Hauptsache, der Ball rollt | Der DFB und der ewige Herr Koch

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Eine Kolumne über die Zankereien und Intrigen des DFB. Über Rainer Koch, den personifizierten Schurken und die Herkulesaufgabe, vor der der neue DFB-Präsident steht. Wer auch immer es im Endeffekt wird.


„Hauptsache der Ball rollt“ erscheint künftig wöchentlich. Jeden Montag als Rückblick darauf, welche wechselseitigen Auswirkungen von Fußball und Politik in der vergangenen Woche wichtig waren. Um die Mär, Fußball sei unpolitisch, der noch immer einige Funktionäre hinterhersinnen, zu widerlegen.


Seit zwei Wochen, seitdem Wladimir Putin russische Truppen in die Ukraine einmarschieren ließ, ist die Welt vor allem eines: ein Ort voller Unsicherheit. Auch im Fußball erodierten lange unantastbar geglaubte Fakten. Für FIFA, UEFA, der FC Schalke 04 und weitere Akteure war Sittlichkeit plötzlich wichtiger als Geld. Der Applaus dafür sollte sich allerdings in Grenzen halten, denn dieser Sittlichkeit wandten sich die Fußballakteure erst zu, als man sich ihr nicht mehr entziehen konnte – außer man heißt Gerhard Schröder. Eine Konstante, in dieser plötzlich so integreren Fußballwelt gab es aber auch in der letzten Woche: eine Razzia beim DFB. Im neuesten von zahlreichen gegen den DFB vorliegenden Ermittlungsverfahren geht es um einen möglichen „Scheinvertrag“ in Höhe von 360.000. Der DFB verkündete seinerseits fast erleichtert, dass es sich lediglich um ein Verfahren gegen einen ehemaligen Mitarbeiter handele.

Brisant ist diese neuerliche Razzia auch, weil am Freitag, dem 11. März, wieder mal ein „Neuanfang“ im Deutschen Fußball-Bund bevorsteht. Nach drei Präsidenten in den letzten zehn Jahren, von denen kaum einer freiwillig zurückgetreten ist, zahlreichen staatsanwältlichen Durchsuchungen in den Geschäftsstellen und der einschneidenden „Spiegel“-Enthüllung zur gekauften Fußball-Weltmeisterschaft 2006 soll erneut mit den Altlasten aufgeräumt werden. Der DFB-Bundestag wird am Freitag im Bonner Kongresszentrum zusammenkommen und einen neuen DFB-Präsidenten wählen. Erstmals in der Geschichte des Verbandes dürfen die Abgeordneten, die hauptsächlichen aus den Landesverbänden entstammen, zwischen zwei Kandidaten wählen: Bernd Neuendorf und Peter Peters.

Heere Motive treibe beide nach eigenen Aussagen an. Basis und Spitze, Kreisliga und Bundesliga sollen wieder näher zusammengeführt werden. Etwas unvermeidliches, denn das Image des DFB könnte kaum Schlechter sein. Diese bei Fußballfans seit Jahren vorhandene Gefühl wurde von einer Umfrage der Universität Würzburg und Hochschule Ansbach nun noch einmal bestätigt.

83 Prozent der über 11.000 Befragten gaben an, dass der DFB die Interessen der Amateure nicht ausreichend vertrete und mehr als 90 Prozent bewerten das Image des Deutschen Fußball-Bundes als „schlecht“ oder „sehr schlecht“. Wird eine Person an der Spitze dieses riesigen Tankers dieses Problem lösen können? Nein, da sind sich Experten und langjährige Beobachter des deutschen Fußballs einig. Bereits die beiden letzten Präsidenten, Reinhard Grindel und Fritz Keller, seinen mit der aufrichtigen Motivation angetreten, den DFB in eine positive Richtung zu erneuern, allerdings an den strukturelle Verkrustungen gescheitert. Strukturelle Verkrustungen – wenn davon im Zusammenhang mit dem DFB gesprochen wird, fällt im nächsten Satz häufig ein Name, nämlich der von Rainer Koch.

Rainer Koch und sein Hang zum Nebulösen

Nur wenn Koch gehe, könne sich der DFB erneuern, heißt es in zahlreichen Medien. Koch ist seit über 20 Jahren beim DFB tätig und seit 2007 Vizepräsident des Verbandes. Dieser banal klingende Fakt ist allein schon angesichts des Verschleißes an Präsidenten in dieser Zeit bereits erwähnenswert. Denn der DFB sorgte in dieser Zeit für zahlreiche Skandale und die Präsidenten mussten gehen, weil sie für ebendiese Verantwortung übernehmen mussten. Dass der Vizepräsident mit alledem nichts zutun haben soll und von Skandal zu Skandal immer weiter an Macht gewinnt, ist zumindest unwahrscheinlich. Zudem: Berichte, die Koch unredliches Verhalten vorwerfen, gibt es zahlreiche.

