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Münchner Neujäger: Führt Kompany den FC Bayern zurück an die Spitze?

23. August 2024 | Spotlight | BY Michael Bojkov

Der Bundesliga-Start 2024/25 wird der erste seit zwölf Jahren sein, zu dem sich der FC Bayern nicht als amtierender deutscher Meister wähnen darf. Klar ist: Das soll eine absolute Ausnahme bleiben. Die Verantwortung, dafür zu sorgen, lastet auf den Schultern von Neutrainer Vincent Kompany.

Der FC Bayern und Kompany: Ein beidseitiger Auftrag

72 Punkte holte der FC Bayern in der vergangenen Bundesliga-Spielzeit, in der Vorsaison waren es deren 71 – die schlechtesten Werte seit 2010/11. Bayer 04 war der Nutznießer der über die letzten Jahre zunehmend verlorengegangenen Münchner Dominanz. Nun ist es an Neutrainer Vincent Kompany, den dritten Platz aus der Vorsaison einen Soßenklecks in den Vereinsannalen des FC Bayern sein zu lassen und ihn nicht zu einem Kapitel zu machen. Der Belgier will vielmehr sein eigenes Kapitel in München schreiben.



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Trotz der Tatsache, dass er beim Rekordmeister hinter Namen wie Xabi Alonso, aber auch Ralf Rangnick wohl nur die siebte Wahl war und der FC Bayern Kompanys erste Top-Adresse als Trainer ist, genießt der ehemalige Weltklasse-Verteidiger großes Vertrauen bei den Vereinsverantwortlichen. Andersherum müssen sie ihm dieses auch schenken. Denn: Eine erneute vorzeitige Trainerentlassung kann sich der FC Bayern schlichtweg nicht mehr erlauben. Mit Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel verschlissen die Münchner in den vergangenen 18 Monaten gleich zwei Trainer, die eigentlich eine Ära prägen sollten. Rechnet man ein Jahresgehalt und die Ablösesumme, die man für Kompany nach Burnley überweisen musste, mit drauf, gab der FC Bayern seit der Trennung von Hansi Flick vor der Jahren sage und schreibe 95 Millionen Euro für Ablösen, Gehälter und Abfindungen von Trainern aus. 

Ein Hauch Guardiola

Kompany soll es also richten. Eine junge Mannschaft entwickeln und den FC Bayern sowohl national als auch international zurück zum Erfolg führen. Damit das gelingt, ist auch eine klare fußballerische Marschroute vonnöten. Und die bringt der 38-Jährige mit. Kompany hat schon als Kapitän von Manchester City viel von seinem damaligen Trainer Pep Guardiola abgeschaut, und das zeigt sich auch durchaus in seiner Handschrift. Wenngleich nicht alle Mechanismen nach denen von Guardiola gehen, lässt Kompany einen sehr dominanten Fußball spielen und legt auch großen Wert darauf, dass die Kugel früh zurückerobert wird, wenn sie beim Gegner landet. Im Vergleich zum eher abwartenden und sehr statischen Fußball, den Vorgänger Tuchel an der Säbener Straße praktiziert hat, dürfen sich die Fans künftig wieder auf mehr Tempo und Dynamik im Spiel der Münchner einstellen.

Ein Transferfenster mit (verpassten) Chancen

Hierzu wurde der bereits auf vielen Positionen hochkarätig besetzte Kader um einige kluge Neuverpflichtungen ergänzt. Mit Palhinha, dessen Transfer im vergangenen Sommer in letzter Minute scheiterte, kommt die damals von Tuchel so vehement geforderte Holding Six. Der defensive Mittelfeldmann wurde für 51 Millionen Euro vom FC Fulham losgeeist. Ebenfalls aus der Premier League kommt der vielversprechende Offensivmann Michael Olise, für seine Dienste überwies der Rekordmeister 53 Millionen Euro an Crystal Palace. Hiroki Ito kommt für 23 Millionen Euro aus Stuttgart und verstärkt die Abwehr des Rekordmeisters. Die Verantwortlichen waren außerdem fest von Désiré Doué von Stade Rennes überzeugt und hatten auch schon die mündliche Zusage des talentierten und flexibel einsetzbaren Mittelfeldspielers, der sich am Ende jedoch gegen München und für einen Wechsel zum französischen Branchenprimus PSG entschied. 

