Der FC Bayern vor dem Umbruch: Analyse und Probleme

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Dem FC Bayern München steht in den kommenden Transferperioden eine schwere Aufgabe bevor. Der Verein muss sich umstrukturieren, einen Umbruch vorantreiben. Mit Philipp Lahm und Xabi Alonso gehen zwei erfahrene Spieler, prägende Figuren. Auch andere Stars, die nicht mehr lange für den Verein auflaufen, müssen perspektivisch ersetzt werden. Zudem ist der Kader ohnehin nicht besonders groß und die Konkurrenz auf dem europäischen Markt ist bereit viel Geld zu investieren. 

Der Verein befindet sich derzeit an einem Punkt, an dem es nicht verziehen wird, wenn grobe Fehler begangen werden. Die Vergangenheit zeigte, dass es immer wieder Vereine gab, die an dieser Aufgabe gescheitert sind. Es müssen große Spieler ersetzt werden. Der FC Bayern verfügt über herausragende Strukturen und fähige Personen in der sportlichen Leitung, aber es gibt auch Aussagen und Entwicklungen, die manche Fans zu einer gewissen, vorsichtigen Skepsis bewegen. In den folgenden Artikeln wird diese Thematik detailliert analysiert, auf Probleme hingewiesen und es werden potenzielle Neuverpflichtungen vorgestellt.

Das erneute Ausscheiden

Philipp Lahm und Xabi Alonso bestritten am vergangenen Dienstag in Madrid ihr letztes Spiel auf europäischer Bühne. Zwei große Fußballer konnten im Endeffekt nicht verhindern, dass der FC Bayern erneut in der Königsklasse an einer spanischen Spitzenmannschaft scheiterte. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Lahm und Alonso gehören zu einer älteren Generation an Spielern, die beim FC Bayern ersetzt werden müssen. Beide hören nach dieser Saison auf, für beide wurde noch kein direkter Ersatz verpflichtet. Die Duelle mit Real Madrid zeigten, dass der Kader vielleicht in der Breite doch nicht so gut ist, wie man dachte. Dass es Dinge gibt, die weiterhin optimiert werden müssen. Dass andere Vereine vielleicht doch noch einen Schritt voraus sind.

(Photo by Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Real Madrid fehlten mit Raphael Varane und Pepe gleich zwei starke Innenverteidiger. Trotzdem funktionierte das Defensivkonstrukt gut, denn mit Abwehrchef Ramos und mit Nacho standen immer noch zwei gelernte Innenverteidiger auf dem Platz. Der FC Bayern hätte bei einem durchaus realistischen Ausfall von Boateng oder Hummels aufgrund der Sperre von Javi Martinez einen ungelernten Spieler in die Innenverteidigung setzen müssen, zudem konnte Robert Lewandowski nicht adäquat ersetzt werden, weil Thomas Müller als alleinige Spitze nicht gut funktioniert. Das mögen zwar Eventualitäten und Kleinigkeiten sein, sind im Endeffekt aber genau die Dinge, die auf diesem Niveau den Unterschied bedeuten können. Real Madrid war besser vorbereitet. Und konnte die Ausfälle gut kompensieren.

Die Gefahr des Schönredens

Natürlich spielte gegen Real Madrid besonders im Rückspiel der Schiedsrichter eine Rolle. Es wurden unglückliche Entscheidungen getroffen, auf beiden Seiten. Der FC Bayern wurde gewiss etwas benachteiligt und es wurde in das Spielgeschehen eingegriffen, das ist wahr. Die Wahrheit ist aber auch, dass der FC Bayern in beiden Spielen aus dem Spiel heraus nur wenig Torgefahr kreieren konnte. Manuel Neuer rettete häufig in brenzligen Situationen, musste herausragende Paraden zeigen. Keylor Navas wurde deutlich weniger gefordert. Real Madrid war über weite Strecken das gefährlichere Team, auch wenn Bayern einige gute Phasen hatte. Das wird aber gerne übersehen, andere Dinge zum Thema gemacht.

Der Verein manövriert sich dadurch in eine potenziell gefährliche Situation. Schiebt man die Schuld zu sehr auf den Schiedsrichter und vergisst, dass man in vielen Phasen unterlegen war, nicht den notwendigen Zugriff hatte, besteht die Gefahr, dass man die eigenen Verfehlungen verdrängt. In den letzten Jahren schied der FC Bayern aufgrund verschiedenster Umstände aus. Die laufende Saison in der Champions League war aber die schwächste der letzten Jahre. Von Beginn an. Die Niederlagen in Madrid und in Rostov in der Gruppenphase waren unnötig, gegen die PSV wurde auch nicht über 180 Minuten überzeugt. Die hohen Siege im Achtelfinale gegen Arsenal sollten zudem nicht überbewertet werden. Man hat sich nun in den vergangenen 4 Jahren immer an einer spanischen Mannschaft die Zähne ausgebissen und die Konkurrenz aus Turin, Monaco, Paris, London und Manchester schläft nicht, holt auf.

