Vor dem Derby: Diese Punkte machen Hertha BSC Mut

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Spotlight | Am kommenden Samstagabend steigt das sechste Berliner Stadtderby in der Bundesliga, Hertha BSC empfängt den 1. FC Union Berlin. In den letzten drei Duellen (inklusive Pokal-Achtelfinale) ist Hertha nicht ein einziges Mal als Sieger vom Platz gegangen und auch im anstehenden gelten die Blau-Weißen nicht als Favorit. Es sprechen jedoch mehrere Gründe dafür, dass die Chancen der „alten Dame“ so gut wie lange nicht mehr stehen.

Hertha vs. Union: Die Rollenverteilung scheint klar

In der Vergangenheit waren die Berliner Stadtderbys stets eine gute Gelegenheit, die Entwicklung der beiden Hauptstadtklubs in einen direkten Vergleich zu stellen. Der 1. FC Union Berlin als Paradebeispiel dafür, wie sich ein Aufsteiger in der Bundesliga etablieren kann: Mit Urs Fischer (56) ein Trainer mit klarer Spielidee, eine starke Kaderplanung mit zahlreichen cleveren Transfers und ein starker Verbund aus Mannschaft und Fans.

Die letzten Jahre der „Eisernen“ erschienen wie ein nicht enden wollender Traum, der Union sogar nach Europa geführt hat. Auch in der laufenden Saison präsentieren sich die Köpenicker beeindruckend, nach 28 Spieltagen stehen sie mit 41 Punkten auf Rang sieben der Bundesliga-Tabelle. In der vierten Saison infolge hat Union nichts mit dem Abstieg zu tun – mehr als beachtlich. Den Stadtrivalen hat man sportlich überholt, das zeigt sich auch in der jüngeren Derby-Historie: Von den letzten drei Duellen entschied Union zwei für sich, unter anderem das prestigeträchtige DFB-Pokal-Achtelfinale im Januar diesen Jahres. Die andere Begegnung endete unentschieden.

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(Photo by TOBIAS SCHWARZ/AFP via Getty Images)

Auf der anderen Seite des am Samstagabend (18.30 Uhr) stattfindenden Derbys befindet sich Hertha BSC. Die letzten Jahre der „alten Dame“ verliefen nahezu konträr zu denen der Eisernen. Während Union immer neue Höhen erreichte, schürfte Hertha nach noch ungeahnten Tiefen. Die Blau-Weißen, von den Investitionen eines Lars Windhorst (45) ins Rampenlicht gezogen, befinden sich seit drei Jahren im dauerhaften Abstiegskampf und schreiben eine Anekdote des Chaos nach der anderen. Auch in der laufenden Spielzeit will auf wie neben dem Platz nichts ineinandergreifen. Mit 26 Punkten nach 28 Spieltagen rangiert Hertha auf Platz 17, punktgleich mit dem Relegationsrang und einen Zähler hinter Platz 15. Dardai-Nachfolger Tayfun Korkut (48) konnte die Saison nicht in bessere Bahnen lenken, Geschäftsführer Fredi Bobic (50) ersetze ihn vor zwei Spieltagen mit Trainer-Legende Felix Magath (68).

Herthas zweiter Trainerwechsel der aktuellen Saison wurde mit viel Hohn und Spott begleitet, doch sein Debüt konnte Magath überraschend wie überzeugend mit 3:0 gegen Hoffenheim gewinnen. Es ist der erste Berliner Sieg im Jahr 2022 gewesen und somit ein Symbol der Hoffnung, dass Hertha dem Abstieg doch nicht wehrlos entgegentaumelt. Zuletzt musste aber auch Magath seine erste Niederlage hinnehmen, mit 1:2 verloren die Blau-Weißen in Leverkusen. Trotz dieses Dämpfers lassen sich mehrere Argumente dafür finden, weshalb Hertha seine Derby-Bilanz am Samstag aufbessern könnte.

