Hertha | Dardai: „Dachte, da werden morgen 20 Alligatoren vor mir stehen“

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News | Neuanfang bei Hertha BSC. Neu-Trainer Pal Dardai und Arne Friedrich, aktuell alleiniger sportlicher Leiter des Vereins, haben sich in einer Medienrunde den Fragen der Journalist:innen gestellt und Hintergründe zu den Entscheidungsprozessen geliefert. 

Dardai: „Es waren ein Tick zu viele neue Spieler“

Auf einer Pressekonferenz haben Pal Dardai (45) und Arne Friedrich (41) als neues sportliches Gespann bei Hertha BSC das Wort ergriffen. Sie folgen (interimsweise) auf Ex-Trainer Bruno Labbadia (54) und Geschäftsführer Sport Michael Preetz (53) – dass sofort ein neuer Wind beim Hauptstadtklub wehen wird, wurde in ihren Aussagen schnell deutlich. Es war, trotz der chaotischen Situation und des Hineinrutschens in den Abstiegskampf, eine gelöste und motivierte Stimmung auf der PK spürbar. So nahm Dardai die Spieler, denen zuletzt mangelnde Mentalität vorgeworfen wurde, sogleich in Schutz. „Ich habe die Nacht nicht geschlafen, weil ich dachte, da werden morgen 20 Alligatoren vor mir stehen, die vorher vier Trainer aufgefressen haben. Aber das war gar nicht so“, so der Ungar. „Wir wollten zum Anfang zwei Runden laufen, da sind die zwei große gelaufen – ich als Spieler wäre zwei kleine gelaufen. Mein Ersteindruck: Die Mentalität stimmt.“

Dardai stellte aber klar, dass Zeit bräuchte, um das Team wirklich beurteilen zu können. „Nach dem ersten Training bin ich positiv überrascht. Bezüglich Handlungsschnelligkeit und Technik ist die Mannschaft gut, aber es gehört auch taktische Disziplin dazu“, erklärt er. „Man kann nicht nur schön spielen. Ich habe mich vorher nicht groß mit dem Kader beschäftigt und mache mir die Tage ein Bild. Fragt mich nach drei Wochen, wie es um die Mannschaft steht.“ Die Gründe dafür, dass aus den Individualisten noch kein funktionierendes Team gewachsen ist, erklärt sich Dardai mit dem zu großen Umbruch vor Saisonbeginn: „Es war eine drastische Veränderung, es waren ein Tick zu viele neue Spieler.“ Er musste hierbei an seine Anfänge bei Hertha denken: „Man kann Steine nach mir werfen, aber als ich als Ausländer damals nach Berlin kam, dachte ich auch: Ich verdiene gutes Geld und gehe nach Hause“, leitete der Trainer ein. „Aber dann habe ich angefangen, die Stadt, den Verein und das Stadion zu lieben. Meine Aufgabe ist es, diese Erfahrungen an die Spieler weiterzugeben.“

Dardai: „Habe richtig geweint, als ich mich von der U16 verabschiedet habe“

Zu seinem erneuten Engagement als Trainer der Profimannschaft sagte Dardai, der zuletzt in der Hertha-Jugend gearbeitet hatte: „Michael Preetz hat mir gleich eine SMS geschickt und mir Glück gewünscht. Wie gesagt: Das war nicht geplant, ich habe nicht einmal Lobby gemacht. Ich habe lange gebraucht, um eine Entscheidung zu treffen.“ Dafür musste Dardai seinen Trainerjob in der U16 abgeben: „Ich habe richtig geweint, als ich mich von der U16 verabschiedet habe, weil mir die Jugendarbeit ans Herz gewachsen ist.“

Dardai wurde 2019 als Cheftrainer gegangen, weil die „alte Dame“ nach höherem strebte. Nun ist der Ungar wieder da, Michael Preetz jedoch weg. Genugtuung verspüre aber nicht. „Ich bin kein Typ dafür. Man hat sich nach viereinhalb Jahren getrennt, der Verein hatte einen anderen Plan. Das kann man nach der Zeit verstehen“, so seine Sicht. „Ich war dann weg, hatte aber Spaß. Mir hat das Jahr Pause gut getan, mein Vater ist gestorben, ich stand unter großer Belastung. Es war also okay.“ Er habe sich beispielsweise dann öfter mal mit Christoph Daum, wenn er in Berlin gewesen ist, getroffen. Da wurde auch festgestellt: „Der Akku ist wieder voll, ich bin wieder in meiner bester Form. Ich habe nicht das Gefühl: ‚Hehe, jetzt bin ich wieder hier, so ein Mensch bin ich nicht.'“

