Manchester United: Die Entstehung einer neuen Generation

UEFA CL/EL

Spotlight | Manchester United durchlebt eine Saison wie eine Achterbahnfahrt. Gerade diese allerdings könnte den Grundstein für eine neue Generation legen.

  • Uniteds jahrelange Suche nach dem richtigen Trainer
  • Die Entstehung von „football heritage“
  • Bruno Fernandes: Uniteds „magnifico“

Manchester United: Die ewige Suche nach dem „neuen Sir Alex“

Große Trainer sind nicht zuletzt große Trainer, weil man erst nach ihrem Abgang merkt, wie schwer sie zu ersetzen sind. So auch bei Manchester United. Das letzte Premier League-Spiel von Sir Alex Ferguson war gleichzeitig ein Spektakel, dass eines Trainers seiner Größe würdig war. Aber auch ein Wink mit dem Zaunpfahl, wohin die Reise in den nächsten Jahren gehen sollte.

(Photo by Michael Regan/Getty Images)

Kurzfristig ging sie für United am 19. Mai 2013 in die Midlands, zu West Brom. Das Spiel ließ sich für die Red Devils wie der berühmte Spaziergang im Park an. Nach einer halben Stunde führten sie 3:0, bevor die Baggies auf 2:3 verkürzten. Zwei United-Tore später sollte eigentlich alles klar sein, oder?

Eben nicht. Denn West Brom glich tatsächlich noch aus, nicht zuletzt weil ein gewisser 20-Jähriger namens Romelu Lukaku in Halbzeit zwei mit drei Treffern Sir Alex Ferguson den Abschied – zumindest im Ergebnis – vermieste. 5:5.

Die personelle Achterbahnfahrt, die in den kommenden Jahren folgte, steht diesem Spiel in nichts nach. Fergusons Landsmann David Moyes leistete zwar elf Jahre lang in Diensten Evertons hervorragende Arbeit, wurde bei United jedoch gewogen und für zu leicht befunden. Nach der Weltmeisterschaft 2014 übernahm Louis van Gaal den Posten. In seiner Anfangszeit fiel United durch den Versuch auf, die eigenen „Galácticos“ erschaffen zu wollen. Zu den bereits vorhandenen Wayne Rooney, Robin van Persie und Juan Mata kamen noch Radamel Falcao und Ángel Di María dazu.

Das Ergebnis dessen lässt sich gut an zwei Spielen festmachen. In der zweiten Runde des Ligapokals unterlag United Drittligist MK Dons 0:4, in Leicester gab es trotz zweimaliger Zwei-Tore-Führung ein 3:5. Trotzdem erreichte die Mannschaft in van Gaals erster Saison Platz vier und qualifizierte sich in den Playoffs mit 3:1- und 4:0-Siegen gegen Brügge für die Champions League

Als am Ende der Saison 2015/16 lediglich Platz 5 und damit die Europa League stand, wurde van Gaal durch seinen einstigen Protégé aus Barcelona-Tagen ersetzt – José Mourinho. Umstritten war die Entlassung allemal. Schließlich verpasste United im Fernduell gegen Manchester City Platz 4 einzig aufgrund der schlechteren Tordifferenz (14:30) und gewann am Saisonende den FA Cup.

United unter van Gaal und Mourinho – Die Suche nach „football heritage“

Ganz ohne fruchtbare Erde hinterlassen zu haben, ging van Gaal jedoch nicht. Denn wenn der Niederländer für eines bekannt ist, wie für sein ausgeprägtes Selbstvertrauen, dann dafür, ein hervorragendes Auge für Top-Talente zu haben. So holte er zu Saisonbeginn den damals 19-Jährigen Anthony Martial für 60 Millionen Euro von der AS Monaco. Ein Transfer, der von der englischen Presse gnadenlos verrissen wurde. Allerdings sollten die United-Fans zuletzt lachen, beziehungsweise singen.

