Der sturköpfige Retter – Nigel Pearson im Porträt

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Leicester City hat in der abgelaufenen Saison erfolgreich die Klasse gehalten. Dies verdankte der Aufsteiger vor allem einem sensationellen Schlussspurt. Die Füchse befanden sich fast in der gesamten Spielzeit auf einem Abstiegsplatz. Als Vater dieses Erfolgs wird Aufstiegscoach Nigel Pearson gesehen, der auch gerne in Pressekonferenzen von sich Reden macht.

Pearson gilt als knallharter Disziplinfanatiker. Darüber hinaus nimmt er auf Pressekonferenzen häufig kein Blatt vor den Mund, weshalb in den Medien oftmals kontrovers über seine Person diskutiert wird. Dies führte sogar soweit, dass sich BBC-Journalist Pat Murphy auf einer Pressekonferenz während der Zeit der erwähnten Aufholjagd berufen fühlte, Pearson eine fast zehnminütige Standpauke über Benimmregeln zwischen Trainern und Journalisten zu halten, deren Inhalt Pearson nicht sonderlich zu interessieren schien. Der Mitschnitt wurde wie viele der Pressekonferenzen des Leicester Trainers ein Klickfänger auf Youtube.

Nichtsdestotrotz ist es außergewöhnlich, dass sich ein Trainer von einem lokalen Reporter, der offensichtlich mit dem Klub fiebert, in einer solchen sportlichen Phase mit derartigen Worten bedacht wird. Doch weshalb wird die Person Pearsons trotz der sportlichen Erfolge bisweilen so kritisch betrachtet?

Relikt aus einer anderen Zeit

In der heutzutage glitzernden Welt der Premier League, welche mit Rekordeinnahmen und unzähligen TV-Formaten marketingtechnisch der europäischen Konkurrenz enteilt, wirkt Pearson wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Wenn Jose Mourinho mit seinem nonchalant bewusst offenen italienischen Krawattenknoten in Armani gekleidet an der Seitenlinie steht, wirkt der stets etwas grimmige drein schauende Pearson samt seines Bürstenschnitts wie der siamesische Zwilling von Vinnie „die Axt“ Jones.

Sein fußballerisches Handwerk erlernte der Innenverteidiger bei Shewsbury Town in der rauen Second Division der 1980er Jahre. 1987 wagte er den Sprung in die First Division zu Sheffield Wednesday, wo er sportliche Höhen und Tiefen erlebte.

So stieg er mit Sheffield 1990 aus der First Division ab, jedoch führte er den Klub als neuer Mannschaftskapitän zum direkten Wiederaufstieg und gewann sogar sensationell im Finale des League Cups gegen Manchester United. Nach sieben Jahren bei „den Eulen“ schloss er sich 1994 dem Zweitligist FC Middlesbrough an. Mit dem Klub pendelte Pearson ebenfalls zwischen der ersten und zweiten Liga, bevor er 1998 nach einem erneuten Wiederaufstieg seine Karriere beendete.

 

Erster Trainerjob bei Carlisle

Bereits am im Dezember des Jahres 1998 konnte Pearson einen Trainerposten bei dem abstiegsbedrohten Carlisle United in der drittklassigen Football League ergattern. Am Ende der Saison hielt den Klub mit Pearson die Klasse, als der von Pearson ausgeliehene Torwart Jimmy Glass im entscheidenden Spiel gegen Plymouth Angle in der Nachspielzeit traf.

Nach dem Spiel ging Pearson auf eine mehrjährige Lern-Odysee als Co-Trainer. So arbeitete er von 1999 bis 2008 bei Stoke City, West Bromwich Albion, der englischen U21-Nationalmannschaft und Newcastle United als Assistent. Den nächsten Job als Cheftrainer erhielt Pearson im Februar 2008 beim FC Southampton. Auch hier bewies er seine Retterqualitäten, als er den Klub vor dem drohenden Abstieg aus der Football League Championship in der Saison 2007/08 bewahrte. Die Saints verlängerten den auslaufenden Vertrag mit Pearson nicht und so schloss sich dieser im Sommer 2008 zum ersten Mal Leicester City an.

