„Juventus hat die Chance, Real lahmzulegen“ – Das große Europapokalinterview

UEFA CL/EL

Es ist soweit: Die beiden Endspiele im Europapokal stehen an. Die perfekte Zeit ist gekommen, um sich noch einmal mit der vergangenen Saison zu beschäftigen.

Im Interview mit Constantin Eckner von „Spielverlagerung.de“ reden wir über dieses Thema und befassen uns mit den Endspielen, den Problemen der Premier League und einem Vorausblick auf internationale Möglichkeiten der Bundesligisten

Die Kollegen von Spielverlagerung befassen sich akribisch mit ausgewählten Themen, analysieren Spiele für Taktikfreunde bis ins kleinste Detail und bieten selbst für denjenigen, dessen Fokus nicht unbedingt auf der detaillierten Taktikanalyse liegt, umfassenden und sehr interessanten Lesestoff.

Wenn man die Saison im Europapokal vorbehaltlich der Endspiele Revue passieren lässt: Welche Entwicklungen sind dabei insgesamt aufgefallen? In welche Richtung entwickelt sich der Fußball insgesamt?

Eckner: Insbesondere in aufsehenerregenden Partien wie dem Rückspiel zwischen Real Madrid und Bayern München wurde recht deutlich, dass im Moment wenige Teams über kollektivtaktische Überlegenheit Spiele für sich entscheiden. In dieser Hinsicht hatte der Fußball wahrscheinlich vor zwei oder drei Jahren einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Aktuell geht es wieder mehr in Richtung Individualfokus.

„Entscheidend für Real sind oftmals die Einzelspieler“

Madrid ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Natürlich haben die Blancos ein taktisches System, aber entscheidend sind oftmals ihre Einzelspieler und deren autonome Entscheidungen auf dem Feld. Dieser Trend könnte sich in naher Zukunft weiter fortsetzen, was aber nicht heißt, dass wir keine taktisch herausragenden Mannschaften mehr sehen werden. Es sind wohl auch typische Wellenbewegungen, die wir hier beobachten.

Welche Mannschaften haben dich in dieser Europapokalsaison besonders überrascht, sowohl im positiven, als auch im negativen Sinn? Gibt es besondere, charakteristische Spiele, die dir in Erinnerung geblieben sind?

Eckner: Ich möchte nicht unbedingt sagen, dass es mich überrascht hat, aber am überzeugendsten trat in meinen Augen Juventus auf. Das Team verbindet Individualität und mannschaftliche Geschlossenheit wie nahezu kein zweites in der Champions League. Eine Überraschung in meinen Augen war Ajax. Jeder kannte das Talent, das in der Mannschaft steckt. Aber dass es die Niederländer derart weit bringen, war nicht wirklich vorherzusehen.

(Photo by EMMANUEL DUNAND/AFP/Getty Images)

„Englische Teams einmal mehr eine Enttäuschung“

Eine Enttäuschung waren einmal mehr die englischen Teams. Klar, wir haben uns mittlerweile fast daran gewöhnt, dass in der Champions League oftmals im Achtelfinale Schluss ist. Schockierend erschien in dieser Spielzeit, dass sie selbst individuell nicht mehr derart viel zu bieten haben. Also neben einem Mangel an taktischen Neuerungen kommt auch noch eine schlechte Transferpolitik und mittelmäßige Weiterbildung der vorhandenen Spieler hinzu.

Das teilweise spektakuläre Monaco unter Jardim, ein fokussiertes, offensiv ausgerichtetes Ajax unter Bosz: Ist es derzeit so, dass man mit vielen jungen, talentierten, aber teilweise noch unerfahrenen Spielern Erfolge feiern kann, solange die Mannschaft homogen zusammengestellt ist und eine maßgeschneiderte, den Stärken entsprechende taktische Ausrichtung besitzt?