2015 trat Dardai erstmals das Traineramt bei Hertha BSC, auch damals befand sich der Verein in einer prekären Lage. „Man kann es nicht vergleichen, es ist eine komplett andere Situation“, stellt Dardai jedoch klar. „Damals war ich ein unerfahrener Trainer, habe mir nicht viele Gedanken gemacht. Auch wenn das manche nicht teilen: Das war eine gute Zeit, wir haben aus nichts Werte geschaffen und eine gute Philosophie etabliert. Für mich war es auch eine negative Überraschung, dass es jetzt nicht funktioniert hat. Ich bin nun erfahrener, aber glaube, es ist jetzt eine schwierigere Situation.“ Er rede nicht über Abstieg, es ginge erst einmal darum, den Stress zu lösen. Man habe nun sehr schwere Spiele vor der Brust „Wie geht man psychologisch damit um, wenn der Plan schiefgeht? Das kann sein, ich bin kein Zauberer, der sagen kann: Bam, wir gewinnen in Frankfurt mit 5:0.“ In den ersten Spielen ginge es weniger um die Ergebnisse, vielmehr um die Leistung, „damit man jede Woche einen Schritt nach vorne macht und endlich wieder gewinnt.“

Friedrich: Dardai wird helfen, eine Hierarchie zu formen

„Wir freuen uns sehr, dass Pal zugesagt hat. Wir mussten die Tage auch einen Plan B haben, falls er nicht zusagt, aber wie man hier sieht: Er sprudelt vor Motivation“, zeigte sich auch Arne Friedrich in bester Laune. Im vergangenen Sommer wurde er vom Performance Manager zum Sportdirektor, nun ist er auf einmal alleiniger sportlicher Verantwortlicher. „Für mich haben sich in den letzten Tagen extrem viele Dinge verändert. Von heute auf morgen Hauptverantwortlicher zu werden, ist ein Brett“, so Friedrich, der viel auf dem Schreibtisch liegen hat. „Der Transfermarkt schließt bereits in ein paar Tagen, wir müssen aber noch analysieren, aber trotzdem ruhige Hand behalten. Ich habe auf jeden Fall nicht zu wenig zu tun.“

Es ginge nun darum, „schnellstmöglich aus dem Abwärtsstrudel herauskommen. Ich möchte aber nochmal sagen: Ich bin Bruno Labbadia, seinem Team und Michael Preetz sehr dankbar. Michael hat mich immer involviert, daher wollte ich das noch einmal sagen“, so Friedrich. Um den Prozess zu beschleunigen, hatte Friedrich Dardai angeboten „meine Insides zum Kader an ihn weiterzugeben, doch er hat es abgelehnt, weil er sich erst einmal selbst ein Bild machen wollte.“ Klar ist für den Sportdirektor, der den Kader im Sommer mitgestaltet hatte: „Ich glaube, dass in dieser Mannschaft noch einige bisher nicht abgerufene Potenziale stecken.“ Friedrich gibt jedoch zu: „Aber es ist klar, dass uns nach dem großen Umbruch ein wenig Hierarchie fehlt, die sich bilden muss. Dabei kann Pal uns aber helfen. Der Kader ist sehr talentiert, hat unser vollstes Vertrauen, steckt aber noch in den Kinderschuhen.“

Dardai genießt nun ebenfalls vollstes Vertrauen, was auch an der gemeinsamen Vergangenheit der beiden Ex-Spieler liegt. „Ich kenne Pal bereits als meinen Mitspieler. Er war nicht immer angenehm, wir haben uns auch mal gefetzt“, erzählte Friedrich. „Pal hatte Recht, als er vorhin zu mir sagte: Es gibt in jeder Mannschaft die Starspieler und die Arbeiter. Pal war ein Arbeiter, bei mir dürft ihr es euch aussuchen. Ich weiß, was Pal kann, er wird diese Truppe wieder auf den richtigen Weg bringen. Wir brauchen Stabilität. Es wird Dellen geben, die planen wir mit ein – auch wenn es zwei, drei Wochen dauert, Pal hat unser Vertrauen.“

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Foto: IMAGO

Marc Schwitzky

Erst entfachte Marcelinho die Liebe zum Spiel, dann lieferte Jürgen Klopp die taktische Offenbarung nach. Freund des intensiven schnellen Spiels und der Talentförderung. Bundesliga-Experte und Wortspielakrobat. Seit 2020 im 90PLUS-Team.

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