Pearson schafft den Aufstieg

Leicester startete in der Saison 2008/09 in der Football League. Am Ende der Saison schafften die Füchse mit Pearson souverän mit 96 Punkten den Aufstieg. Auch in der Football League Championship konnten Pearson und seine Mannschaft ihre Erfolgsserie fortführen. Der Aufsteiger qualifizierte sich direkt für die Playoffs um den Aufstieg in die Premier League, wo man im Halbfinale gegen Cardiff City unglücklich im Elfmeterschießen den Kürzeren zog.

Die konsequente Art Pearsons bekam damals Abwehrchef Wayne Brown zu spüren, der in der Kabine verlauten ließ, er habe bei den britischen Unterhauswahlen 2010 für die weit rechts stehende British National Party gestimmt, was innerhalb des Teams vor allem bei den englischen Spielern mit Migrationshintergrund für Ärger sorgte. Brown wurde aufgrund des Vorfalls für die Playoffs nicht berücksichtigt. Mit dem damaligen Besitzer Milan Mandaric soll Pearson ebenfalls zwischenmenschliche Probleme gehabt haben.

Nachfolger stand schon parat

Dies gipfelte schließlich darin, das Mandaric zum Playoff-Rückspiel gegen Cardiff mit dem möglichen Nachfolgekandidat Paulo Sousa auf der Tribüne saß. Pearson ließ verlauten, dass man „kein Raketenwissenschaftler sein muss, um zu verstehen, was hier gerade gespielt wird“ und schloss sich im Sommer 2010 Hull City an.

Mit den Tigers landete er im seinem ersten Jahr auf einem enttäuschenden elften Platz, brach dabei jedoch den klubinternen Rekord von 14 aufeinander folgenden Auswärtsspielen ohne Niederlage. In der seiner zweiten Saison lief es bedeutend besser, man befand sich von Beginn der Saison in Schlagdistanz zu den Aufstiegs-/Playoff-Plätzen. Umso überraschender kam im November 2011 die Anfrage von Pearson mit seinem Ex-Klub Leicester verhandeln zu dürfen!

Mandaric weg, Pearson wieder da

Die Füchse lagen zu dieser Zeit nur im Mittelfeld der Liga, allerdings war der von Pearson verhasste ehemalige Besitzer Mandaric nicht mehr im Amt, was Pearson veranlasste zum zweiten Mal Trainer von Leicester City zu werden. Die Spielzeit 2011/12 wurde auf dem neunten Rang beendet. In der folgenden Spielzeit konnte sich Leicester nach drei Jahren erneut für die Playoffs qualifizieren, erlebte hier jedoch die ganze Grausamkeit des Fußballs.

Nachdem die Füchse das Hinspiel gegen Watford mit 1:0 für sich entscheiden konnten, hatten sie im Rückspiel beim Stand von 2:1 für Watford in der siebten Minute der Nachspielzeit einen Elfmeter zugesprochen bekommen. Anthony Knockheart scheiterte an Manuel Almunia, im direkten Gegenzeug traf Troy Deeney zum 3:1 und schickte Watford zum Playoff-Finale nach Wembley. Pearsons und sein Team erholten sich jedoch von diesem Rückschlag und stiegen im nächsten Jahr als Championship-Meister 2013/14 endlich in die Premier League auf.

Namenhafte Verstärkungen

Damit das Abendteuer Premier League nicht bereits nach nur einem Jahr zu Ende sein sollte, investierte Pearson das Budget in namhafte Verstärkungen. Die Füchse verpflichteten unter anderem mit Danny Simpson, Marc Albrighton oder Matthew Upson Spieler mit Erfahrung in Englands höchster Spielklasse. Die Königstransfers waren jedoch Stürmer Leonardo Ulloa, der die hohe Ablöse von 10 Millionen Euro mit 11 Toren rechtfertigen konnte, und allen voran das Herzstück im Mittelfeld Esteban Cambiasso. Der Saisonstart verlief jedenfalls viel versprechend.