Fehlendes Puzzleteil Sammer

Diese Probleme entstanden aber nicht plötzlich. Sie entwickelten sich in den letzten Jahren. Der FC Bayern hat es verpasst frühzeitig die Weichen zu stellen und muss nun abarbeiten, was zuletzt versäumt wurde. Jemand, der immer ein Auge für drohende Schwierigkeiten hatte, war Matthias Sammer. Sammer musste krankheitsbedingt im April 2016 eine Auszeit nehmen, beendete die Zusammenarbeit mit dem FC Bayern später auch aus anderen Gründen. Auch wenn Sammer manchmal in den Medien als ein Mitglied des Bayernvorstandes ohne große, eigenständige Aufgabe belächelt wurde, hatte der FC Bayern mit ihm eine erfolgreiche Zeit. Eine sehr erfolgreiche sogar.

(Photo by Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

Matthias Sammer hat sich um alle Abläufe innerhalb des Vereins gekümmert. Er hatte alle Abteilungen im Blick, hat selbst kleinste Unstimmigkeiten im Kern beseitigt. Die Kommunikation im Verein funktionierte hervorragend, jeder wusste, was er tun muss, um den Verein auf dem Level zu halten, auf das er sich mühevoll gehievt hat. Man erkennt erst jetzt, wie wichtig der „Mahner“ Sammer war. Seine Interview mögen zeitweise anstrengend gewesen sein, doch er hob in den entscheidenden Phasen zurecht den Finger, wollte Selbstzufriedenheit vermeiden. Und weiterarbeiten. Unter Sammer wurde an allen Stellschrauben gedreht, mit Michael Reschke wurde ein absoluter Experte in Sachen Scouting verpflichtet, der Bau des Nachwuchsleistungszentrums wurde vorangetrieben.

Das Problem Sportdirektor

Doch Fakt ist, dass Matthias Sammer nicht mehr da ist. Und es ist auch sonst niemand da, der diese Aufgaben ausfüllen kann. Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge bestimmen die Geschicke beim FC Bayern, sind wohl auch ein Mitgrund, warum Philipp Lahm den Posten nicht übernehmen wird. Zumindest nicht sofort. Auch Max Eberl wird nicht Sportdirektor. Einerseits ist er glücklich in Mönchengladbach, andererseits gäbe es eine Kompetenzverschwendung, wenn der gut vernetzte, im Scouting weitgehend erfolgreiche Eberl beim FC Bayern für die sammerschen Aufgaben zuständig wäre.

Es wird schwierig einen geeigneten Kandidaten zu finden. Prinzipiell müsste dieser neue Sportdirektor keine herausragenden Qualifikationen oder eine große Erfahrung mitbringen. Er muss wie Sammer Probleme erkennen und diese ansprechen. Auch gegenüber Hoeneß und Rummenigge. Es muss ein Typ gefunden werden, der keine Scheu davor hat, bei diesen beiden Patriarchen Dinge einzufordern und darauf hinzuweisen, dass gehandelt werden muss. Vielleicht suchen sie aber auch jemanden, den man kontrollieren kann. Jemand, der nicht die unangenehmen Wahrheiten anspricht.

Hoeneß, Rummenigge und viel Gerede

Es ist also möglich, dass Hoeneß und Rummenigge Teil des Problems sind. Niemand vergisst diesen beiden Personen, was sie in der Vergangenheit für den FC Bayern getan haben. Niemand zweifelt daran, dass beide für die Geschichte dieses Vereines von unmessbarem Wert sind, aber die Aussagen in der jüngeren Vergangenheit sorgen zumindest für ein wenig Stirnrunzeln. Es besteht durchaus die Gefahr, dass man sich von der nationalen Dominanz blenden lässt und es einen Tag X geben wird, an dem man realisiert, dass man schneller und effizienter hätte handeln müssen. Einen Xabi Alonso kann man fußballerisch sicher ersetzen, vielleicht sogar perspektivisch intern. Menschlich ist das schon komplizierter. Bei Philipp Lahm wird es auch sportlich keine leichte Aufgabe. Mal wird kommuniziert, dass Kimmich sicher der neue Rechtsverteidiger werden soll, mal sagt man, dass Javi Martinez wieder in das Mittelfeld gehen könnte, mal wird Sanches auf eine Ebene gehoben, die er zurzeit noch nicht erreichen kann.

