EM 2021: Joachim Löws „Last Dance“ – Favoritenkreis oder Blamage?

Gruppe F

Spotlight: Am 11. Juni beginnt mit dem Eröffnungsspiel zwischen der Türkei und Italien die EM 2021. Auch das DFB-Team stellt logischerweise eine Mannschaft, muss sich aber in einer schwierigen Gruppe durchsetzen und die Euphorie im eigenen Land erst noch entfachen.

  • Positiver Abschied – Letztes Turnier von Joachim Löw
  • DFB-Team: Schmach von WM 2018 vergessen machen
  • Der Kader: Prunkstück Offensive – Löchrige Defensive


 

Joachim Löw – Ein Abschied mit Erfolg?

Nach der erfolgreichen WM im eigenen Lande 2006 übernahm Joachim „Jogi“ Löw (61) den Trainerposten bei der deutschen Nationalmannschaft. Der Schwarzwälder übernahm die große Aufgabe, die „goldene Generation“ zu führen und den langersehnten WM-Titel endlich einzuheimsen. Seine erste Herausforderung, die EM 2008 in Österreich und der Schweiz, erledigte er mit Bravour. Lediglich den Spaniern musste man sich mit einer jungen Mannschaft und viel Potenzial geschlagen geben. Das Grundgerüst, welches 2014 den Titel holte, stand soweit.

Zwei Jahre später stand die WM 2010 in Südafrika an. Auch hier spielte das DFB-Team ein starkes Turnier, nur der spätere Weltmeister Spanien war im Halbfinale eine Nummer zu groß. Die Gefahr einer verlorenen Generation deutete sich spätestens nach dem EM-Aus 2012 an. Joachim Löw, der damals von Einzelnen stark kritisiert wurde, behielt weiterhin das Vertrauen und zahlte es 2014 endlich zurück.

Nach dem WM-Aus 2018, der Ausbootung verdienter Spieler sowie den schmerzhaften Testspielergebnissen gegen u.a. Spanien (0:6) und der Niederlage in der WM-Qualifikation gegen Nordmazedonien (1:2) wurden die Vorwürfe gegenüber Löw immer lauter. Nun ist der Rücktritt bestätigt, die EM 2021  wird das letzte Turnier der Ära-Löw sein und maßgeblich über die Endevaluation der Person Joachim Löw entscheiden. Der 61-Jährige ist für viele aufgrund des WM-Titels eine Legende, für viele aber auch der „Buhmann“ und der entscheidende Faktor der Misere.

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Der Kader – Offensive hui, defensive pfui?

Blickt man auf den Kader der DFB-Elf muss man sich – im Vergleich zu anderen Nationen – nicht verstecken. Das Tor hütet der mehrmalige Welttorhüter Manuel Neuer (35), da hinter rangieren mit Bernd Leno (29) und Kevin Trapp (30) passable Ersatzkeeper.

Die Abwehr wurde durch die Nominierung von Mats Hummels (32) um einiges verstärkt. Mit Antonio Rüdiger (28) assistiert ihm ein formstarker Champions-League-Finalist. Matthias Ginter (27), Niklas Süle (25), Robin Koch (24) und Emre Can (27) stehen als Back-Ups zur Verfügung. Die Frage wird sein, ob sich Löw für eine Vierer-, oder eine Dreier-/Fünferkette entscheidet, wie es im Test gegen Dänemark der Fall war. Für die Positionen auf der linken Seite scheint man mit Robin Gosens (26), Christian Günter (28) und Marcel Halstenberg (29) gut besetzt zu sein, als einziger nomineller Rechtsverteidiger fährt Lukas Klostermann (24) mit. Auch ein Joshua Kimmich (26) zeigte in der Vergangenheit, dass es auf der rechten Seite nicht viele bessere Spieler gibt.

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Kroos, Kimmich, Gündogan, Goretzka – Wer fällt raus?

Das Zentrum ist das deutsche Prunkstück. Joshua Kimmich, Toni Kroos (31), Ilkay Gündogan (30) und Leon Goretzka (26) dürften die Plätze im zentralen Mittelfeld unter sich ausmachen. Florian Neuhaus (24) von Borussia Mönchengladbach machte ebenfalls mit einer starken Bundesliga-Hinrunde und mit guten Einsätzen im DFB-Dress auf sich aufmerksam. Die Flügelpositionen sind stark Bayern-lastig. Serge Gnabry (25), Leroy Sane (25) und auch Jamal Musiala (18) kennen sich allesamt aus dem Vereinsfußball. Mit Jonas Hofmann (28) komplettiert ein weiterer Gladbacher diese Positionen.