Als Martial sich vor dem Sechzehntelfinal-Rückspiel der Europa League beim Warmmachen verletzte – United lag gegen Midtjylland 1:2 zurück – zauberte Louis Houdini das nächste Toptalent auf den Rasen – den damals 18-jährigen Marcus Rashford. Der traf doppelt und United gewann 5:1.

Mourinhos Amtszeit begann mit einem doppelten Knalleffekt: Zuerst ließ sich der Verein die Rückholaktion von Paul Pogba 105 Millionen Euro kosten, Zlatan Ibrahimovic kam ablösefrei dazu. 2018 setzte Mourinho zu einem legendären Monolog an, in dem er innerhalb von zwölf Minuten erklärte, dass Uniteds mangelhaftes Abschneiden in Europa an fehlender langfristiger Planung festzumachen sei. Als Gegenbeispiel nannte er ausgerechnet Manchester City, bei denen Spieler wie David Silva, Sergio Agüero, Kevin De Bruyne oder Raheem Sterling noch im jungen Alter von Pep Guardiolas Vorgängern Roberto Mancini, beziehungsweise Manuel Pellegrini verpflichtet wurden und daher Investitionen in die Zukunft gewesen wären. Das gäbe es bei United kaum. „Football heritage“, fußballerisches Erbe nannte er das Ganze. Für Mourinho war diese Rede der Anfang vom Ende in Old Trafford.

Sein fußballerisches Erbe liest sich letztendlich wie folgt: Romelu Lukaku (27), Nemanja Matic (31), Victor Lindelöf (25), Fred (27) und Diogo Dalot (21). Die Europa League, einen Ligapokal sowie ein Community Shield konnte er ebenfalls in die Vitrine stellen.

Solskjaer vollendet die neue Generation

Mourinhos „football heritage“ erwies sich jedoch auch in der neuen Saison 2018/19 ergebnistechnisch als äußerst wackelig und so musste der Portugiese nach einem 1:3 in Anfield im Dezember 2018 die Koffer packen. Als Nachfolger lieh (!) United den damaligen Trainer von Molde aus, Ole Gunnar Solskjaer (47). Dessen Einstand war mehr als nur gelungen, der Norweger verlor keines seiner ersten zwölf Spiele. Dazu legte United ein überraschendes Comeback im Champions-League-Achtelfinale in Paris auf den Rasen.

Danach jedoch schien United etwas der Sprit auszugehen, man beendete die Spielzeit lediglich auf Rang 6. An genau diese Form knüpften die Red Devils auch in der aktuellen Saison an. Nach neun Spieltagen fand man sich gar im unteren Tabellendrittel wieder, mit dem dritten Sieg aus den ersten zehn Spielen gelang immerhin der Sprung auf Platz 7. Dazu musste sich der Verein von außen wiederholt den Vorwurf gefallen lassen, dass der übergeordnete Plan für die Zukunft fehle.

In Wirklichkeit war er nur noch nicht ausgereift. Vor der aktuellen Saison kamen mit Harry Maguire (27) und Aaron Wan-Bissaka (22) zwei der heutigen Stammspieler, ersterer wurde gleich mal zum Kapitän befördert. Damit war die Marschroute klar. So, wie es das Ziel des FC Bayern ist, eine Achse aus deutschen Spielern zu haben, so will United eine aus englischen und Jugendspielern kreieren. Maguire, Wan-Bissaka, Luke Shaw (25) oder Brandon Williams (19) in der Abwehr, Paul Pogba (27) oder Scott McTominay im Mittelfeld, Rashford und der formstarke wie beidfüßige Mason Greenwood im Angriff. So arbeitete sich United Stück für Stück nach oben. Reiseflughöhe erreichte die Mannschaft jedoch erst Ende Januar. Dafür ist ein Spieler besonders verantwortlich.

