Sami Khedira | Teamplayer bis zum Schluss

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Spotlight | Mit Sami Khedira verlässt am kommenden Wochenende ein Großer die Fußballbühne. Der Weltmeister von 2014 stand wie kaum ein anderer für Grundtugenden dieses Sports.

Khedira: „Arbeite hart, gib jeden Tag alles, sei diszipliniert und höflich“

„Nutzt die Chance, gebt Gas, haut alles raus, was ihr habt. Es lohnt sich, jede einzelne Minute zu kämpfen und jede Sekunde zu arbeiten“, sagte Sami Khedira (34) auf seiner Abschieds-Pressekonferenz. „Es lohnt sich, auch mal einen Schmerz über sich ergehen zu lassen und Rückschläge zu erleiden.“ Wenn es jemand wissen muss, dann Khedira. Seine Krankenakte ist so lang, will man sich ihre komplette Historie auf transfermarkt.de ansehen, muss man vier Mal umblättern. Und trotzdem hat der Mittelfeldspieler nahezu alles gewonnen, was der Fußball zu bieten hat. Er wurde Weltmeister, Champions-League-Sieger, Meister in Deutschland, Spanien und Italien. Insgesamt sind es 20 Titel, die Khediras grandiose Karriere schmücken. „Was ich in den 15 Jahren erleben durfte, ist wunderbar und hat mich geprägt“, resümierte der heute 34–Jährige. „Ohne Leidenschaft, ohne Energie, ohne Emotionalität geht es nicht – egal, wie viel Talent du hast.“

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Foto: IMAGO

Immer wieder hat sich Khedira zurückgekämpft. Auf eindrucksvolle Weise gelang ihm 2014 nach nur sechs Monaten das Comeback, sodass er noch rechtzeitig für das Champions-League-Finale und die Weltmeisterschaft fit wurde. Beide Turniere sollte er gewinnen. Womöglich war der gebürtiger Stuttgarter nie der talentierteste Fußballer in seinen Mannschaften. Doch er wird mit Sicherheit stets am härtesten gearbeitet haben. „Mein Papa hat mir immer beigebracht: Arbeite hart, gib jeden Tag alles, sei diszipliniert und höflich – dann wirst du belohnt“, erinnert sich Khedira. „Vielleicht habe ich besonders gut gearbeitet und war besonders höflich, ich weiß es nicht. Der liebe Gott hat es gut mit mir gemeint, aber es war auch extrem viel Arbeit und Intensität dahinter.“

Khedira holte alles aus sich heraus – bis zum Ende

Mit genau dieser Einstellung hat sich Khedira bis zur Weltspitze gearbeitet. In seiner gesamten Karriere hat Khedira die Werte, die ihm sein Vater mit auf den Weg gab, gelebt. „Jedes Kapitel, jede Station, jede Saison war eine Herausforderung für sich. Man muss sich immer neu beweisen, sonst ist mal schnell auf dem Abstellgleis“, erklärte er. Beim VfB Stuttgart mauserte er sich schnell zum Leistungsträger, 2007 wurde Khedira mit seinem Ausbildungsverein Deutscher Meister. 2010 zog es ihn dann zu Real Madrid – er stellte sich den Herausforderungen und Erwartungen eines der größten Vereine der Welt. Auch dort setzte sich Khedira in noch jungen Jahren gegen all die Stars durch. Für keinen Klub sollte er in seiner Karriere mehr Spiele bestreiten – 161 waren es am Ende. Khedira wurde für seinen Arbeitsethos geschätzt, die Schönspielern wie Christiano Ronaldo oder Mesut Özil hielt er auf der Sechs den Rücken frei.

