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Nachspielzeit: Warum es richtig war, Ranieri zu entlassen und wer wirklich daran Schuld ist

24. Februar 2017 | Spotlight | BY Chris McCarthy

von Chris McCarthy

Nur neun Monate nachdem er einen Abstiegskandidaten zur englischen Meisterschaft führte, wurde Trainer Claudio Ranieri gestern von Leicester City entlassen. Eine Entscheidung, die die Fußballwelt, bei der ständigen Suche nach romantischen Märchen, nur schwer nachvollziehen konnte. Es mag die unbeliebte Meinung sein, es mag nicht das erhoffte Happy End sein. Es kann unfair und undankbar erscheinen, doch es musste es sein! Lasst mich das erklären…

 

Fußball-Märchen

Als Claudio Ranieri (65) im Juli 2015 sein Traineramt bei Leicester City antrat, hatten wohl die meisten erwartet, dass der Italiener keine zwei Jahre bei den Foxes überleben würde. Die Gründe hierfür waren jedoch andere als heute. Leicester entkam einige Monate zuvor nur haarscharf dem Abstieg und stand nach einigen Negativschlagzeilen um Ex-Trainer Nigel Pearson (53) wenige Wochen vor Saisonbeginn plötzlich ohne Trainer da. Der Abstiegskampf schien vorprogrammiert. Was sollte ein 65-jähriger Coach, der gerade vom griechischen Verband entlassen wurde, schon großartig bezwecken?

…Nicht weniger als den ersten bedeutsamen Titel in 132 Jahren Vereinsgeschichte und die Fußball-Sensation des Jahres, wenn nicht sogar des Jahrzehnts. Entgegen aller Prognosen, die meisten trauten den Foxes bestenfalls den Nichtabstieg zu, setzte man sich gegen die finanziellen Schwergewichte aus London und Manchester durch und gewann die Premier League.

Ranieri wurde jetzt tatsächlich, wie ursprünglich vermutet, im Abstiegskampf entlassen. Dass er zu diesem Zeitpunkt aber Champions League Achtelfinalist, amtierender Meister und FIFA Trainer des Jahres sein würde, damit rechnete kein einziger Experte, Trainer, Spieler oder Fan auf der ganzen Welt…

(Photo by Michael Regan/Getty Images)

 

Entlassung

Nur neun Monate nach dem ersten signifikanten Titel der Vereinsgeschichte, einem modernen Fußballwunder, hat sich Leicester City von Trainer Claudio Ranieri getrennt. Die Foxes stehen nach der unglaublichen und für nicht möglich gehaltenen Meister-Saison nun da, wo sie viele schon im Vorjahr erwartet hätten – in der Abstiegszone.

Aktuell trennt Leicester nur ein mickriger Zähler von einem Abstiegsplatz. Nach zwischenzeitlichen Treuebekenntnissen der Verantwortlichen sah man sich nun gezwungen, die Reißleine zu ziehen. In einem Statement überschüttete Vorstand Aiyawatt Srivaddhanaprabha (59) seinen Meister-Trainer mit Lob und bedankte sich für seine außerordentlichen Leistungen. Die „schmerzhafte, aber notwendige“ Maßnahme musste aus Sicht der Vereinsführung jedoch folgen, da der „Premier League Status“ in ernsthafter Gefahr sei. Dabei betonte Srivaddhanaprabha, dass man nicht mal ansatzweise mit einer Wiederholung der letztjährigen Leistungen rechnete. Der Nichtabstieg sei immer das erklärte Saisonziel gewesen.

