EM 2021 | Italien nach dem Auftaktsieg: Der große Favorit im Schatten Frankreichs?

Gruppe A

Nach dem überzeugenden 3:0-Auftaktsieg gegen die Türkei sind die Italiener in aller Munde. Sie untermauern damit eindrucksvoll ihren Status als Mitfavoriten und zeigen, dass sie gerade im taktischen Bereich eine herausragende Mannschaft sind, die ihren Stiefel überzeugend herunterspielen kann.

Über Italien wurde in Deutschland im Vorfeld der EM 2021 zuletzt recht wenig gesprochen. Wahrscheinlich auch deshalb, weil Frankreichs Kader alle anderen in den Schatten stellt. Dabei ist die Squadra Azzurra schon lange auf einem sehr guten Weg – und in jenem Schatten der Franzosen vielleicht sogar der zweite große Favorit auf den Europameister-Titel. 

Unter Trainer Roberto Mancini (56) haben sich die Italiener zu einer bisweilen herausragenden Ballbesitzmannschaft entwickelt. Die italienischen Grundtugenden der Defensivarbeit hat dieses Team aber nicht verlernt.

Italien nach dem Auftakt der EM 2021: Ballbesitz lebt

„Ballbesitzfußball“ ist eine Schublade, die medial in den letzten Jahren nahezu überstrapaziert wurde. Mal war er der heißeste Trend des Weltfußballs, mal war er schlicht tot. Je nachdem, was gerade besser ins Narrativ und zu den Ergebnissen passte. Bei dieser Europameisterschaft könnte sich ein gut strukturiertes Ballbesitzspiel aber als Trumpf herausstellen. Die großen Favoriten sind nahezu allesamt gut darin, Ball und Gegner laufen zu lassen – das hat Italien beim Auftaktspiel gezeigt.

Mancini hat mit dem 4-3-3 und den daraus entstehenden Formationen eine Grundstruktur gefunden, die den Italienern eine überzeugende Raumbesetzung ermöglicht. Im Spielaufbau entsteht dabei je nach Bedarf auch mal eine Dreierkette. Dort positioniert sich Rechtsverteidiger Alessandro Florenzi (30) tiefer und zentraler als Linksverteidiger Leonardo Spinazzola (28). Davor ist vor allem Chelseas Jorginho (29) ein wichtiger Taktgeber, der sich zwischen den Pressingreihen der gegnerischen Mannschaft klug bewegt. Im Sechser- und Achterraum sollen stets Anspielstationen verfügbar sein, weshalb Jorginho von mindestens einem weiteren Spieler unterstützt wird.

EM 2021 Italien

photo by imago

In vielen Partien war das der technisch ebenso wie Jorginho hochbegabte Verratti, der aktuell aber ausfällt. Trotzdem konnte Italien auch gegen die Türkei mit großer Pressingresistenz in Ballbesitz überzeugen. Manuel Locatelli (23) wusste sich als Ersatz gut einzubringen, wenngleich er weniger Dynamik mitbringt. Dafür ist er aber eine zuverlässige Konstante als zweiter tiefer Spielmacher im Mittelfeld und entlastet Jorginho damit entscheidend. Die 3-2-Staffelung bietet den Italienern und vor allem den Aufbauspielern Giorgio Chiellini (36) und Leonardo Bonucci (34) viele verschiedene Passwinkel für eine kontrollierte Ballzirkulation.

Startprobleme im Angriffsdrittel

Der starke Übergang vom ersten ins zweite Drittel konnte gegen die Türkei im ersten Durchgang aber noch nicht in die vorderen beiden Drittel übertragen werden. Gegen tiefstehende Türken taten sich die Italiener zu Beginn noch schwer, sich die Räume zu erlaufen und Tiefe in ihr Spiel zu bekommen. Im zweiten Durchgang hat Mancini dann aber an den richtigen Stellschrauben gedreht.

Lorenzo Insigne (30) war auf diesem Weg ein wichtiger Schlüssel. Von außen rückt er immer wieder in den linken Halbraum und kann so als Nadelspieler zwischen den Linien des Gegners das Spiel ankurbeln. Er ist in vielen Phasen mehr Zehner als Flügelspieler und so entsteht ein 3-2-4-1 in Ballbesitz. Insignes Beweglichkeit und seine technischen Qualitäten können den Unterschied ausmachen. Mancini hat für ihn eine Rolle definiert, die perfekt zu ihm passt.

EM 2021 Italien

Italiens Grundstruktur zeichnet sich in Ballbesitz durch eine recht statische Besetzung in den ersten beiden und eine sehr dynamische Besetzung im letzten Drittel aus.