Die Füchse zeigten gegen Chelsea und Arsenal gute Auftritte und sorgten am 5. Spieltag für das Spiel der Saison: Nach einem 1:3 Rückstand im heimischen King Power Stadium gegen Manchester United drehten die Füchse das Spiel in den letzten 30 Minuten in ein sensationelles 5:3. Dies sollte für eine längere Zeit das letzte freudige Erlebnis für Anhänger der Füchse sein, denn in den nächsten drei Monaten holten Pearson und seine Männer lediglich zwei magere Punkte.

Die Kritik der Medien und der Fans an Pearson und seinen taktischen Entscheidungen wurde zunehmend größer. Pearson versuchte, nach dem bewährten 4-4-2 aus dem Aufstiegsjahr, ein neues Spielsystem zu etablieren, allerdings verbesserten weder der Wechsel zu einem 4-3-3 noch zu einem 4-1-4-1 die sportliche Situation. Selbst mit der Rückkehr zum 4-4-2 konnte der Negativtrend nicht gestoppt werden. Wie es um Pearsons Nervenkostüm in dieser Zeit bestellt war, zeigte sein Ausbruch gegenüber einem Leicester-Fan bei der Niederlage an der Anfield Road im Dezember letzten Jahres.

Nachdem er während des Spiels von den negativen Kommentaren eines Fan zunehmend genervt war, rief er ihm aus der Coaching Zone ein charmantes „F*** off and die“ zu. Später verschlimmerte er den ganzen Vorfall auf der anschließenden Pressekonferenz, als er kund gab, es gebe ihn für keinen Anlass sich für irgendetwas entschuldigen zu müssen. Der Jahreswechsel in Leicester dürfte nichtsdestotrotz bedingt durch die rote Laterne und dem verbalen Ausbruch äußerst frostig gewesen sein.

 

Robert Huth – Der Fels in der Brandung

Dafür gelang ihm im darauf folgenden Transferfenster ein echter Coup, der große Bedeutung für der späteren Klassenerhalt haben sollte: Pearson lieh Robert Huth aus, der bei Stoke City nur noch Edelreservist war. Trotzdem ging die sportliche Talfahrt zunächst weiter und nach der 0:1 Heimniederlage gegen den direkten Konkurrenten Crystal Palace schien die Zeit von Pearson nicht nur aus sportlichen Gründen abgelaufen.

Als Palace-Spieler James McArthur bei einem Tackling in Pearsons Coaching Zone rutschte und den Trainer dabei aus dem Gleichgewicht brachte, sah es aus als würge Pearson den am Boden liegenden McArthur, nur um ihn dann aufzuhelfen und dann doch am Trikot festzuhalten, damit dieser nicht unmittelbar auf das Spielfeld zurückkehren konnte. Für Pearson gab auch dieses Verhlaten keinen Anlass für eine Entschuldigung. In einer Nacht der Verwirrung meldeten mehrere englische Medien, dass Pearson entlassen worden wäre, was der Verein per Pressemeldung dementieren ließ.

Pearson vs. Lineker

Pearson bezeichnete die Geschehnisse als eine Geschichte, die unnötig aufgeblasen worden wäre und zielte damit vor allem auf die Berichterstattung des „Match of the Day“-Teams um Gary Lineker, welchen er als „Brunnen der Weisheit“ verhöhnte. Einige Wochen später ließen die Füchse trotz ansprechender Leistung beim 0:0 Unentschieden gegen den späteren Absteiger Hull City abermals Punkte liegen.

Der Rückstand war enorm und Leicester hatte bis dahin gerade vier Siege einfahren können. Am nächsten Spieltag verloren die Füchse in einem packenden Spiel an der White Hart Lane bei den Tottenham Hotspurs mit 4:3. In den entscheidenden Situationen hatte Leicester erneut nicht das nötige Quäntchen Glück gehabt. Der Abstieg schien nun tatsächlich so gut wie besiegelt. Doch komischerweise änderte sich von da an alles.

Das Team von Pearson begann endlich damit sich für seine oftmals ansprechenden Leistungen auch zu belohnen. Am 31. Spieltag konnte der ersehnte erste Sieg seit Januar mit einem 2:1 Heimerfolg gegen West Ham United gefeiert werden können. Im nächsten Spiel entführte Leicester drei Punkte bei West Bromwich Albion, als James Vardy in der 90. Minute den umjubelten 3:2 Siegtreffer erzielte.