Laut Berichten gut informierter Medien, wie Sky Sports UK, der Times oder dem Guardian, hatte der Trainer den Rückhalt der Mannschaft verloren. Die Spieler waren frustriert, zweifelten an personellen und taktischen Entscheidungen und brachten dies, nach dem Spiel gegen Sevilla, sogar gegenüber der Vereinsführung zum Ausdruck. Gestandene Männer, die vor 18 Monaten europaweit kaum einer kannte, forderten also, fast schon hinterlistig, den Kopf des Mannes, der sie zu Stars machte und ihnen das beschaffte, was sie sich nicht mal zu erträumen wagten. Doch dazu später mehr…

Die Fußballwelt war schockiert und aufgebracht. Viele Fachmänner bezeichneten den Schritt der Vereinsführung als „skandalös“, „undankbar“ oder „respektlos“. Ranieri genoss dabei die Solidarität von Experten und Trainer-Kollegen, wie beispielsweise von José Mourinho (57).

https://www.instagram.com/p/BQ302Ucgpc_/?taken-by=josemourinho

 

Bittere Realität

Der fast schon surreale Traum ist nun in einem Alptraum geendet. Das hat viele Gründe.

Zwar blieben die Foxes von einem Exodus verschont, doch der Abgang von N’Golo Kanté (25, Chelsea) war tödlich. Wie elementar seine Defensivqualitäten sind, erkennt man daran, wie schwach die unveränderte Abwehrkette von Leicester heute aussieht und wie unbezwingbar sie noch vor einem Jahr schien. Die taktischen und athletischen Limitationen von Robert Huth (32) und Wes Morgan (33) kommen immer mehr zum Vorschein, während die sonst so umstrittenen David Luiz (29) und Gary Cahill (31) bei Chelsea wie Weltklasse-Verteidiger aussehen.

(Photo by Michael Regan/Getty Images)

Ein Spieler allein ist jedoch nicht für so einen Absturz verantwortlich. Das ganze Team, als Kollektiv, hat extrem abgebaut. Das ist irgendwo logisch und war auch abzusehen. So ein Lauf kann bei der ,im Vergleich zu den Schwergewichten, fehlenden Qualität nicht anhalten.

Zu allem Überfluss schwächeln auch noch die Top-Spieler aus dem Vorjahr:

Jamie Vardy (30), der im Sommer mit Arsenal flirtete, bringt es gerade einmal auf fünf Saisontore und drei Assists. Vor genau einem Jahr stellte er noch einen Premier League Rekord mit einem Tor in elf  aufeinanderfolgenden Spielen auf. Nach 25 Spieltagen standen gegenüber den acht Scorerpunkten heute, insgesamt 23 Torbteiligungen auf dem Konto des Engländers.

Riyand Mahrez (26), Spieler des Jahres 2016, kommt nach 25 Spieltagen (23 Einsätze) erst auf fünf Scorerpunkte. Letzte Saison waren es für den Algerier zum gleichen Zeitpunkt, wie auch bei seinem kongenialer Partner Jamie Vardy, ganze 23!

Torbeteiligungen Mahrez & Vardy

[vtftable ]
;;;Nach 25 Spieltagen 2015/2016;;;Nach 25 Spieltagen 2016/2017;nn;
Torbeteiligungen Vardy;;;23 (alle 1,09 Spiele);;;8 (alle 2,75 Spiele);nn;
Torbeteiligungen Mahrez;;;23 (alle 1,04 Spiele);;;5 (alle 4,6 Spiele);nn;
[/vtftable]

 

Klar, die Top-Spieler stehen nun mehr im Fokus und werden von den gegnerischen Defensivspielern intensiver bewacht als noch vor einem Jahr. Doch daran liegt es ebenfalls nicht, dass es im King Power Stadium nicht mehr läuft.

Versuche, den Kader im Sommer zu verstärken und für die anstehende Doppelbelastung als auch den drohenden Leistungsabfall vorzubereiten, schlugen fehl. Hier kann Ranieri, der darüber hinaus oft zu lange an schwächelnden Spielern und Neuverpflichtungen festhielt, durchaus kritisiert werden. Auch das war für die sportliche Misere letztendlich nicht ausschlaggebend. Der Hauptgrund war und ist weiterhin der gleiche:

Leicester spielte sich 2015/2016 in einen wahren Rausch, verspürte keinerlei Druck und wuchs über sich hinaus. Mit grenzenlosem Selbstvertrauen kann man so einiges erreichen.

