Hertha BSC nach dem Derby: Das Gegenteil des Erhofften

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Volles Olympiastadion, solide Ansätze gegen Hoffenheim und auch in Leverkusen, eine Mannschaft, die vom erfahrenen Trainer Felix Magath motiviert wurde und die Chance, mit einem Sieg für einen wichtigen Impuls im Kampf gegen den Abstieg zu sorgen: Das Derby war für Hertha BSC mit vielen Hoffnungen auf ein positives Resultat verbunden. Die Realität sah und sieht aber ganz anders aus. 

Mit 1:4 verlor die Alte Dame das Stadtduell und der Rivale aus Köpenick ging somit in allen drei Spielen dieser Saison als Sieger vom Platz. Das Hinspiel ging an Union, im Pokal kam die Fischer-Elf ebenfalls weiter und das Ergebnis am 29. Spieltag kam einer Demütigung gleich. Vor allem, weil es nur wenige Phasen gab, in denen Zweifel am Ausgang der Partie für Union berechtigt gewesen wären. Die Ernüchterung war nach dem Spiel groß.

Hertha BSC und die verdiente Niederlage

Schon vor der Partie am Samstag war die Rollenverteilung klar. Die Alte Dame ist längst nicht mehr tonangebend in der Hauptstadt, verlor die ersten beiden Derbys der Saison gegen den FC Union, der dort steht, wo es Hertha BSC gerne würde. Abstiegskampf traf auf Europa-Hoffnung und auf dem Platz war von Beginn an zu erkennen, welche Mannschaft reifer war. Vieles im Spiel von Hertha war Stückwerk. Pass, Ballannahme, Kopf hoch, überlegen, nächster Pass. Union konnte mit einfachen Mitteln eine gute Ordnung in der Defensive beibehalten, das Verschieben gegen die zaghaften Angriffsbemühungen erfolgte problemlos.

Das genaue Gegenteil war zu erkennen, wenn Union den Ball hatte. Schnell, schnörkellos und nahezu automatisch ging es mit drei, vier Pässen in das Angriffsdrittel. Auch die Fünferkette half den Gastgebern wenig. Sheraldo Becker und Taiwo Awoniyi funktionieren als Offensivduo mit einer Mischung aus Wucht und Dynamik einfach hervorragend, beide verstehen sich blind. Aufrückende Außenverteidiger und Spieler aus dem Zentrum, die die Räume klug besetzten, machten früh einen Unterschied. Ohne einen sehr guten Marcel Lotka, der als einer von wenigen Hertha-Akteuren den Eindruck machte, die Lage verstanden zu haben und alles in die Waagschale zu werfen, wäre der Rückstand wohl schon früher zustande gekommen.

Hertha Union

(Photo by Boris Streubel/Getty Images)

Trotzdem traf Union durch Genki Haraguchi, seines Zeichens ein Ex-Herthaner, zur Führung. Eine wirkliche Reaktion der Gastgeber gab es nicht, Union hätte die Partie eigentlich schon in den ersten 45 Minuten für sich entscheiden können. Nach Umstellungen zur Pause ging ein kurzer Ruck durch die Mannschaft. Eine erste wirklich gute Idee führte dann auch zum Eigentor von Timo Baumgartl, das etwas glücklich war, weil Torhüter Frederik Rönnow wegrutschte. Doch selbst der Ausgleich sorgte nicht für Sicherheit, im Gegenteil: Union spielte unbeirrt sein typisches Spiel weiter, auf das Hertha keine Antwort hatte. 1:2, 1:3, schließlich 1:4. Der Abend nahm den Verlauf, der sich in den ersten Minuten schon angedeutet hatte.

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Ein Abend, der sinnbildlich für die Situation steht

Dass der FC Union die deutlich bessere Mannschaft war, wurde bereits ausführlich analysiert. Abgesehen von der mannschaftlichen Dominanz gab es aber noch weitere, einzelne Situationen an diesem Abend, die sinnbildlich für die aktuelle Lage standen. Angefangen bei Kapitän Dedryck Boyata. Zwar enttäuschte das Kollektiv, aber ausgerechnet der Kapitän erwischte einen extrem unglücklichen Abend. Das 1:2 war eine perfekte Zusammenfassung des Spiels des Belgiers. Die gesamte Abwehr stand auf einer Linie, hätte Union-Außenverteidiger Niko Gießelmann in das Abseits gestellt, aber Boyata pennte, stand eineinhalb Meter tiefer und hob zu allem Überfluss als einziger Verteidiger die Hand, um Abseits zu reklamieren.

