Griechenland bei der EM 2004: DER Außenseiter-Triumph

Griechenland EM 2004
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Große Turniere schreiben nicht selten auch große Geschichten. Die Fans hoffen vor jedem Großereignis im Fußball auf diese besonderen Momente, die entstehen, wenn sich der vermeintliche Außenseiter in das Rampenlicht spielt. Während der EM 2004 gab es einige dieser Momente, vor allem seitens Griechenland. 

  • Griechenland gewinnt sensationell Titel bei der EM 2004
  • Defensive Stabilität und Effizienz als Schlüssel
  • Otto Rehhagel setzt sich die Krone auf

Als Otto Rehhagel im August 2001 das Amt des Cheftrainers von Griechenland übernahm, wird er einige Dinge im Hinterkopf gehabt haben. Zukunftsvisionen, Ideen, wie er den Fußball in Griechenland revolutionieren kann. Die EM 2000 fand ebenso wie die WM 1998 und viele weitere Turniere zuvor ohne die griechische Auswahl statt. Wir wissen nicht, welche Pläne die Trainerlegende hatte, als er diesen Job übernahm. An den Titel bei der Europameisterschaft 2004 dachte er aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. 

Rehhagel und Griechenland: Das passierte vor der EM 2004

Griechenland ist keine der ganz großen Fußballnationen. Immer wieder gelang es dem Land, eine schlagkräftige Truppe zusammenzustellen. Für die meisten Turniere qualifizierte sich dieses Team nicht einmal. 1994, bei der WM in den USA, setzte es derbe Pleiten. 0:10, letzter Platz in der Gruppenphase: Der Status Griechenlands im Weltfußball schien zementiert – und zwar in der Bedeutungslosigkeit. Otto Rehhagel sollte das ändern, wurde aber gleich in seinem ersten Pflichtspiel, auswärts in Finnland, auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Der erfahrene Trainer, der wenige Jahre zuvor überraschend mit dem 1. FC Kaiserslautern als Aufsteiger Meister wurde, sah eine völlig hilflose Mannschaft mit 1:5 gegen Finnland untergehen. Es folgten Testspiele mit soliden Leistungen und einigen ordentlichen Resultaten, ehe die Qualifikation für das Turnier 2004 in Angriff genommen werden sollte.

Doch schon der Auftakt ging gehörig in die Hose. Raúl und Juan Carlos Valeron schossen Spanien im ersten Spiel der Qualifikationsphase zu einem 2:0-Sieg in Griechenland. Mit dem gleichen Ergebnis unterlag die Rehhagel-Elf kurz danach der Ukraine. Siege gegen Armenien und Nordirland brachten „Hellas“ wieder auf Kurs. Und dann geschah etwas, das durchaus als Vorbote für das Turnier im Sommer 2004 gedeutet werden kann. Griechenland gewann die vier restlichen Spiele, angefangen beim Rückspiel in Spanien, allesamt mit 1:0. Stabilität, Kompaktheit und Effizienz waren die Schlüssel zum Erfolg. Der Lohn war folglich die Qualifikation für die Endrunde. 

Durchwachsene Gruppenphase der Rehhagel-Elf

Zum Turnierauftakt präsentierte sich Griechenland schon sehr unangenehm. Ein kompaktes 4-4-2 war die Formation der Wahl, die Otto Rehhagel gegen Portugal auf das Feld schickte. Die Portugiesen kamen mit Maniche, Pauleta, Simao, Figo & co. in dieses Duell, waren der Favorit. Allerdings folgte schon früh der Schock für die Portugiesen bei ihrer Heim-EM. Nach einem Lauf durch das Mittelfeld war es Georgios Karagounis, der mit einem Flachschuss zum 0:1 traf. Kurz nach dem Seitenwechsel erhöhte Angelos Basinas per Elfmeter auf 0:2. Ein Kopfballtreffer des eingewechselten Youngsters Cristiano Ronaldo half den Portugiesen nur bedingt. Griechenland sorgte für einen Paukenschlag und es sollte nicht der letzte sein. 

Der zweite Gegner hieß Spanien. Die spanische Auswahl um Raúl und Morientes kombinierte vor allem in der ersten Halbzeit sehr gut. Morientes brachte die Iberer auch in Führung, traf aus kurzer Distanz nach einer sehr schönen Bewegung. Doch die griechische Mannschaft zeichnete sich vor allem durch eine sehr gute Moral aus. Sie wusste, dass ein Tor reichen kann, weil die Defensive eben wenig zulässt. Und der eine Moment kam auch in diesem Spiel. Nach einem langen Ball von halbrechts setzte sich Angelos Charisteas durch, zog sofort ab und erzielte den Ausgleich. Das 1:1 bedeutete, dass die Ausgangslage vor dem letzten Spiel gegen Russland enorm gut war. 