Hertha unter Magath mit neuer Stabilität

Da wäre zuallererst das neue Gesicht zu nennen, dass die Herthaner unter Magath zeigen. Der Trainer-Routinier bringt die bereits verloren geglaubten Grundtugenden zurück, die zuvor gebetsmühlenartig von Vorgänger Korkut eingefordert aber nicht gezeigt wurden. Waren es zuvor die Berliner selbst, denen – auch im Derby – immer wieder der Schneid abgekauft wurde, zeigten sie gegen Hoffenheim und Leverkusen die im Abstiegskampf so wichtigen Eigenschaften. Bei Hertha wird wieder Fußball gearbeitet – gekratzt, gelaufen, gebissen, dem Gegner in jedem Zweikampf gallig Paroli geboten. Das mag sicherlich nur eine Seite des modernen Fußballs sein, der hinzukommend auch eine spielerische Note verlangt, doch stellt die Einstellung nun einmal den grundsätzlichen Rahmen, in dem sich eine Mannschaft bewegt. Unter Magath scheinen die Spieler, die zuvor so ängstlich und lethargisch wirkten, den Ernst der Lage verstanden zu haben.

(Photo by UWE KRAFT/AFP via Getty Images)

Hinzu kommt eine deutliche Verbesserung im Spiel gegen den Ball. Unter Korkut wirkte die Mannschaft in vielen Phasen des Spiels mit der Aufgabe, sauber und diszipliniert zu verteidigen, völlig überfordert. Hertha agierte streckenweise vogelwild, lud den Gegner immer wieder zu Torchancen und folglich auch Toren ein. Magath und sein Co-Trainer Mark Fotheringham (38) haben beim Amtsantritt auf ein 4-1-4-1 umgestellt, also im Gegensatz zu Korkuts 4-4-2 einen Stürmer herausgenommen und mit einem defensiven Mittelfeldspieler zusätzliche Kompaktheit installiert. Diese Maßnahme scheint der Mannschaftlich neue Stabilität zu verleihen. „Der Gegner macht Tore. Räume machen keine Tore. Gebe ich dem Gegner keinen Raum, macht er keine Tore“, so Fotheringham. Unter dieser Devise verteidigt Hertha wieder auffällig stabil, es werden für den Kontrahenten sehr penibel kaum Lücken geöffnet, Hertha verteidigt sehr konzentriert im Verbund. Hoffenheim fiel gegen die Blau-Weißen nahezu nichts ein, Leverkusen kam vielmehr durch individuelle Patzer als Fehler im Kollektiv zu seinen Toren.

Wurden dem Gegner vor Magath nach oftmals auf unerklärliche Weise die Türen zum Tor geöffnet, passiert das nun nicht mehr. Um diesen Defensivstil gewährleisten zu können, steht Hertha auffällig tief. Gegen Hoffenheim streute Hertha zwar immer wieder situative Pressingaktionen ein, gegen Leverkusen wurde es selbst Magath zu zögerlich. Wird hier wieder die richtige Mischung gefunden, wird es Union Berlin immens schwer haben, durch Herthas Abwehrbollwerk zu brechen. Die Eisernen haben in dieser Saison große Probleme mit tiefstehenden Gegnern, die ihnen keinen Raum für die eigenen Umschaltaktionen geben. So setzte es beispielsweise Niederlagen gegen Fürth (0:1), den FC Augsburg (0:2) und Arminia Bielefeld (0:1). Derbys werden bekanntlich auch ein Stück weit über den Kampf entschieden – in dieser Disziplin war Hertha zuletzt stets unterlegen, doch nun könnte das anders sein.

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Union tut sich in der Rückrunde schwer

Auch der Blick auf den kommenden Gegner kann Hertha durchaus Mut machen. Denn: Union Berlin tritt in der Rückrunde längst nicht so stabil auf, wie noch im Kalenderjahr 2021. Von den letzten acht Ligaspielen wurden nur zwei gewonnen, 5:13 heißt die Tordifferenz dieses Zeitraums. Mit Borussia Dortmund (0:3) und dem FC Bayern München (0:4) hatten die Köpenicker in dieser Zeit sicherlich zwei sehr schwere Gegner, die auch die Tordifferenz erklären, dennoch ist ein gewisser Einbruch zu erkennen. Als zentraler Grund dafür kann der Abgang von Max Kruse (34) gewertet werden.