Eckner: Man kann Monaco zugutehalten, dass Leonardo Jardim das System wirklich auf die Stärken seines Teams ausgerichtet hat. Nun kommt ein großes Aber: Monaco überzeugte weitestgehend mit simplen Konterfußball und einer ungemeinen Stärke im Torabschluss. Anhand der Expected-Goals-Werte können wir schon erkennen, dass die Monegassen über ihren eigentlichen Möglichkeiten performten. Ajax hat das mit jungen Talenten wirklich sehr gut gemacht und andere Teams könnten demnächst auf ähnliche Weise in Europa Erfolge feiern. Selbst RB Leipzig würde ich trotz der investierten Millionen in diese Kategorie einordnen. Und im Gegensatz zu Monaco und Ajax werden die Sachsen sogar ihren Kader weitestgehend zusammenhalten können, wodurch wir eine Mannschaft beim Wachsen beobachten dürfen.

Wagen wir einen Blick auf die beiden anstehenden Endspiele. Wie würdest du die Ausgangsposition sowohl in der Europa League als auch in der Königsklasse einschätzen? Können Ajax und Juventus die Favoriten knacken und wenn ja, wie?

Eckner: Ich sehe Real Madrid nicht als Favorit, sondern werte das Finale in der Champions League als ein Duell auf Augenhöhe. Juventus hat gewiss die Chance, die Spanier lahmzulegen. Die defensive Kompaktheit und die leitenden Bewegungen im Pressing könnten Madrid weniger offensive Gelegenheiten bieten, als Zidanes Team sonst erhält. Sicherlich sollte Juventus nicht zu oft Cristiano Ronaldo ins Eins-gegen- Eins mit Andrea Barzagli lassen. Und auch etwaige Schnitzer wie jenen von Atléticos Defensive gegen Karim Benzema dürfen nicht passieren. Auf der anderen Seite des Spielfeldes können Paulo Dybala und Co. in jedem Fall die Madrilenen zum Schwitzen bringen.

(Photo by GIUSEPPE CACACE/AFP/Getty Images)

„Ideenloses United keine Überraschung“

Manchester United ist auf dem Papier klarer Favorit … wenn man die letzten Monate und die gezeigten Leistungen auf dem Rasen komplett ausblendet. Gegen Ajax spricht, dass die Niederländerwahrscheinlich defensiv nicht stabil genug sind, um das Finale erfolgreich zu bestreiten. Aber würde eine ideenlose Vorstellung von United überraschen? Mich nicht.

Abschließend noch der Sprung nach Deutschland. Wie würdest du die Saison der deutschen Teilnehmer in der Champions League resümieren und welche Chancen haben in der kommenden Saison die jungen, ambitionierten Mannschaften aus Hoffenheim und gerade aus Leipzig?

Eckner: Wirklich von Erfolg geprägt war diese Europapokalsaison nicht. Wenn man sich deren Leistungen in der Liga anschaut, haben sich Bayer Leverkusen und Schalke 04 noch ganz gut geschlagen. Bayer ließ in der Gruppenphase Tottenham hinter sich, Schalke scheiterte knapp im Viertelfinale. Bei Borussia Dortmund kam einiges zusammen – einerseits der Anschlag und andererseits mit den konterstarken Monegassen ein undankbares Los. Bayern schaffte es unterdessen nicht, die individuell überlegenen Madrilenen mit taktischen Mitteln zu schlagen.

„Leipzig kann für Aufsehen sorgen“

Wenn alles perfekt läuft, könnte RB Leipzig bestimmt in der kommenden Saison ins Viertelfinale vorstoßen. Ralph Hasenhüttl wird diese Premiere in der Königsklasse sicherlich auch dazu nutzen, sich mit seiner Mannschaft an das Niveau und den Rhythmus dieses Wettbewerbs heranzutasten. Mit ihrer Pressing- und Umschaltstärke könnte Leipzig gerade in Duellen mit Top-Teams für Aufsehen sorgen.

(Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Im Fall von Hoffenheim bin ich mir unsicher, wie die Verluste von Niklas Süle und Sebastian Rudy kompensiert werden können. Im Moment funktioniert alles reibungslos und gerade der schnelle Aufbau und die Stärke auf den Flügeln sind wichtige Elemente des Erfolgs. Landet man in Sinsheim den einen oder anderen Coup auf dem Transfermarkt (und bekommt beispielsweise Serge Gnabry), könnte das Niveau womöglich gehalten werden. Ein leichter Abfall würde aber nicht überraschen. Das gilt genauso für andere Europapokalteilnehmer, etwa die Hertha aus Berlin.

 

Vielen Dank für deine Zeit! 

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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