Nur wenige Minuten fehlten Bayer 04 Leverkusen gegen Arsenal zum großen Coup. Dass der Favorit ins Straucheln geriet, lag nicht nur an den Gunners.
Nachdem Kapitän Robert Andrich kurz nach der Pause nach einem Eckball per Kopf das 1:0 für die Werkself erzielt hatte, verhinderte nur ein schmeichelhafter Elfmeter von Rückkehrer Kai Havertz in den Schlussminuten einen Heimsieg gegen die Mannschaft, die in der Ligaphase mit acht Siegen in acht Spielen ihre Ambitionen auf den Henkelpott eindrucksvoll untermauert hatte. Das Ergebnis spiegelte den Spielverlauf zwar insgesamt wieder, wie das Remis zustande kam, frustrierte die Leverkusener jedoch. Zumal der Matchplan von Trainer Kasper Hjulmand nahezu komplett aufging.
Dass die Werkself Arsenal beim 1:1 so große Probleme bereitete, lag daran, dass Bayer den Gästen in mehreren Schlüsselduellen den Schneid abkaufte. Alejandro Grimaldo war in der BayArena diesmal – von der Vorlage zum 1:0 abgesehen – weniger als Initiator in der Offensive gefragt, sondern fügte sich hinten links nahtlos in den konzentrierten Defensivverbund der Hausherren ein. Kapitän Bukayo Saka kam gegen den Spanier nicht zur Entfaltung, auch weil Aleix Garcia oder Ibrahim Maza Grimaldo gegen den englischen Nationalspieler immer wieder zur Hilfe eilten.
Saka abgemeldet, Kofane besteht Feuertaufe
Das offensive Zusammenspiel zwischen Saka und Rechtsverteidiger Timber wurde so weitestgehend gekappt, die Gunners mussten auf die linke Seite ausweichen, wo Gabriel Martinelli und Piero Hincapie zwar gute Ansätze zeigten, aber noch nicht in der Form miteinander harmonieren wie Saka und Timber auf der rechten Außenbahn.
Wie wichtig es war, die rechte Seite der Gäste zu isolieren, zeigte eine Szene aus der 20. Minute. Da kam Arsenal mal in die Umschaltbewegung und nutzte den Raum auf der Außenbahn gleich aus. Timber gab den Ball nach feiner Kombination ins Zentrum, Martinelli traf aber nur die Latte. Es sollte für lange Zeit die einzige Großchance bleiben, die die Werkself zuließ.
Gerade in der Anfangsphase hatte Arsenal viel Ballbesitz, fand gegen die disziplinierte Hintermannschaft aber keine Lücken. Leverkusen verteidigte clever und verhinderte auch außerhalb des Strafraums frühzeitig, dass der Spitzenreiter der Premier League in Abschlusspositionen kommt. So dauerte es bis zur 81. Minute, ehe Arsenal erstmals einen Eckball herausholen konnte – bekanntermaßen eine große Stärke der Nordlondoner.
Nach Ballgewinnen versuchte Leverkusen zu Beginn, schnell in die Tiefe zu spielen. Dort sollte Christian Kofane den Ball festmachen, nachrückende Mitspieler bedienen und die Innenverteidigung um Gabriel und William Saliba beschäftigen. Gerade in der ersten Halbzeit erledigte der 19-Jährige die Aufgabe mit Bravour. Gegen die Top-Defensive behauptete der Kameruner viele Bälle und bereitete der Top-Defensive mit seiner Kombination aus Tempo und Physis mehr Probleme, als es vermeintlich weitaus namhaftere Stürmer in der Premier League schafften.

Zwar kam der Youngster selbst nicht gefährlich zum Abschluss, sorgte aber in den ersten zwanzig Minuten immer wieder für Entlastungsmomente und fungierte auch im letzten Drittel der ersten Halbzeit, als Bayer selbst lange Ballbesitzphasen hatte, als stets anspielbarer Wandspieler im Sturmzentrum.
Andrich nach Gelb fokussiert, Palacios überstrahlt Arsenal-Mittelfeld
Auf der anderen Seite schaffte es Viktor Gyökeres dagegen nicht, eine ähnliche Präsenz zu erzeugen. Der Schwede war wie gewohnt bemüht, leistete sich aber ein ums andere Mal leichte technische Fehler und zog gegen Edmond Tapsoba und Torschütze Andrich deutlich den Kürzeren. Trainer Hjulmand bescheinigte Andrich auf der Pressekonferenz nach Abpfiff eine „überragende Leistung“, obwohl der Nationalspieler schon in der zweiten Minute die gelbe Karte sah und wenig später nur knapp einem Platzverweis entging. Danach fand der Kapitän der Werkself jedoch in die Partie, überzeugte durch kluge Zweikampfführung, Ruhe am Ball und sein Tor.
Grimaldo, Kofane und Andrich waren drei Garanten für den guten Auftritt der Leverkusener, Exequiel Palacios überragte seine Kollegen aber nochmal. Der Argentinier hatte im Mittelfeld gegen Declan Rice und den blassen Eberechi Eze das Sagen und bügelte die wenigen Fehler seiner Mitspieler leidenschaftlich aus. Rice zwang er durch intensives Anlaufen immer wieder in tiefere Positionen, sodass der Achter der Gunners seine Dynamik gar nicht zur Entfaltung bringen konnte. Abgesehen von ein paar wenigen Ungenauigkeiten in der Umschaltbewegung lieferte Weltmeister Palacios eine nahezu tadellose Leistung ab.

Dass sich ein 1:1 gegen Arsenal im Achtelfinalhinspiel der Champions League fast wie eine Niederlage anfühlt, hätten wohl die wenigsten Leverkusener erwartet. Doch in der Schlussphase hatte die Werkself nicht nur Pech, wenngleich der Elfmeter für Arsenal äußert schmeichelhaft war. Die Abstände im Zentrum wurden in den letzten Minuten zu groß, auf rechts durfte Noni Madueke zu oft Tempo aufnehmen. So kam die Arteta-Elf vor dem Ausgleich schon zu einer Top-Chance durch Jurrien Timber, der aber deutlich drüber köpfte.
„Ein 1:0 wäre mir lieber als ein 1:1“, haderte Hjulmand daher wenig überraschend nach der Partie. Der Druck, das betonten sowohl der Däne als auch Sport-Geschäftsführer Simon Rolfes, liegt im Rückspiel zwar bei Arsenal, dennoch war der Ärger über den Ausgleich groß. In einer Woche muss die Werkself im Emirates Stadium gewinnen, um in die Runde der letzten Acht einzuziehen. Dort verlor Arsenal in der laufenden Saison erst ein Spiel, beim 2:3 gegen Manchester United. Auch im Norden Londons dürften Leverkusens Schlüsselspieler daher wieder besonders gefordert sein.