(Photo by Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Die Aussagen von beiden wirken unüberlegt, sind teilweise widersprüchlich. Dass sowohl Hoeneß als auch Rummenigge eine gewisse Sturheit mitbringen, ist ohnehin klar. Das spiegelt sich auch in den Aussagen zu etwaigen großen Transfers wieder. Der FC Bayern muss in Zukunft seine Marschroute ein wenig überdenken. Niemand fordert, dass man 2 Blockbustertransfers pro Jahr tätigt, aber wenn Weltklasse den Verein verlässt, muss man versuchen diese ebenso mit Weltklasse zu ersetzen. Dass das Geld kostet, mehr als dem FC Bayern lieb ist, ist klar. Mit Talenten und ambitionierten Nachwuchsspielern alleine kann man den Aderlass nicht kompensieren. Ribéry und Robben sind zwei der besten Fußballer, die jemals für den FC Bayern gespielt haben. Douglas Costa ist unkonstant und kokettiert mit einem Wechsel, Kingsley Coman ist noch nicht einmal offiziell verpflichtet und befindet sich noch im Anfangsstadium seiner Entwicklung.

Nachhaltige Jugendförderung ein Risiko

Der FC Bayern, allen voran Uli Hoeneß, verspricht sich viel von seinem neuen Nachwuchsleistungszentrum. Das ist ein legitimer Wunsch, aber es ist absolut unmöglich mit der Jugend zu planen. Zurzeit stehen die Jugendabteilungen des deutschen Rekordmeisters gut da, aber ob sich aus diesen Mannschaften 2-3 Spieler hervortun, die nachhaltig das Zeug für den FC Bayern haben, bleibt abzuwarten. 2009, als Badstuber, Müller, Alaba und Contento ihre Chance bekamen, war die Situation in München eine komplett andere. Man hatte zwar diese guten, jungen Spielern, die das Vertrauen bekamen, aber der Kader war insgesamt deutlich schwächer als der heutige. Es war „einfacher“ sich in die erste Mannschaft zu spielen.

Zuletzt kamen beispielsweise mit Schöpf oder Höjbjerg immer noch solide Bundesligaspieler aus der Jugend der Bayern. Spieler dieser Qualität werden auch weiterhin nachkommen, vielleicht sogar häufiger. Aber es ist ein Risiko, wenn man plant, dass die eigene Jugend langfristig Planstellen im Kader besetzt. In der Entwicklung junger Spieler kann viel passieren, der Markt ist bereits bei den 14-jährigen Jugendspielern umkämpft. Auch der FC Barcelona schafft es nicht mehr, seine Spieler direkt aus der eigenen Jugend zu beziehen, häufig müssen diese Talente zuerst verliehen werden und woanders ihre Erfahrungen sammeln. All diese Faktoren müssen bedacht werden. Womöglich stellt man es sich in der Führungsetage des Vereins etwas zu einfach vor.

 

Im nächsten Teil wird der Kader unter die Lupe genommen, die Aussichten für die nächste Saison analysiert und mögliche Transferziele im Tor und in der Verteidigung detailliert beleuchtet. 

Teil 2: http://wp12974880.server-he.de/der-fc-bayern-vor-dem-umbruch-der-kader-und-moegliche-transferziele-in-der-defensive/

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

Alle Kommentare


  • SofaTrainer sagt:

    Sehr gute Analyse. Derzeit wird selbst aus einem Uli-Fan schon mal ein Kritiker. Die Aussagen wirken nicht aktuell. Man hat den Eindruck der FC Bayern verschläft eine große Chance aufgrund eines „es ging doch früher auch“. Vielleicht braucht es auch in der Führungsetage mal frischen Wind. Ein Sammer wird benötigt, der ohne Blatt vor dem Mund den Finger in die Wunde legt. Ein moderner, ehrgeiziger Trainer wird benötigt, der junge Spieler entwickeln kann (vor allem wenn gesagt wird die Jugend soll mehr eingebunden werden).

    Es wird einem derzeit bange, dass die alten Männer den Weg für zeitgemäße Lösungen in allen Bereichen blockieren könnten. Der typische Hoeness Ablauf wäre jetzt zu sagen „was wollts ihr denn, wir sind doch Meister“, keiner großen Verstärkungen kommen, man hängt noch weiter hinterher, wird in zwei Jahren nicht mal mehr Vizemeister, Carlo muss gehen, dann wird wieder wütend investiert und in 6,7 oder 8 Jahren ist Bayern vielleicht wieder oben dabei. Gerade jetzt wo die Vermarktung in China und den USA gut läuft wäre das ein Megafehler.


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