Messi will Barça verlassen – Wie konnte es so weit kommen?

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Als sich am Dienstagabend die Nachricht verbreitete, dass Lionel Messi „seinen“ FC Barcelona nach 20 (!) Jahren noch in diesem Sommer verlassen will, konnten es die meisten wohl kaum glauben. Doch bei genauerer Betrachtung begegnen einem etliche Gründe, die zu dieser Entscheidung beigetragen haben. Wir begeben uns für euch auf Ursachenforschung.

1. Der Präsident

„Der Fisch stinkt vom Kopf“, so sagt es Volksmund und auch in diesem Fall dürfte er damit durchaus recht haben. 

Der Noch-Barça-Präsident Josep Maria Bartomeu spielt hier eine ganz entscheidende Rolle, doch eigentlich müsste die Überschrift hier sogar „Die Präsidenten“ lauten, denn die Geschichte reicht noch etwas weiter zurück.

Am 1. Juli 2010, also zum Start der Saison 2010/11, in der der FC Barcelona womöglich seinen absoluten Zenit erreichte, trat Sandro Rosell seine Präsidentschaft an. Er folgte damit auf Joan Laporta, der das Amt zwischen 2003 und 2010 innehatte und unter dem sich der FC Barcelona aus dem Feld der Verfolger in La Liga zum erfolgreichsten Club der Welt entwickelte – eine durchaus undankbare Aufgabe. 

Doch auch hierzu gibt es eine Vorgeschichte: Rosell unterstützte Laporta bei seiner ersten Kandidatur im Jahr 2003 und wurde sein Vize-Präsident. Doch zwei Jahre später trat er von diesem Amt zurück, nur um Laporta ein Jahr später in seinem Buch öffentlich zu kritisieren. Bei Laportas Wiederwahl verzichtete er zunächst noch auf eine eigene Kandidatur, nur um dann eine Wahlperiode später, als Laporta nicht mehr kandidieren durfte, mit einer großen Mehrheit gewählt zu werden.

Neymar-Skandal und „Barça-Gate“

Sandro Rosell brachte seinerseits Josep Maria Bartomeu als seinen Vize-Präsidenten mit, der ihm schließlich nachfolgen sollte, als Rosell Anfang 2014 von seinem Amt zurücktrat, weil gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen Unterschlagung eingeleitet wurde, dass sich auf den Neymar-Transfers bezog. Die Ablöse für den Brasilianer wurde zunächst auf 57,1 Millionen Euro beziffert, wurde aber später auf mindestens 88,2 Millionen Euro korrigiert. Auch Bartomeu stand im Fokus der Ermittlungen, doch er überstand diesen Skandal im Amt. 

Doch nicht nur das, im Juli 2015 wurde Bartomeu, der gegen den erneut kandidierenden Joan Laporta antrat, erneut zum Präsidenten gewählt, mit einer Mehrheit von 60%, die sich wohl auch auf den damals erst wenige Wochen zurückliegenden Triumph in der Champions League zurückführen ließ. 

(Photo credit should read LLUIS GENE/AFP via Getty Images)

Diese Wahl dürften die meisten Barça-Fans rückblickend schmerzlich bereuen, denn Bartomeu Präsidentschaft war durchzogen von Misserfolgen – sportlichen, wirtschaftlichen und auch menschlichen. Als größte „Bankrott-Erklärung“ gilt bis heute das sogenannte „Barça-Gate“, das den Klub seit Anfang dieses Jahres beschäftigt. Demnach habe Bartomeu eine Agentur damit beauftragt Barça-Legenden wie Lionel Messi, Gerard Piqué, Xavi Hernandez oder auch Pep Guardiola in den sozialen Netzwerken zu attackieren, um das eigene Image zu stärken. Diese Vorwürfe, wie auch weitere Vorwürfe der Korruption, konnte Bartomeu zu keiner Zeit wirklich ausräumen, was u.a. dazu führte, sechs der 19 Club-Direktoren zurücktraten und eine sofortige Neuwahl verlangten. 

Doch „Barça-Gate“ ist nur eine Episode, in der Lionel Messi und Club-Präsident Bartomeu aneinander geraten waren. Seit Jahren wird von vermeintlichen Konflikten zwischen diesen beiden berichtet, wobei es vielfach auch zu Stellvertreterkriegen mit der sportlichen Führung gekommen sein soll. 

