Mailand. In der 19. Minute stand Aleksandar Kolarov, Inters Co-Trainer, nicht mehr in der Coaching-Zone. Schiedsrichter Luca Pairetto hatte ihn nach einem Wutausbruch aus dem Innenraum verwiesen – wegen eines nicht gepfiffenen Fouls an Marcus Thuram, drei Minuten nach dem 0:2. Es war der Moment, in dem das San Siro glaubte, einen Abend zu sehen, wie er nach der Niederlage in Madrid nicht vorgesehen war. 71 Minuten später hatte Inter 5:3 gewonnen und war wieder punktgleich mit der AS Roma an der Tabellenspitze. Beide Klubs haben nach vier Spielen noch keinen Punkt abgegeben. Am Samstag um 18 Uhr spielen sie gegeneinander.
Die ersten 16 Minuten
Cristian Chivu hatte Lautaro Martínez auf die Bank gesetzt – eine Woche nach dem 1:2 im Bernabéu und fünf Tage vor Rom. Es ging schief, bevor es begann. In der 9. Minute vergaß Inters Abwehr bei einer Halbfeldflanke von Unai Gómez den Innenverteidiger James Abankwah, der aus vier Metern einköpfte. In der 16. Minute ließ Keinan Davis Andy Diouf am linken Strafraumrand „ganz schlecht aussehen“ (Sky) und legte an den kurzen Pfosten, wo Jurgen Ekkelenkamp den Ball an Josep Martínez vorbeispitzelte – der Torwart hatte auf die lange Ecke spekuliert. 0:2 gegen den Tabellen-13.
Dazwischen hatte Thuram per Kopf und im Nachschuss die Chance zum Ausgleich, Maduka Okoye hielt beides. Es war ein Muster, das man in Madrid gesehen hatte: Inter spielt, Inter verpasst, Inter kassiert.
Zwei Tore, die man sich merken wird
Was danach kam, war die Antwort auf die Frage, warum Inter Meister und Pokalsieger ist. In der 26. Minute nahm Carlos Augusto einen schlecht geklärten Ball volley – ein Strahl in die rechte untere Ecke, Okoye ohne Sicht und ohne Chance. Neun Minuten später eroberte Inter den Ball am Strafraum, kombinierte hinein, Thuram spielte ungenau, die Szene schien vorbei. Dann holte sich Nicolò Barella den Ball im Spagat, legte ihn sich im Sitzen an Kamara vorbei und knallte ihn in die linke Ecke. 2:2 zur Pause, nach einer ersten Halbzeit, die Sky „fast schon spektakulär“ nannte.
Die zweite Halbzeit gehörte Inter – fast
Nach dem Wiederanpfiff hatte Henrikh Mkhitaryan die Führung auf dem Fuß, Okoye kratzte den Ball aus dem Winkel. In der 57. Minute ging es dann: Barella schickte Diouf mit einem Pass in die Tiefe, Diouf legte von der Grundlinie zurück, Thuram schob aus sechs Metern ein. 3:2. In der 67. Minute hielt Pio Esposito den Ball im Strafraum als Wandspieler, drehte sich nach dem Abspiel um seinen Gegenspieler, bekam ihn von Piotr Zieliński durchgesteckt und traf links unten. In der 79. Minute grätschte der eingewechselte Ange-Yoan Bonny einen Abpraller nach eigenem Schuss über die Linie. 5:2. Chivu hatte da bereits Bastoni, Stones und Mkhitaryan vom Platz genommen – Rotation mit Blick auf Samstag.
Der Schlusspunkt gehörte aber den Gästen. In der Nachspielzeit standen Vakoun Bayo und Idrissa Gueye bei einer Flanke am langen Pfosten „völlig blank“, Bayo legte per Brust ab, Gueye traf. 5:3. Sky: „Inters Abwehr zeigt sich einmal mehr löchrig.“
Was der Abend für Samstag bedeutet
Die Bilanz ist zweischneidig. Inter hat vier Ligaspiele und vier Siege, hat gegen Udinese fünf Tore erzielt, ohne dass Lautaro von Beginn an spielte, und hat mit Esposito, Bonny und Thuram drei Stürmer, die alle getroffen haben. Das ist die Kaderbreite, die der Doublesieger braucht.
Und Inter hat in zwei Spielen fünf Gegentore kassiert – zwei in Madrid nach individuellen Fehlern, drei gegen Udinese nach Standards und Flanken, bei denen Gegenspieler unbewacht standen. Chivus Dreierkette hat gegen Real gehalten, bis Bisseck den Ball verlor und Martínez zögerte; gegen Udinese hielt sie in der ersten Viertelstunde und der letzten Minute nicht. Das ist kein Zufall mehr. Das ist ein Thema.
Am Samstag kommt die Roma, unter Gian Piero Gasperini mit Donyell Malen in Form – der Stürmer, der laut Julien Laurens „fast ein Tor pro Spiel“ erzielt. Ein Spitzenspiel zweier Makelloser, in dem einer den ersten Punkt verliert. Inter hat gezeigt, dass es fünf Tore schießen kann. Es hat auch gezeigt, was passiert, wenn es die ersten 16 Minuten verschläft.