EM 2004 Griechenland

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Doch die russische Elf hatte kein Interesse daran, Griechenland zu schonen. Schon in der zweiten Minute traf Dmitri Kirichenko nach einem der seltenen Abwehrfehler der Griechen zum 1:0. Als Dmitri Bulykin nach einem Eckball in der 17. Minute schon das 2:0 erzielte, sah es nicht allzu gut aus. Griechenland gelang auch nur noch der Treffer zum 1:2, Zizis Vryzas nutzte die kurze Unsicherheit in der Abwehr der Russen. Die Rehhagel-Elf verlor zwar, qualifizierte sich aber dennoch für das Viertelfinale. 

Viertelfinale bei der EM 2004: Meisterleistung gegen Frankreich

Viertelfinale der EM 2004, Griechenland bekam es mit Frankreich zu tun. Auf der Seite der Franzosen fanden sich Spieler wie Zinedine Zidane, Claude Makelele, Thierry Henry oder Bixente Lizarazu. Das machte den Griechen aber wenig aus. Die Mannschaft lief im 4-4-2-System auf, zerstörte von Beginn an den Spielfluss der Franzosen. Die herausragenden Techniker konnten nicht wie gewohnt wirbeln und Frankreich hatte Probleme, Druck zu erzeugen. Bei den Außenseitern hingegen wuchs der Glaube daran, dass auch gegen diesen Gegner etwas möglich ist. Beeindruckend war vor allem, mit welch einfachen Mitteln Griechenland zum Erfolg kam. Langer Ball, Ablage, schneller Abschluss: Es klingt nicht nur einfach, es sah auch einfach aus. Und das war die große Kunst von Otto Rehhagel in diesem Turnier. 

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Vor allem Angelos Charisteas war von der Abwehr der Franzosen nur schwer zu greifen. Er sorgte immer wieder für gefährliche Momente, während die Defensive gnadenlos verteidigte. Jener Charisteas war es auch, der Griechenland in das Halbfinale beförderte. Georgios Karagounis setzte sich auf der rechten Seite durch, flankte punktgenau und Charisteas köpfte freistehend ein. Im Anschluss machte Frankreich noch einmal Druck, aber jeder griechische Spieler kämpfte bis zum Ende, warf sich in jeden Angriff und so gelang die Sensation. Griechenland stand im Halbfinale. Und nun folgte das Spiel gegen Tschechien. 

Griechenland schockt auch Tschechien

Die tschechische Auswahl um Milan Baros, der ein herausragendes Turnier 2004 spielte, hatte viel vor. Pavel Nedved, Karel Poborsky, Jan Koller & co.: Die Qualität der Tschechen war enorm hoch. Das Ziel war, den Finaleinzug gegen Außenseiter Griechenland einzutüten. Der erfahrene Schiedsrichter Pierluigi Collina pfiff die Partie an – und die Rehhagel-Elf war sofort im Modus. Tschechien übernahm die Spielkontrolle und hatte in beiden Halbzeiten mehr Torchancen. Nedved, Rosicky und co. kombinierten sehr gut, doch vor allem im letzten Drittel wurden die Tschechen zu ungenau. Entweder beim letzten Pass oder beim Abschluss. 

Darüber hinaus waren es die griechischen Defensivspieler, die sich besonders hervorgetan haben. Seitaridis, Dellas, Kapsis, Fyssas: Das war die Viererkette, die gegen Tschechen auflief. Undurchdringbar war diese Abwehr nicht, aber der immense Einsatz, mit dem sich diese Spieler gegen die drohende Niederlage wehrten, war beeindruckend. Nach 90 Minuten stand es 0:0, es ging in die Verlängerung. Und auch da dominierte Tschechien. Griechenland hatte zwar Gelegenheiten, aber primär nach Standardsituationen. Eine solche Situation war es auch, die zum 1:0 führte. Eckball von rechts, Abwehrchef Dellas läuft ein, 1:0. Damit war auch Tschechien geschlagen, das Finale gegen Portugal, den Gastgeber, stand an. 

EM 2004: Griechenland setzt sich die Krone auf

Diesmal trafen sich beide Mannschaften im Estadio da Luz in Lissabon, nachdem das Gruppenspiel in Porto ausgetragen wurde. Unter der Leitung des deutschen Schiedsrichters Dr. Markus Merk wollte Portugal die Heim-EM gewinnen und Griechenland für ein historisches Ereignis sorgen. Portugal begann dominant, hatte auch die ersten Chancen, doch die Gleichen stemmten sich wieder einmal von Beginn an gegen den Rückstand. Es war wieder einmal ein ganz typisches Spiel für die griechische Mannschaft. Die Kompaktheit war vorhanden, der Einsatz stimmte und jeder wusste, was er zu tun hatte. 

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Im Verlauf der zweiten Halbzeit passierte dann das, was sich jeder Fan des Außenseiters erhofft hatte. Natürlich war es ein Eckball, der zum Tor führte. Angelos Charisteas nickte ein, weil er etwas vor dem sich verschätzenden Torhüter Ricardo am Ball war. Die Portugiesen um den jungen Cristiano Ronaldo versuchten, das Ergebnis irgendwie noch positiv zu gestalten, doch es half nichts. Griechenland setzte sich die Krone auf, gewann völlig überraschend die Europameisterschaft und Otto Rehhagel wurde als „Rehakles“ medial gefeiert. 

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Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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