Weil die zentralen Räume zwischen Abwehr und Mittelfeld des Gegners im zweiten Durchgang nicht mehr so statisch, sondern viel dynamischer besetzt wurden, bekamen die Italiener schließlich auch mehr Tiefe ins Spiel. Stürmer Ciro Immobile (31) nahm mehr am Spiel teil, ließ sich auch mal fallen, um gegenläufigen Bewegungen der anderen Offensivspielern Raum zu geben. Insgesamt waren es nicht nur mehr, sondern vor allem sinnvollere Tiefenläufe in der zweiten Halbzeit, die große Löcher in die zu Beginn noch kompakte Formation der Türken gerissen haben. 

Wie eine echte Ballbesitzmannschaft auf Top-Niveau schaffte es Italien im Spielverlauf, reine Spielkontrolle ohne Zug zum Tor in eine echte Dominanz mit vielen guten Angriffen umzuwandeln. Gerade ihre Ruhe und Geduld, als die Türkei mal etwas druckvoller presste, hinterließ großen Eindruck. Italien hat an guten Tagen die Qualität, nahezu jeden Gegner mit dem Ball herzuspielen.

(Gegen-)Pressing als weiterer Spielmacher

Doch die Italiener haben ihre traditionellen Fähigkeiten keinesfalls verlernt. Auch gegen den Ball wirkte die Mannschaft von Mancini in fast jeder Spielphase hellwach und bot den eigentlich umschaltstarken Türken kaum Gelegenheiten, ins Spiel zu kommen. Weil die Raumaufteilung in Ballbesitz so gut ist, entstehen bei Ballverlusten oft lukrative Gegenpressingmomente. Dann gelingt es den Italienern, schnell Überzahl in Ballnähe herzustellen. Zu keinem Zeitpunkt bekamen die Türken ein gutes Kurzpassspiel auf den Rasen. Die Italiener standen ihnen sofort auf den Füßen. 

Doch nicht nur das Gegenpressing ist gut abgestimmt. Auch in längeren Phasen ohne Ball ist die Squadra Azzurra diszipliniert und geduldig. Sie können eine kompakte Tiefenverteidigung ebenso aufziehen wie ein hohes und druckvolles Mittelfeldpressing. Gerade in Momenten des Herausschiebens sind die Italiener sehr stark. Mehrfach attackierten sie die Türken fast schon überfallartig und erarbeiteten sich so hohe Ballgewinne.

EM 2021 Italien

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In den daraus resultierenden offensiven Umschaltsituationen kann Italien noch effizienter spielen, aber die Sauberkeit im Pressing ist nicht weniger eindrucksvoll als das Ballbesitzspiel. Spieler werden schnell und nahezu ohne Kommunikationsprobleme übergeben, die Räume zwischen den Linien und generell im Zentrum sind sehr eng und trotzdem gelingt es den Italienern stets, schnell auf die Flügel zu verschieben, wenn es sein muss. 

Italien und der EM-Auftakt: Erfahren, abgezockt, talentiert

Die taktische und spielerische Qualität muss sich im Turnierverlauf gegen stärkere Teams sicher erst noch beweisen, aber mit diesem Komplettpaket hat Italien gute Voraussetzungen geschaffen. Beim 3:0-Auftaktsieg haben sie abermals zeigen können, wie strukturiert, sauber und diszipliniert sie im taktischen Rahmen Mancinis agieren können.

Insbesondere für seine Schlüsselspieler hat der Trainer gute Rollen gefunden. Italien bringt einen guten Mix aus Erfahrung und Talent mit. Darüber hinaus scheint die Mannschaft eine für die Italiener fast schon typische Abgezocktheit mitzubringen – in engen Spielsituationen wie auch vor dem Tor.

Individuell betrachtet mag es durchaus noch Kader geben, die besser aufgestellt sind als Italien – allen voran Frankreich. Aber gruppentaktisch haben sie den meisten Teams bei der Europameisterschaft einiges voraus. Bei Nationalmannschaften sind Geschlossenheit, Spielrhythmus und ein funktionierendes System viel wert, weil Trainingszeiten und Kader oft gar nicht ausreichen, um eine taktische oder strategische Idee so umzusetzen wie bei Vereinsmannschaften. Meist braucht es deshalb Kompromisse. Italien scheint in diesem Sommer aber auf den Punkt da zu sein. Wer dieses Turnier gewinnen will, der muss erstmal an ihnen vorbei. Das dürfte nach dem Auftaktspiel der Europameisterschaft vielen klargeworden sein. 

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Text: Justin Kraft

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