Leicester war nun wieder richtig dabei im Kampf um den Klassenerhalt und Pearson traf zu diesem Zeitpunkt eine geniale taktische Maßnahme. Er stellte von Vierer- auf Dreierkette um, welche wahlweise zu einer Fünferkette mit den laufstarken Außenspielern Albrighton und dem Deutschen Jeffrey Schlupp werden konnte. Die Dreierkette bestehend aus Kapitän Wes Morgan, Robert Huth und Marcin Wasilewski ließ vom 33. bis zum 37. Spieltag kein Gegentor mehr zu.

Wieder Probleme bei der PK

In den fünf Spielen konnte Leicester vier Siege und ein Remis verbuchen, wodurch der lang ersehnte Sprung von den Abstiegsplätzen gelang. Diese eindrucksvolle Serie wurde nur durch die 1:3 Heimniederlage beim Nachholspiel des 27. Spieltags gegen den späteren Meister Chelsea geschmälert. Auch hier sorgte Pearson erneute für einen Eklat, als er auf der Pressekonferenz einen Reporter als „Strauß“ bezeichnete, da dieser aufgrund einer gestellten Frage wohl kein Spiel der Füchse in dieser Saison gesehen habe und nach Pearson´s Mutmaßung seinen Kopf in dieser Zeit im Sand gehabt haben müsse.

Kurz darauf wies BBC-Journalist Pat Murphy Pearson in der bereits oben erwähnten Standpauke (Kleiner Auszug: „Sie haben kein Angst, dass Sie als paranoider Tyrann dastehen?“) zu Recht und rundete mit diesem Novum das Best-Of der Pressekonferenzen von Nigel Pearson in der vergangenen Saison adäquat ab. Den Nebengeräuschen zum Trotz konnte Leicester bereits am 37. Spieltag durch ein 0:0 beim AFC Sunderland vorzeitig den Klassenerhalt feiern.

 

5:1-Kantersieg zum Abschluss

Pearson wurde zum Premier League Trainer des Monats April gekürt und hat ebenfalls gute Chancen diese Trophäe auch für den Monat Mai zu gewinnen. Am letzten Spieltag wurden die turbulenten Wochen der Aufholjagd mit einem 5:1 Kantersieg gegen den designierten Absteiger Queens Park Rangers, der ironischerweise dadurch mit der ungeliebten roten Laterne in der Hand absteigen musste, welche die Füchse die meiste Zeit der Saison inne hatten, gebührend abgeschlossen.

Nigel Pearson hat in dieser Saison Geschichte geschrieben. Leicester war erst das dritte Team, das die Klasse halten konnte, nachdem es an Weihnachten auf dem letzten Platz stand. Insgesamt stand Leicester in der abgelaufenen Spielzeit an sage und schreibe 140(!) Tage auf dem letzten Tabellenplatz. Bei einer sportlichen Misere solcher Tragweite ist enorme mentale Stärke gefragt um die Nerven zu bewahren.

 

„Harte Schale, weicher Kern“

Das Pearson diese in einigen Situationen abging, ist menschlich und nachvollziehbar, allerdings natürlich nicht in der Art und Weise wie es beispielsweise an der Anfield Road geschah. Sich selbst charakterisiert wie viele, die als vermeintliche Badboys gelten, mit dem gerne verwendeten Stereotyp „harte Schale, weicher Kern“.

Ob dies tatsächlich zutrifft, kann dahingestellt bleiben. Die Diskussion zeigt nämlich auch gleichzeitig das seltsam zweiseitige Denken der Fußballwelt, die einerseits nach „Typen wie früher“ lechzt und sie bei einem Schuss über das Ziel hinaus umgehend als „unverbesserliche Starrköpfe“ verteufelt.

Marius Merck

Eine Autogrammstunde von Fritz Walter weckte die Leidenschaft für diese Sportart, die über eine (“herausragende”) Amateurkarriere bis zur Gründung von 90PLUS führte. Bei seinem erklärten Ziel, endlich ein “Erfolgsfan” zu werden, weiter erfolglos.

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