Duellierten sich vor wenigen Monaten noch in der Premier League und spielen nun gemeinsam für den FC Bayern: Michael Olise (l.) und Palhinha

Duellierten sich vor wenigen Monaten noch in der Premier League und spielen nun gemeinsam für den FC Bayern: Michael Olise (l.) und Palhinha. (Photo by Henry Browne/Getty Images)

Weil man Vielverdiener wie Leon Goretzka oder Kingsley Coman nicht von der Gehaltsliste bekam, hat sich auf der Abgangsseite vorrangig in der Abwehr etwas getan: Mit Rechtsverteidiger Noussair Mazraoui und Innenverteidiger Matthijs de Ligt verkaufte der FC Bayern zwei Neuzugänge aus dem Sommer 2022 an Manchester United. Im Gegenzug kam allerdings kein neuer Verteidiger. Während rechts Winterneuzugang Sacha Boey in der Vorbereitung überzeugte und als Backup sowohl Leih-Rückkehrer Josip Stanisic als auch Joshua Kimmich oder Konrad Laimer infrage kommen, drückt der Schuh vor allem innen. Ito kann zwar auch dort spielen, war aber eigentlich vorrangig für die linke Seite eingeplant und fällt zudem vorerst verletzt aus.

Die einzige Alternative zu Dayot Upamecano und Min-jae Kim, die das Stamm-Pärchen bilden sollen, heißen aktuell Eric Dier und Stanisic, der aber auch eher auf der Rechtsverteidiger-Postion zu Hause ist. Bei Jonathan Tah waren den Verantwortlichen die Forderungen von Leverkusen zu hoch, außerdem betonte Sportdirektor Max Eberl zuletzt, dass auf der Zugangsseite nichts mehr passieren werde. Insofern ist davon auszugehen, dass der FC Bayern nur mit drei gestandenen Innenverteidigern in die Saison gehen wird. Ein Wagnis.

Das Problem ist nämlich nicht nur die fehlende Breite, sondern auch die Fehleranfälligkeit der ersten Garde. Sowohl Kim als auch Upamecano haben regelmäßig Wackler im Spiel, wobei vor allem letzterer nicht selten zu Aussetzern neigt. Auf der Linksverteidiger-Position hat der FC Bayern in Alphonso Davies, dessen Zukunft im Verein weiterhin ungewiss ist, und Raphael Guerreiro zwei Spieler, die defensiv ebenfalls nicht zur zuverlässigsten Sorte gehören. Das 18-jährige Eigengewächs Adam Aznou, dem der Durchbruch bei den Profis zuzutrauen ist, hat seine Stärken auch klar im Spiel nach vorne.

Dazu ist auch Manuel Neuer nicht mehr der sichere Rückhalt, der er jahrelang war. In der vergangenen Saison und auch während der Europameisterschaft leistete sich der mehrfache Welttorhüter immer wieder Unsicherheiten und auch Fehler, die zu Gegentoren führten. Die Defensive des Rekordmeisters ist also durchaus mit dem einen oder anderen Fragezeichen versehen, das es für Kompany zu berücksichtigen gilt. Spannend wird insofern auch zu beobachten sein, wie der neue Übungsleiter die richtige Balance aus Angriffspressing und einer sicheren Restverteidigung findet – ein Thema, mit dem sich schon die Vorgänger des Belgiers herumschlagen mussten.

FC Bayern | Zu fehleranfällig: Dayot Upamecano (l.) und Min-jae Kim

Zu fehleranfällig: Dayot Upamecano (l.) und Min-jae Kim (Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Palhinha und Olise geben Kompany mehr Möglichkeiten

Ist dahingehend vielleicht Neuzugang Palhinha die Lösung? Der Portugiese ist einen der besten Abräumer Europas und könnte angesichts der schwächelnden Abwehr eine große Stütze für die Münchner werden.

In einigen Vorbereitungsspielen und auch zum Pflichtspielauftakt im Pokal (4:0 beim SSV Ulm) setzte Kompany in seinem erprobten 4-2-3-1-System allerdings auf Eigengewächs Aleksandar Pavlovic und damit auf die technisch versiertere Variante an der Seite von Joshua Kimmich. Die Vorteile hier waren klar ersichtlich: Ein fluiderer Spielaufbau und mehr Kreativität aus dem Zentrum heraus. Genau wie Kimmich ist Pavlovic gut darin, auch unter Druck kreative Lösungen mit dem Ball zu finden und mit gezielten Pässen zwischen die Linien die Offensive in Szene zu setzen. Die Doppelsechs aus Pavlovic und Kimmich könnte auch dafür sorgen, dass der Rekordmeister wieder vermehrt über das Zentrum angreift.

