deren Ergebnis er an diesem Abend nicht wiedererkannte. Beide reden über dasselbe Gefühl: Das System erklärt sich selbst nur dann, wenn es will.
City steht nach vier Spieltagen bei zwölf Punkten und teilt sich die Spitze mit Arsenal, United rutscht mit vier Zählern ins Mittelfeldgrau. Haaland hat in elf Manchester-Derbys nun neun Ligatreffer erzielt. Nur redet darüber gerade niemand. Ein Gremium, das binnen drei Stunden einen Fehler einräumt, hat Mut bewiesen – und sich zugleich die unbequemere Frage vom Hals gehalten. Die stellt England trotzdem weiter.