Das ist Selbstvertrauen…

Mit Unsicherheit, stetig wachsendem Druck und zunehmendem Selbstzweifel kann man dagegen ebenso schnell implodieren. Bei so einem starken, psychischen Kontrast sind einem Trainer die Hände gebunden. Was bringt es dann großartig, taktische und personelle Änderungen vorzunehmen?

 

Die logische Konsequenz

„Undankbare Engländer“ tituliert heute die Gazzetta dello Sport und bezieht sich dabei natürlich auf die Entscheidung des Leicester City Football Club. Meines Erachtens ist das nur zufällig eine treffende Aussage, denn sie richtet sich an den falschen Adressaten!

Die Vereinsführung wird für diese Aktion den Großteil der Kritik ernten, doch in meinen Augen hatte sie keine andere Wahl. Klar, das große, öffentliche Treuebekenntnis vor einigen Tage hätte man sich sparen können. Im Nachhinein war der Trend bereits eingeleitet und dieses Ende nicht gerade unvorhersehbar.

Die wahre Schande an dieser Geschichte ist jedoch das respektlose Verhalten der Spieler.

Ja, der Trainer hat Fehler gemacht. Dass sich aber sogenannte „Führungsspieler“, die aktuell in katastrophaler Form sind, auf diese Art und Weise bei dem Vorstand über den Trainer beschweren ist ein Frechheit. Sie treten den Mann, der sie zu einer schier undenkbaren Meisterschaft geführt hat. Den Mann, der ihnen die Teilnahme an der Königsklasse ermöglichte. Den Mann, der ihnen zu Millionen-Verträgen verhalf. Den Mann, der aus Durchschnittsspielern Fußball-Stars und Nationalspieler machte. Den Mann, der seine Spieler auch dann selbstlos vor den Medien in Schutz nahm, als sie fürchterliche Leistungen an den Tag legten. Dieses Verhalten ist der wahre Skandal an dieser Geschichte.

(Photo CHRISTOPHE ARCHAMBAULT/AFP/Getty Images)

Die Besitzer des Vereins sind nicht die typischen „business-orientierten“ Milliardäre, die den Klub ausschließlich als gewinnbringendes Spielzeug betrachten. Das haben sie in der Vergangenheit, beispielsweise mit ihrer lang anhaltenden Loyalität zu Ex-Trainer Nigel Pearson, unter Beweis gestellt. Das Bedauern, das Srivaddhanaprabha im Statement zum Audruck bringt, ist aufrichtig und ehrlich.

Bei all der Romantik: Leicester steht auf Rang 17 der Premier League und damit mitten im Abstiegskampf. Hier ist kein Platz für Sentimentalitäten, den Entscheidungsträgern waren die Hände gebunden!

Was hätten sie tun sollen? An einem Trainer festhalten, der von den Spielern nicht mehr akzeptiert und sogar verraten wird, und dabei die sportliche Zukunft einer ganzen Stadt auf’s Spiel setzen? Es musste etwas geschehen. So ungerecht es auch sein mag, man kann keine komplette Mannschaft austauschen, wenn sie mit dem Trainer unzufrieden ist. Wie so oft, berechtigt oder auch nicht, muss ein Trainerwechsel die erhoffte Initialzündung herbeiführen. Ranieri hätte einen anderen Abschied verdient, doch dafür sind nicht, wie allgemein angenommen, die Entscheidungsträger verantwortlich.

Es mag die unbeliebte Meinung sein, es mag nicht das erhoffte Happy End sein. Es kann unfair und undankbar erscheinen, doch aus sportlicher Sicht musste es sein!

Chris McCarthy

Gründer und der Mann für die Insel. Bei Chris dreht sich alles um die Premier League. Wengerball im Herzen, Kick and Rush in den Genen.


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