Beispielsweise gibt es da die Recherchen der „Süddeutschen Zeitung„, dass Koch schon vor der Veröffentlichung von der „Spiegel“-Enthüllung in der zur gekauften WM 2006 gewusst haben soll. Am Rande eines Länderspiels im Oktober 2015 habe Koch bei einem Treffen mit Amateurfunktionären Andeutungen gemacht, dass demnächst eine „Spiegel“-Recherche veröffentlicht würde, die erhebliche Auswirkungen auf den damaligen Präsidenten Wolfgang Niersbach haben könnte. Diese Andeutungen sollen so markant gewesen sein, dass DFB-Vertreter sogar beim „Spiegel“ anfragten, ob eine DFB-schädliche Geschichte geplant sei.

Auf der kurz nach der Veröffentlichung einberufenen Telefonkonferenz habe er dann emotional beteuert, dass er auch erst durch die Spiegel-Veröffentlichungen von diesem Thema erfuhr. Eine unwahre Aussage, wie Reinhard Grindel, Ex-DFB-Präsident und zu jenem Zeitpunkt Schatzmeister beim DFB, in einem „ZDF“-Interview behauptete: Koch habe von den Recherche gewusst aber weder Präsidium noch Präsident davon unterrichtet und damit eine frühzeitige interne Aufklärung blockiert, die dem Image des DFB geholfen hätte, sagte Grindel. Koch bestreitet die Aussagen von Grindel und der SZ bis heute.

Die fragwürdigen Verstrickungen von Rainer Koch gehen laut der „Süddeutschen Zeitung“ noch weiter. Erfahren haben von der bevorstehenden „Spiegel“-Veröffentlichung soll er von Medienberater Kurt Diekmann. Und ebendieser Diekmann spielte auch eine entscheidende Rolle, als Reinhard Grindel 2019 vom Amt des DFB-Präsidenten zurücktrat. Grund dafür waren Enthüllungen des „Spiegel„:  Grindel hat eine Rolex als Geschenk von einem Geschäftspartner angenommen und als Aufsichtsratsvorsitzender der DFB-Medien Verwaltungsgesellschaft zusätzlich 78.000 Euro im Zeitraum Juli 2016 bis Juli 2017 verdient, ohne, dass die Öffentlichkeit darüber informiert wurde.

Pikant mit Blick auf Koch: Der Informant für den „Spiegel“ soll dabei  sein langjähriger Freund Kurt Diekmann gewesen sein. Doch wieso tat Diekmann das? Aus moralischer Verpflichtung, dass der DFB-Präsident sein Amt nicht missbrauchen darf? Eine Mail, die Diekmann laut der „SZ“ kurze Zeit später an den verantwortlichen Redakteur des „Spiegel“ schrieb, lässt anderes vermuten. Darin hieß es: „Chapeau! Mit dieser Grosskalibersalve habt ihr (haben wir) die Munitionskammer des Grinch erwischt.“ Der Grinch ist dabei offenbar Reinhard Grindel.

DFB-Wahl: „Für“oder „gegen“ das System Koch?

Und als wären all diese Hintertürgeschichten noch nicht genug, statte Koch seinen Freund Diekmann kurz nach Grindels Rücktritt mit einem Beratervertag beim DFB aus. In Höhe von 372 000 Euro. Er solle dabei helfen, die Sommermärchen-Affäre aufzuklären, hieß es damals. Wofür er dieses Geld wirklich bekommen hat, ist bis heute unklar. Fritz Keller, der DFB-Präsident der auf Grindel folgte, war laut der „SZ“ zudem nicht in diesen Prozess eingebunden. Der Vertrag wurde von Koch im Geheimen dirigiert.

Die Wahl am Freitag wird also auch eine Wahl für oder gegen das „System Koch“, wie es oft genannt wird, sein. Bernd Neuendorf steht für eine gemeinsame Zukunft mit Koch, Peter Peters für eine Zukunft ohne Koch (auch wenn Peters selbst bei Weitem kein Heiliger ist). Dies verkündeten die beiden im Vorfeld bereits. Und auch drei ehemalige DFB-Präsidenten ergriffen nun Partei. „Beenden Sie das System Koch und sorgen Sie für einen echten Neuanfang im DFB“, schrieben Theo Zwanziger, Reinhard Grindel und Fritz Keller in einer gemeinsamen Erklärung.

Die härtesten Worte fand Keller: „Meine Erfahrung ist: Koch ist ein Spaltpilz, er lebt von der Intrige. Sein System ist das des Beschwörens von falschen Feindbildern, des Druckausübens. Ich bin sicher, die Delegierten wissen aus eigener Erfahrung, wovon ich rede.“ Koch wies diese Vorwürfe von sich und sagte gegenüber der „Sportschau„: „Es handelt sich um pauschale diffamierende Äußerungen ohne Substanz. Fakt ist, dass ausschließlich persönliche Verfehlungen zu den Rücktritten geführt haben.“ Das nächste Kapitel in der Seifenoper DFB und eine Startvoraussetzung für den neuen DFB-Präsidenten, die schlechter nicht sein könnte. Schlecht, wenn Koch geht. Und noch schlechter, wenn Koch bleibt.

(Photo by Thomas Boecker-DFB/Handout/Getty Images)

 

 

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