(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Der Spielmacher verließ Union kurz vor Ende der Wintertransferperiode und hinterließ ein großes Loch. Kruse war Dreh- und Angelpunkt in der Offensive, in 16 Spielen war er an zehn Toren direkt beteiligt. Zusammen mit Taiwo Awoniyi (24) bildete der Angreifer ein starkes Duo, das aus dem Nichts Torgefahr erzeugen konnte. Union musste seinen Abgang intern auffangen und fing daraufhin an, mit der Aufstellung zu experimentieren. Die Ideen Fischers fruchteten aber nicht und verunsicherten seine Mannschaft nur. Erst als Union in sein gewohntes 3-5-2 zurückkehrte, stabilisierte man sich wieder einigermaßen. So wurden in den letzten fünf Spielen immerhin sieben Punkte eingefahren.

Das liegt auch daran, dass Sheraldo Becker (27) die Kruse-Lücke für sich zu nutzen wusste und seit dessen Abgang wieder aufblüht. Der Niederländer ist jedoch weit aus inkonstanter als Kruse, weshalb auch Unions Angriff im allgemeinen weniger beständig daherkommt. Auch die Effizienz des FCU-Sturms hat im Vergleich zu Hinrunde abgenommen, Awoniyi und co. brauchen nun merklich mehr Chancen für einen Treffer. So fehlen dem Angriff der Eisernen in den letzten Wochen immer wieder entscheidende Prozente, nur fünf Tore in den bislang acht Spielen ohne Kruse sprechen dahingehend eine klare Sprache. Es kommt erschwerend hinzu, dass Union zwar weiterhin zu Torgelegenheiten kommt, für diese aber weitaus mehr investieren muss, wodurch die Balance im eigenen Spiel immer mal wieder verloren geht – Raum für Umschaltaktionen des Gegners. Hier könnte für Hertha also ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg vergraben sein. Union wirkt zumindest so anfällig wie länger nicht mehr.

Ein volles Olympiastadion als Rückhalt

Ein besseres Timing hätte es nicht geben können: Pünktlich zum Berliner Derby kehrt die aktive Fanszene von Hertha zurück ins Olympiastadion. Aufgrund der Corona-Beschränkungen musste die Mannschaft eine lange Zeit auf die organisierte Unterstützung der Ultras verzichten. Die Rückkehr der Fans wird mit einem prall gefühlten Stadion einhergehen – Am Samstagabend wartet nach Monaten, gar Jahren der traurigen, zum Bruchteilen gefühlten Ränge ein echtes Fußballfest. Ist das Olympiastadion oftmals ein Hindernis für eine dichte Atmosphäre, kann es bei einer guten Auslastung seine ganze Opulenz ausspielen und zur Bühne großer Abenden werden.

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(Photo credit should read PATRIK STOLLARZ/AFP via Getty Images)

Von dieser Atmosphäre wird Hertha als Heimmannschaft ganz besonders profitieren. Unkend werden Beobachter:innen des Vereins bemerken, dass es oftmals genau solche Kulissen sind, die Hertha eben nicht zu nutzen weiß, die Möglichkeit, dass die Spieler davon gepusht werden, ist aber genauso gegeben. Dafür spricht, dass Hertha 18 seiner 26 Punkte in dieser Saison im heimischen Stadion geholt hat, das letzte Heimspiel ist das 3:0 gegen Hoffenheim gewesen. In der Liga konnte Hertha zudem beide seiner Derby-Heimspiele für sich entscheiden.

Die Lage aus Sicht der „alten Dame“ ist trotz der 15 Punkte Differenz zu Union somit keineswegs aussichtslos. Nun müssen die Blau-Weißen nur noch liefern – für die Hierarchie innerhalb Berlins, aber auch für das Überleben in Liga eins.

Marc Schwitzky

(Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Marc Schwitzky

Erst entfachte Marcelinho die Liebe zum Spiel, dann lieferte Jürgen Klopp die taktische Offenbarung nach. Freund des intensiven schnellen Spiels und der Talentförderung. Bundesliga-Experte und Wortspielakrobat. Seit 2020 im 90PLUS-Team.

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