FC Schalke 04 | Plötzlich Tabellenführer, plötzlich wieder geliebt

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Der FC Schalke 04 wirkte jahrelang wie eine Karikatur seiner selbst. Größenwahnsinnig und borniert taumelte der Verein durch die Bundesliga, bis er zu einer Neustrukturierung gezwungen wurde. Nun, fünf Spieltage vor Saisonende, steht der Klub an der Tabellenspitze der 2. Bundeliga – und wird von seinen Fans geliebt wie lange nicht mehr.

Zwischen der Trennung von Gazprom, einer Trainerentlassung und dem Versuch, das Vereinsumfeld zu erneuern, spielt sich Schalke 04 in einen königsblauen Freudentaumel. Im eigenen Stadion, vor über 50.000 Zuschauern in der Veltins-Arena, übernimmt Schalke die Tabellenführung. Die Euphorie auf dem Rasen und Rängen war spürbar, als erst Dominick Drexler per Kopf, dann Ko Itakura traumhaft und schlussendlich Simon Terodde entfesselt zum 3:0 gegen den FC Heidenheim trafen. Heidenheim, ein Konkurrent im Kampf um die zwei direkten Aufstiegsplätze und den ungeliebten Relegationsplatz. Der Sieg war also in doppelter Hinsicht richtungsweisend. Erstens zur Selbstvergewisserung, zweitens als Zeichen an die Konkurrenz: Wer aufsteigen will, muss am FC Schalke 04 vorbei.

Ein irrender FC Schalke 04

Vor einem Jahr noch, als der Verein aus der ersten Bundesliga abgestiegen ist, war Schalke mehr eine Karikatur seiner selbst als der Traditionsklub, der er eigentlich sein wollte. Jahre, in denen der Verein und das Umfeld an chronischen Größenwahn litten, haben die Finanzen sowie das Image gleichermaßen überreizt. Der Verein war blank, um die Lizenz wurde gebangt und der Abstieg wurde vom gemeinem Fußballfan mit einem süffisanten Grinsen zur Kenntnis genommen.

Irgendwie, so schien es, verkörperte der sich als „Arbeiterverein“ inszenierende FC Schalke 04 zu viel von dem, was im modernen Fußball falsch läuft. Raffgier, Größenwahn, Gewissenlosigkeit. Die Distanz zwischen den Fans und dem Klub wurde von Jahr zu Jahr größer. Ein Umdenken schien unmöglich, ein Richtungswechsel nicht zu erkennen. Auch nicht in weiter Ferne.

Identifikation als Tugend

Doch dann kam es zu sportlich, wirtschaftlich und personell tiefen Einschnitten. Ein Verein, der jahrelang mit einem Brett vor dem Kopf durch Deutschland irrte, wurde gezwungen, dieses Brett abzunehmen. Der Patriarch Clemens Tönnies (65) trat im Juni 2020 nach erheblichem Druck zurück. Über ein Jahr später stieg der Verein in die zweite Bundesliga ab. Wiederum über ein halbes Jahr später zwang der russische Angriffskrieg den Verein, sich vom langjährigen Hauptsponsor und Größenwahnfinanzierer Gazprom zu trennen.

Plötzlich war Schalke wieder das, als was er sich seit jeher inszeniert: Ein klammer, aber ehrlicher Arbeiterverein. Und nicht mehr ein größenwahnsinniger, autokratischer Oligarchenverband. Diesem neuen, alten Image entsprechend verpflichteten die Verantwortlichen einen Trainer, durch dessen Adern königsblaues Blut fließt. Mike Büskens (54), der als Spieler zehn Jahre in Gelsenkirchen verbrachte und seine Trainerkarriere bei Schalke startete, wurde mit dem Projekt Aufstieg betraut. Ein Trainer, der nicht als sonderlich modern oder innovativ gilt, aber eine Qualität hat, die in der aktuellen Lage für den FC Schalke 04 wichtiger zu sein scheint als alles andere: Er identifiziert sich mit dem Verein, den Fans, der Stadt.

Dass diese Hinwendung zu den Grundlagen, zu dem, für was der Verein vor über hundert Jahren angetreten war, nun zu Erfolg führt, ist eine der schöneren Geschichten in einer Zeit, in der Fußballklubs sich immer weiter von ihren Fans entfernen. Dieser Trend läuft beim FC Schalke gerade in die entgegengesetzte Richtung. Die Fans waren dem Klub seit Jahren nicht mehr näher als heute. Ausgerechnet an dem Tag, an dem nach über zwei Jahren wieder über 50.000 Menschen in der Veltins-Arena zusammenkamen.

Fünf Spiele liegen noch vor dem FC Schalke 04. Das Besondere dabei: Vier dieser Spiele sind gegen die vier direkten Verfolger des neuen Tabellenführers. Erst Darmstadt, dann Bremen und nach einer „Verschnaufpause“ gegen Sandhausen warten St. Pauli und Nürnberg auf die Königsblauen. Bisher konnte Mike Büskens jedes seiner drei gecoachten Spiele gewinnen. Nun, mit den Fans im Rücken, stehen die wichtigsten Wochen der Saison bevor.

(Photo by Dean Mouhtaropoulos/Getty Images)

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