 

Verletzungen und womöglich talentiertere, spektakulärere Spieler pflasterten seinen Weg – doch am Ende setzte sich Khedira immer durch. Auch bei seinem Wechsel zu Juventus Turin im Jahr 2015 stieß er zu einem wahren Starensemble dazu. Trainer Massimiliano Allegri erwartete zudem mehr von ihm, als nur das reine Arbeiten gegen den Ball. Der Mittelfeldspieler sollte sich auf offensiv mehr zeigen. Und Khedira? Passte sich an die Anforderungen an und lieferte. In seinen ersten drei Saison bei der „alten Dame“ erzielte er 19 Tore und gab 12 Vorlagen. So setzte sich Khedira ein weiteres Mal auf überraschende Weise durch. „Mein Dank geht an Real Madrid und Juventus Turin, wo ich zehn Jahre an der europäischen Spitze war und an der europäischen Spitze mitkratzen durfte“, blickte er zurück. „Ich durfte dort Geschichte schreiben und als Mensch extrem reifen.“

Khediras letzte Mission in Berlin – Erfolg in anderer Gestalt

Doch irgendwann machen die müden Knochen einfach nicht mehr so mit. Der Fußball wird immer schneller, der eigene Körper jedoch langsamer. Und so endete die Zeit bei Juventus im Februar 2021 nach fünfeinhalb Jahren. In Turin wurden die Dienste des Routiniers nicht mehr benötigt, in Berlin umso mehr. Überraschend präsentierte Hertha BSC Khedira in der Winter-Transferperiode. Bei den Blau-Weißen wurde zuvor ein Führungsvakuum festgestellt, dass der Weltmeister mit all seiner Erfahrung füllen sollte. Bereits bei seiner Vorstellungs-PK präsentierte sich Khedira einmal mehr als absoluter Profi und Teamplayer. „Es geht hier nicht um Sami Khedira, nicht um meine Person, sondern nur um den Verein Hertha BSC“, betonte er damals.

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Foto: IMAGO

Der mittlerweile 34-Jährige sollte auf und neben dem Platz helfen, dem noch jungen und nicht zusammengewachsenen Kader Struktur und Führung zu schenken. Die Komponente „auf dem Platz“ kam bei seinem fünfmonaten Engagment verletzungsbedingt allerdings sehr kurz. Letzendlich spielte Khedira nur acht Mal für die Berliner, drei Mal stand er von Anfang an auf dem Feld. Bei den letzten drei Spielen konnte Mittelfeldspieler nur zugucken. Dennoch wurde Khedira während seiner Zeit bei Hertha durchgehend von Mannschaft, Trainerteam und Verantwortlichen gelobt. Zwar kam er auf wenige Einsatzminuten, als „verlängerter Arm“ des Trainers Pal Dardai nahm er trotzdem einen großen (positiven) Einfluss. „Der Mensch und Spieler Khedira hat Großartiges geleistet“, stellte Dardai klar. „Nicht nur sein Name war Weltklasse, sondern auch das, was er gemacht hat.“

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Es ist zu hören gewesen, dass Khedira, obwohl verletzt, zu jeder freien Minute beim Team war. Er war bei jedem Training, jedem Spiel, zu jeder Zeit in der Kabine. Seine positive und professionelle Art färbte dabei auf die Mannschaft ab, die durch einen gestärkten Zusammenhalt den Klassenerhalt noch packte. „Er hatte vom ersten Tag an einen großen Zugriff auf alle Spieler. Sie haben ihm zugehört“, ordnete Sportdirektor Arne Friedrich die Bedeutung Khediras für Hertha ein. „Er ist einer der professionellsten Sportler, die ich erlebt habe, ein absoluter Vollprofi. Für unsere Mannschaft war er extrem wichtig. Ich bin froh, dass wir ihn hier hatten.“

So kam der Erfolg in anderer Gestalt, als sie Khedira gewohnt war: Statt einem Titel wurde es der Klassenerhalt, statt auf dem Feld zu ackern, belebte er das Team von außen. Die Werte blieben aber dieselben: „Arbeite hart, gib jeden Tag alles, sei diszipliniert und höflich – dann wirst du belohnt.“

Marc Schwitzky

Foto: IMAGO

Marc Schwitzky

Erst entfachte Marcelinho die Liebe zum Spiel, dann lieferte Jürgen Klopp die taktische Offenbarung nach. Freund des intensiven schnellen Spiels und der Talentförderung. Bundesliga-Experte und Wortspielakrobat. Seit 2020 im 90PLUS-Team.

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