Ohnehin: Mit Neuzugang Olise, der auf dem rechten Flügel beheimatet ist, gewinnt der fünffache Champions-League-Sieger auch in vorderster Front mehr Kreativität und Spielwitz. Der talentierte Franzose soll das Spiel der Münchner unberechenbarer gestalten und die Torproduktion weniger abhängig von Jamal Musiala und Harry Kane. Auf links sieht es danach aus, als würde sich Mathys Tel durchsetzen. In Tuchels System litt der junge Franzose häufig unter dem sehr statischen und kontrollierten Angriffsspiel. Kompany lässt seinen Spielern mehr Freiheiten und dass diese Tel entgegenkommen, machte sich bereits in der Vorbereitung bemerkbar. 

FC Bayern: Jamal Musiala (l.) sammelte in der letzten Saison 20 Torbeteiligungen, Harry Kane gar deren 56.

Jamal Musiala (l.) sammelte in der letzten Saison 20 Torbeteiligungen in allen Wettbewerben, Harry Kane gar deren 56. (Photo by RONNY HARTMANN/AFP via Getty Images)

Kann Kompany FC Bayern?

Kompany findet also einen Kader vor, mit dem sich durchaus arbeiten lässt und der – zumindest im Mittelfeld und im Angriff – auch in der Breite gut aufgestellt ist, um auf drei Hochzeiten gleichzeitig tanzen zu können. Auf dem Platz wird die wohl spannendste Frage sein, wie der neue Trainer die immer wiederkehrenden Abwehrprobleme in den Griff bekomm – zumal mit einer sehr offensiven Spielidee. Neben dem Platz muss der Belgier unter Beweis stellen, dass seine ihm häufig zugesprochene Führungskompetenzen auch in Anwesenheit großer Namen und Stars funktionieren.

Klar ist nämlich: Nach Stationen in Anderlecht und Burnley ist der FC Bayern Kompanys erster Klub von internationalem Format. Für den Belgier bringt das Chancen, gleichzeitig aber auch eine ordentliche Fallhöhe mit sich. Dass an der Säbener Straße Einzelschicksale gerne mal über das der Mannschaft gestellt wurden, haben auch schon Übungsleiter vor ihm zu spüren bekommen. Seine autoritären Kompetenzen hat der 89-fache belgische Ex-Nationalspieler jedenfalls schon mal anklingen lassen, indem er Goretzka ausbot. 

Auf der anderen Seite wird Kompany auch beweisen müssen, mit einer gehörigen Menge Druck von außen umgehen zu können. Die Mannschaft befindet sich immer noch in einem Umbruch und ein neuer Trainer braucht zweifelsohne Zeit, bis die einzelnen Rädchen auf dem Platz ineinandergreifen. Trotzdem wird es schnell unruhig, wenn die Mannschaft mal nicht gewinnt. Und alsbald eine Sieglos-Serie anbricht, dampfen auch schon die zahlreichen Pulverfässer an der Säbener Straße. Andersherum ist es auch an den Entscheidungsträgern des FC Bayern, einem neuen Trainer und dem Projekt die nötige Zeit zu geben. Der sportlichen Führungsriege um Eberl und Christoph Freund ist das zuzutrauen, zumal sie mit der Installation Kompanys – siebte Wahl hin oder her – ein bewusstes Risiko eingegangen sind. Aber sieht das dann auch der Aufsichtsrat um Uli Hoeneß so, dessen Wort auch bei sportlichen Entscheidungen noch immer Gewicht hat?

Klar ist: In Welche Richtung die Dinge beim Rekordmeister entwickeln, wird nicht nur auf dem Platz entschieden. Um nicht zu sagen: Vorwiegend nicht. Rein sportlich jedenfalls ist die Mannschaft dank ihrer Klasse auf vielen Positionen gerüstet. Und vielleicht ja auch dank eines unfreiwilligen Trainer-Coups – das wird sich zeigen. Ob es für die Meisterschaft reicht oder der sehr intakte amtierende Champion aus Leverkusen dafür nicht doch eine Baustelle zu wenig hat, ebenfalls. 

Text von Michael Bojkov

(Photo by Sebastian Widmann/Getty Images)

Michael Bojkov

Lahm & Schweinsteiger haben ihn einst zum Fußball überredet – mit schwerwiegenden Folgen: Von Newcastle über Frankfurt bis Cádiz saugt Micha mittlerweile alles auf, was der europäische Vereinsfußball hergibt. Seit 2021 im Team. Hat unter anderem das Champions-League-Finale 2024 und die darauffolgende Europameisterschaft vor Ort für 90PLUS begleitet.


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