Interviews vom Kapitän sieht man auch nicht, stattdessen stellte sich der 20-Jährige Lotka, der erst eine Handvoll Bundesligapartien auf dem Buckel hat. Zudem fehlte Boyata nach dem Spiel in der Kurve, während sich die restliche Mannschaft den Fans stellte. Das war aber nicht die einzige sinnbildliche Aktion. Zeichen auf dem Platz wurden nicht gesetzt, weder verbal noch in Zweikämpfen. Union war in vielen Situationen hartnäckiger und entschlossener und zumindest in diesen Aspekten hätte Hertha BSC dagegenhalten müssen.

Felix Magath, Trainer des abstiegsbedrohten Teams aus der Hauptstadt, ließ nichts unversucht und brachte den jungen Julian Eitschberger von Beginn an auf der Außenverteidigerposition. Damit überraschte er viele, mutmaßlich auch sich selbst. Denn nach dem Spiel im Sky-Interview wollte Magath partout der Name des Youngsters nicht einfallen. Der erfahrene Trainer druckste herum, dass „der junge Mann…“ es ganz ordentlich gemacht habe. Das erinnerte schon sehr an Christian Gross und sein kurzes Intermezzo auf Schalke in der Vorsaison.

Hertha BSC: Alles in der eigenen Hand, aber Fragezeichen überwiegen

Einen Tag nach der Derbyniederlage legte Magath gegenüber der Bild noch einmal nach, beklagte tiefgreifende Probleme: „Wir sind ein Team, das keine Mannschaft ist. Im Training sind alle engagiert, aber wir können das nicht auf dem Platz umsetzen. Für die Fans wirkt das unkoordiniert. Es sind fast alles Einzelaktionen. Ich verstehe den Unmut der Fans.“ Nun lässt sich argumentieren, dass es gerade die Aufgabe von Magath sein dürfte, aus dem Team eine Mannschaft zu formen, die in den kniffligen Spielen im Kampf gegen den Abstieg in die 2. Bundesliga zumindest die typischen Tugenden wie Intensität, Kampf, Leidenschaft und gegenseitige Unterstützung zeigt. Aber nach drei Spielen bleiben mehr Fragen offen, als beantwortet wurden.

Ja, Hertha BSC hat noch alles in der eigenen Hand. Augsburg, Stuttgart, Bielefeld: Die nächsten drei Spiele sind von immenser Bedeutung und haben allesamt Endspielcharakter. Eine Leistungssteigerung muss her, doch wo soll diese herkommen? Hertha BSC ist aktuell leicht ausrechenbar, nach vorne wenig kreativ, defensiv anfällig, wenn der Finger in die Wunde gelegt wird. Viele Patronen sind schon verschossen, der erneute Trainerwechsel erfolgt und selbst ein kurzes Trainingslager wurde schon abgehalten. Vergleicht man die Spiele des FC Augsburg und des VfB Stuttgart mit denen von Hertha BSC, dann liegen Welten dazwischen.

Die Hoffnung scheint daher aktuell eher die Relegation zu sein. Hier müsste man sich gegen Arminia Bielefeld im Duell um Platz 16 behaupten. Die Ostwestfalen haben auch mit Problemen zu kämpfen, befinden sich in einer schwachen Form. Doch selbst bei einem Erreichen der Relegation träfe der Hauptstadtklub auf ein Team aus der 2. Bundesliga, das viel Selbstvertrauen mitbringt. Schalke, Bremen, St. Pauli, Darmstadt, vielleicht Nürnberg: Eine klare Außenseiterrolle hätte derzeit wohl keines dieser Teams gegen Hertha BSC inne. Es ist also noch ein weiter Weg.

(Photo by Boris Streubel/Getty Images)

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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