Sein geplantes Abendprogramm musste Merlin Polzin streichen. Für das Aktuelle Sportstudio reichte die Energie des kränkelnden Erfolgstrainers des Hamburger SV nicht mehr. „Es war schon mal besser“, sagte der 35-Jährige nach dem 3:2 (2:1)-Erfolg gegen Union Berlin. Und fügte erschöpft, aber zufrieden an: „Der Sieg hilft auf jeden Fall, dass es hoffentlich schnell wieder bergauf geht.“
Für sein Team geht es schon seit Wochen bergauf. Fünf Spiele in Folge ohne Niederlage, zu Hause gar seit sieben Partien ungeschlagen – Polzin hat den HSV im Saisonverlauf nach durchaus schwierigem Start spürbar entwickelt und mit dem Aufsteiger klar Kurs auf das Ziel Klassenerhalt genommen. Viele Jahre ist es her, als der Nordklub zuletzt in der Bundesliga so positive Schlagzeilen schrieb.
„Ich glaube, es wäre vom Ergebnis und von der Leistung her ein guter Moment gewesen, um etwas mehr von mir und uns zu erzählen“, sagte Polzin dem ZDF zu seinem verpassten Fernsehauftritt, seine Rolle übernahm Mittelfeld-Kämpfer Nicolai Remberg.
HSV mit guter Bilanz zuletzt
Schon die Partie gegen Union um Polzins früheren Chef Steffen Baumgart hatte zuvor vieles über die Hanseaten verraten. Auch ein Rückstand sorgte nicht für Zweifel – mit der Wucht des Stadions im Rücken erwiesen sich die Rothosen erneut als gefestigt. „Ich bin sehr froh darüber, es kann so weitergehen“, sagte Doppel-Torschütze Ransford Königsdörffer, der dem konterstarken HSV mit seiner Schnelligkeit und wiederentdeckter Abschlussstärke ein weiteres Stilmittel bringt: „Unsere ganze Mannschaft ist im Flow.“
Seit dem Rückrundenbeginn konnte noch kein Team den stabilen HSV aushebeln, auch Bayern München versuchte es vergeblich. Mit 25 Punkten ist die Ausbeute der Hamburger beachtlich, sie bereichern immer mehr das Fußball-Oberhaus. Mit spielerisch überzeugenden Auftritten, aber auch mit all der Tradition, die den Klub ausmacht.
„Wir wollten dieses Spiel anlässlich des Jubiläums zum 1887. Bundesliga-Spiel zu etwas Besonderem machen und gewinnen“, sagte Polzin. Die Zahl entspricht dem Gründungsjahr des Traditionsklubs, der ein enorm großes Potenzial besitzt. Um dies weiter entfalten zu können, muss der Ligaverbleib auf Jahre gesichert werden.
Derzeit deutet sich an, dass dies in dieser Saison trotz spürbarer Nebengeräusche rund um die Trennung von Sportvorstand Stefan Kuntz sicher gelingen kann. Polzins Team wirkt erwachsen, gereift. „Was beim HSV passiert, gefällt mir im Moment sehr gut“, sagte auch Sky-Experte Dietmar Hamann.
Für Polzin und Co. gilt es nun im Duell am kommenden Freitag beim direkten Konkurrenten FSV Mainz 05 den nächsten Nachweis ihrer Resilienz zu erbringen. In Luka Vuskovic fehlt der Abwehrchef nach seiner fünften Gelben Karte gesperrt. Die gute Defensive (31 Gegentore) ist bislang eine der großen Stärken des HSV.