2. Die sportliche Führung

Ein erster Konfliktpunkt, was die sportliche Führung anbetrifft, ist natürlich die Besetzung des Trainerpostens und auch hier soll es zu einigen Unstimmigkeiten mit Lionel Messi gekommen sein. So hat sich der Argentinier stets für Ernesto Valverde ausgesprochen, der Anfang des Jahres von seinem Amt entbunden worden ist. Die Ernennung von Quique Setien als seinen Nachfolger soll ihm nicht unbedingt gefallen haben, was zu atmosphärischen Spannungen führte. Offensichtlich wurde das schwierige Verhältnis zu Setien und insbesondere auch seinem Co-Trainer Eder Sarabia, in den Trinkpausen nach der Corona-Unterbrechung, als Messi Sarabia offenbar bewusst ignorierte, zumindest wenn man der spanischen Sportpresse glauben schenken mag. 

(Photo by David Ramos/Getty Images)

Eine passende Episode dazu ist auch der Konflikt zwischen dem damaligen Sportdirektor Eric Abidal (musste mittlerweile gehen) und Messi, der auf ein Interview Abidals zurückging, in dem er sagte, dass viele Spieler unter Valverde unglücklich seien und nicht hart genug gearbeitet hätten. Messi reagierte mit einem Instagram-Post, in dem er darauf hinwies, dass das Verhältnis zu Valverde gut gewesen sei und er Abidal auffordere zumindest Namen zu nennen, um nicht alle Spieler mit einem solchen Kommentar zu „beschmutzen“.

Gehaltsverzicht als öffentliches Thema

Die Entscheidung gegen Valverde und für Setien war allerdings nicht der erste Fall dieser Art. Schon die Entlassung Tata Martinos oder die Unterstützung Luis Enriques sollen zu internen Spannungen geführt haben, was das Verhältnis von Messi zur Clubführung nachhaltig belastet habe. 

Dazu kommt die Berichterstattung rund um den Gehaltsverzicht im Rahmen der Corona-Krise, in der Messi sich und seine Kollegen zu Unrecht der Kritik ausgesetzt sah. Die Spieler waren offenbar bereit auf 70% ihres Gehalts zu verzichten, doch voreilige Berichte, dass die Mannschaft nicht dazu bereit wäre und die womöglich lanciert worden waren, um Druck auf die Spieler aufzubauen, ließen den sechsmaligen Weltfußballer erbost zurück.

Neben den personellen Konflikten hinsichtlich der sportlichen Führung, spielt aber sicherlich auch die tatsächliche sportliche Entwicklung eine gewichtige Rolle.

3. Die sportliche Entwicklung

Lionel Messi spielt seit der Saison 2005/06 in der ersten Mannschaft des FC Barcelona und hat die „goldene Ära“ wie kaum ein anderer Spieler geprägt. In dieser Zeit konnte Club u.a. zehn spanische Meisterschaften, sechs Pokalsiege und vier Champions League Titel bejubeln und sich an dem schönen Spiel der eigenen Mannschaft berauschen, doch seit dem letzten Triumph in Champions League in der Saison 2014/15 ist ein rückläufiger Trend zu erkennen. 

Dieser steht natürlich in einem direkten Zusammenhang mit den Abgängen von Club-Legenden wie Carles Puyol, Xavi Hernandez und Andres Iniesta, sowie der Abnahme der Leistungsfähigkeit alternder Spieler wie Gerard Piqué, Jordi Alba, Sergio Busquets und Luis Suarez. Der Abgang Neymars war zudem ein weiterer Schlag ins Kontor. Doch noch schwerer als diese Abgänge, wiegen die misslungenen Versuche der Nachfolgersuche bzw. eines Umbruchs. 

Teure Neuverpflichtungen wie Dembele, Coutinho oder Griezmann floppten, bestehende Probleme in der Defensive wurden nicht behoben und die Entwicklung von Spielern aus dem eigenen Nachwuchs blieb aus. Folglich mussten die etablierten Kräfte diese Versäumnisse auffangen und zusehen, wie man den Anschluss an die eigenen Ambitionen immer mehr verlor. 