„He’s our Portugese magnifico“ – Wie Bruno Fernandes zu Uniteds Schlüsselspieler wurde

Mit einem Preisschild von 55 Millionen Euro kam Bruno Miguel Borges Fernandes (25) zu Manchester United. Diesen Preis wusste er sofort zu rechtfertigen. Gleich in seinem zweiten Spiel an der Stamford Bridge zirkelte er einen Eckball auf den Kopf von Harry Maguire und holte sich seine erste Torbeteiligung ab, im Heimspiel gegen Watford gelang ihm der erste Treffer. Inzwischen steht er bei sieben Toren und sieben Assists in elf Premier League-Spielen. Er verleiht dem United-Spiel die nötige Struktur und Kreativität, strahlt dazu eine enorme Torgefahr aus und ist darüber hinaus stark im Pressing. Von seinen Fähigkeiten am ruhenden Ball mal ganz zu schweigen. Er kann sowohl servieren, als auch direkt verwandeln. Das kommt auch bei den Fans gut an, die ihm zur Melodie von Scott Joplins „The Entertainer“ einen eigenen Fangesang dichteten.

(Photo by ANDREW BOYERS/POOL/AFP via Getty Images)

„Bruno, Bruno, Bruno
he came from Sporting, like Cristiano
he goes left, he goes right, turns defenders to sh*te,
he’s our Portugese magnifico!“

Bruno Fernandes‘ Variabilität tut der Mannschaft sichtlich gut und nimmt auch ein Stück weit Druck von den restlichen Angreifern, die so befreiter aufspielen können. Zum Restart gab es zwar ein 1:1 bei Tottenham um Ex-Trainer Mourinho, danach aber gewann United vier Spiele am Stück mit jeweils drei Toren Differenz – Premier League-Rekord. Fernandes steuerte dazu vier Tore und drei Assists bei. Beim 2:2 im jüngsten Montagsspiel gegen Southampton gab es zwar einen Dämpfer, man verpasste den Sprung auf Rang 3, jedoch konnte Fernandes auch hier eine Torbeteiligung mitnehmen, den Assist zum 2:1 von Martial .

Manchester United: Es gilt, nun die richtigen Entscheidungen zu treffen

Mit Fernandes, Paul Pogba und Nemanja Matic, der jüngst seinen Vertrag bis 2023 verlängerte, hat Manchester United ein sehr ausbalanciertes Mittelfeld mit dem richtigen Mix aus Stabilität, Kreativität und Torgefahr. Dazu stehen mit Fred und Scott McTominay Spieler bereit, die den internen Konkurrenzkampf befeuern. Beide sind langfristig an den Verein gebunden. Dass sich der Klub darüber hinaus auch um Aston Villas Jack Grealish (24) sowie Jadon Sancho (20) bemüht, zeigt die eigenen Ambitionen.

Nach Jahren der fußballerischen Selbstsuche, in denen man zusehen musste, wie nicht nur Stadtrivale City, sondern nun auch Erzrivale Liverpool die Premier League vereinnahmen, will Manchester United wieder angreifen. Inwieweit man in Ole Gunnar Solskjaer den geeigneten Nachfolger von Sir Alex Ferguson gefunden hat, wird die Zeit zeigen. Dass er den Klub aus Spielerzeiten kennt, dürfte sicherlich kein Nachteil sein. Dass der Verein auf Kontinuität setzt, genauso wenig. Es gilt jetzt die richtigen Entscheidungen zu treffen und das Level zu halten, damit Manchester United auch tabellarisch wieder in Gefilde kommt, die dem eigenen Selbstverständnis entsprechen – und eine neue Generation Geschichte schreiben kann.

(Photo by PETER POWELL/POOL/AFP via Getty Images)

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Victor Catalina

Victor Catalina

Mit Hitzfelds Bayern aufgewachsen, in Dortmund studiert und Sheffield das eigene Handwerk perfektioniert. Für 90PLUS immer bestens über die Vergangenheit und Gegenwart des europäischen Fußballs sowie seine Statistiken informiert.

Alle Kommentare


  • Beki sagt:

    Sehr guter Kommentar. Top.
    Auf die hervorragende Jugendarbeit und die Investionen in diesem Bereich hätte noch eingegangen werden können.


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