Kai Havertz (21) und Thomas Müller (31) sind hinter den Spitzen zwar am stärksten, allerdings besetzte Löw die klassische „10er“ Position zuletzt nicht mehr. Beide Akteure können zudem als invertierte Außen, aber auch als „falsche Neun“ auflaufen. Im Sturm kommt Kevin Volland (28) dem Profil der klassischen Neun am nähesten. Der Legionär spielte eine starke Saison bei der AS Monaco und darf, angesichts fehlender Konkurrenz, sich auch Chancen auf Einsätze machen. Timo Werner (25) vom FC Chelsea ist als schneller und geradliniger Spieler ein weiterer elementarer Teil der Mannschaft.

Löw hat die Qual der Wahl und darf auf einen der stärksten Kader dieser EM zurückgreifen. Nur die schwachen Ergebnisse, die fehlende Konstanz im System und das Missen der – in Deutschland so gut funktionierenden – kopfballstarken Neun machen berechtigten Grund zur Sorge.

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Frankreich und Portugal – Die Horror-Gruppe

Die Qualifikation für die Endrunde lief problemlos. In acht Spielen holte man sieben Siege, lediglich die Niederlande konnte das Team von Joachim Löw schlagen. Doch Qualifikationsphase ist schon lange her.

Zudem hatte die Los-Fee aus deutscher Sicht keinen guten Tag und stellte eine Hammergruppe aus dem WM-Sieger von 2014, dem WM-Sieger von 2018, dem EM-Sieger von 2016 und Ungarn zusammen. Die ersten drei Mannschaften gehören zum engen Favoritenkreis dieses Wettbewerbes. Nur gut, dass neben den beiden Erstplatzierten auch vier der sechs Gruppendritten den Einzug in das Achtelfinale schaffen.

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Schaut man in die anderen Gruppen gehören zudem Italien, Belgien, die Niederlande, England und Spanien zum Favoritenkreis. Gerade die beiden letztgenannten präsentierten sich zuletzt stark und können auf einen starken Kader zugreifen. Die Buchmacher sehen den WM-Sieger Frankreich als größten Favoriten an.

Katerstimmung in Deutschland

Anlässlich der großen internationalen Turniere, die (normalerweise) alle zwei Jahre stattfinden, herrscht meist Euphorie und Vorfreude. Doch die Pandemie, die DFB-Affären und die letzten Ergebnisse lassen ein Großteil der deutschen Fußballfans erstarrt zurück. Es scheint, als könnte die deutsche Nationalmannschaft nicht mehr den Hype früherer Jahre erreichen. In Zeiten von Corona, in denen Public Viewing vermutlich verboten ist, breitet sich womöglich auch deshalb keine klassische EM-Stimmung aus.

Schaut man aber beispielsweise nach England, sieht es auf der Insel ganz anders aus. Corona spielt nur noch eine Nebenrolle, Fußballfans aller Mannschaften freuen sich nun auf die Leistungen der „Three Lions“. Es liegt in der Hand der DFB-Elf, die Fans durch starke, leidenschaftliche Auftritte an Bord zu holen. Und auch wenn manch einer die Austragung der EM (verständlicherweise) kritisiert: Der Fußball ist ein Instrument, ein Land in schwierigen Zeiten zu vereinen, für Ablenkung zu sorgen.

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Der letzte Auftritt von Löw: Ein gebührender Abschied

Es ist unheimlich schwierig, die deutsche Mannschaft einzuschätzen. Das Aus 2018 zu Teilen auch an der Einstellungen und der mentalen Verfassung, eine solche wird man in diesem Jahr nicht an den Tag legen. Auch wenn man die Gruppe F wahrlich als eine „Hammergruppe“ betiteln kann, schafft das DFB-Team den Sprung in die KO-Runde. In diesen Spielen kommt es auf die letzten Prozente an, die Löw auch rauskitzeln wird. Für Deutschland geht es mindestens ins Halbfinale!

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Hendrik Wiese

Aufgewachsen mit dem Spielstil von Bastian Schweinsteiger bevorzugt Hendrik spielerische Dominanz und technisch ansehnlichen Fußball. Seit Dezember 2019 ist er für 90PLUS unterwegs, bevorzugt im deutschen Oberhaus.

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