Das 2:8 bringt das Fass zum Überlaufen

Die Erfolge auf nationaler Ebene konnten die herben Pleiten in der Champions League, insbesondere gegen die Roma und Liverpool, zwar zeitweilig noch verdecken, doch spätestens in dieser Saison hat auch das nicht mehr funktioniert. Platz 2 in der Meisterschaft, hinter einem mittelmäßigen Real Madrid, und die schallende 2:8-Klatsche gegen die Bayern in der Champions League ließen keinen Spielraum mehr, ein radikaler Umbruch muss her.

Für Messi stellte sich also vor allem die Frage, ob er diesen Umbruch noch mitmachen möchte. Dieser könnte zu einer echten Zäsur werden, die angesichts der großen Ungewissheit im Verein auch seinem persönlichen Denkmal enorm schaden könnte. Zudem besteht die große Gefahr, dass er einige Zeit in Anspruch nehmen und der sportliche Erfolg zunächst ausbleiben wird, eine Gefahr, die Messi, dessen Sehnsucht nach dem Gewinn der Champions League genauso offensichtlich ist, wie die seines ehemaligen Trainers Pep Guardiola, offenbar nur ungern eingehen möchte. 

Die vermeintliche sportliche Perspektivlosigkeit ist also sicherlich ein Grund, warum er den Umbruch offenbar nicht mitmachen möchte, doch es gibt noch einen weiteren, gewichtigen Grund: Den „Club de amigos“.

4. Club de amigos

Der „Club de amigos“ ist eine eher spöttische Bezeichnung für die Gruppe der Spieler, die Kapitän Lionel Messi sehr nahestehen und vermeintlich viel Macht im Barça-Universum besitzen. Gemeint sind damit in erster Linie Luis Suarez, Sergio Busquets, Jordi Alba, Gerard Piqué und Sergi Roberto. Allesamt sind mittlerweile echte Barça-„Urgesteine“ und, mit Ausnahme von Sergi Roberto, über 30 Jahre alt. 

Daher stehen sie im Rahmen des Umbruchs ganz besonders im Fokus, vor allem Luis Suarez und Jordi Alba scheinen ziemlich weit oben auf der „Abschussliste“ zustehen. Doch während Gerard Piqué bereits öffentlich erklärte, dass er Barça verlassen würde wenn nötig, betonte Luis Suarez, dass er Barça treu bleiben wolle. Neu-Trainer Ronald Koeman scheint dem Uruguayer aber bereits mitgeteilt zu haben, dass er nicht mit ihm planen würde, ein Umstand, der Lionel Messi überhaupt nicht gefallen dürfte. 

Wenig überraschend meldete sich wenig später ein Insider, der berichtete, dass Messi äußerst verstimmt darüber sei, wie der Verein mit seinem besten Freund und einem sehr verdienten Spieler umgeht, und entschlossen wäre den Verein zu verlassen. Koeman, der Messi in einem Gespräch von seiner Vision überzeugen wollte, habe ihn zudem nicht überzeugen können. 

Vielsagender Puyol

Allerdings dürfte Messi über dieses Vorgehen nicht allzu verwundert sein, schließlich hat Barça in den vergangenen Jahren mehrfach ein schlechtes Bild abgegeben, wenn es darum ging einen verdienten Spieler in würde zu verabschieden.

Das Vereinsikone Carles Puyol im vergangenen Sommer die Möglichkeit ausschlug Sportdirektor zu werden, spricht in diesem Kontext auch für sich (und gegen den Verein). Daher ist es auch wenig verwunderlich, dass Puyol noch am Dienstagabend folgenden vielsagenden Tweet verfasst: „Respekt und Bewunderung, Leo. Meine volle Unterstützung, mein Freund.“

Es droht also ein weiterer, wenig romantischer Abgang eines verdienten Spielers, nur dass es dieses Mal der größte Spieler aller Zeiten ist, der dem Camp Nou den Rücken kehren will. Er würde einen am Boden liegenden Verein hinter sich lassen.

Alle Neuigkeiten rund um die „Causa Messi“ erfahrt ihr hier.

(Photo by MANU FERNANDEZ/POOL/AFP via Getty Images)

Christoph Albers

Cruyff-Jünger und Taktik-Liebhaber. Mag präzise Schnittstellen-Pässe, schwarze Leder-Fußballschuhe, Retro-Trikots und hat einen unerklärlichen Hang zu Fußball-Finanzen. Seit 2016 bei 90PLUS.

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