Real Madrid und Liverpool untersucht: Das Rezept erfolgreicher Fußball-Teams

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UEFA CL/EL

Spotlight |Was ist das Geheimnis erfolgreicher Fußball-Teams und wo und wie zeigt sich die DNA ihrer Spielweise? Eine spanische Studie versucht sich an einer Deutung.

Ein Patentrezept für erfolgreichen Fußball?

Egal, ob man mauert und auf Konter setzt oder das Spiel durch Ballbesitz dominieren möchte: Im Fußball führen viele Wege zum Sieg. Fußball-Fans haben inzwischen eine grobe Ahnung, was den Spielstil einer Mannschaft ausmacht und können ihre Ausführungen eindrucksvoll mit Statistiken untermauern. Die so erwähnten Unterschiede zwischen siegreichen Mannschaften können so objektiv nachvollzogen werden.

Natürlich gewinnt das Team, was am Ende mehr Tore hat. Die Frage, an der sich Generationen von Spielern und Trainern abgearbeitet haben, ist die nach einem ein Patentrezept, um dieses Ziel zu erreichen. Im besten Fall sollte dieses Rezept nicht nur in der heimischen Fußball-Liga, sondern auch im prestigeträchtigsten Wettbewerb, der Champions League, zum herbeigesehnte Erfolg führen.

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Foto: IMAGO

Wenn man ganz klar beschreiben könnte, wie Champions-League-Sieger spielen, könnten andere Teams dann nicht einfach die Spielweise nachbilden und so in der nächsten Saison ihre Siegeschancen verbessern? Eine jüngst vom spanischen Sportwissenschaftler Mario Amatria und Kolleg:innen veröffentlichte Studie versucht eben jenes Rezept, zumindest teilweise herauszuarbeiten. Die Studie mit dem etwas umständlichen Namen „Differences in Technical Development and Playing Space in Three UEFA Champions Leagues“ analysiert die offensiven Fußball-Spielzüge der letzten drei Prä-Covid Champions League Gewinnern (2016/17 und 2017/18 Real Madrid unter Zinédine Zidane, 2018/2019 Liverpool unter Jürgen Klopp) und versucht Unterschiede in der Spielweise zu finden, die ihre Teams immerhin den Gewinn der begehrtesten Trophäe des europäischen Vereinsfußballs ermöglicht haben.

Studie untersucht zahlreiche Parameter von Fußball-Spielzügen

Die Autor:innen haben sich dazu alle Spiele der jeweiligen Mannschaften angesehen und von Expert:innen beurteilen lassen. Sie gingen dabei systematisch vor und haben alle offensiven Spielzüge hinsichtlich der involvierten Spieler, gespielten Pässe, Torerfolg und Start- und Endposition auf dem Spielfeld analysiert. Für die Bestimmung des genauen Ortes auf dem Platz wurde dieser in vier vertikale und vier horizontale Zonen aufgeteilt. Leider muss man dieser Stelle sagen, dass die Studie wichtige Schlüsselbegriffe und Analysemethoden nicht oder nur unzureichend definiert beziehungsweise beschreibt. Es wird zum Beispiel nicht ersichtlich, was genau die Forscher:innen unter „offensive action“ verstehen.

Am wahrscheinlichsten ist jedoch, dass das alle Spielzüge beschreibt, bei denen sich der Ball zumindest teilweise in Richtung des gegnerischen Tores bewegt und an deren Ende entweder der Abschluss oder der Ballverlust steht. Außerdem scheinen sich die Autor:innen an manchen Stellen des Textes zu widersprechen oder drücken sich allgemein sehr unklar aus. Es ist deshalb oftmals schwer die Gedankengänge direkt nachzuvollziehen.

Reals Aufbauspiel

Nichtsdestotrotz lassen sich im Vergleich der drei Champions-League-Saisons einige Gemeinsamkeiten beziehungsweise Unterschiede feststellen. Insbesondere die Spielweise von Real Madrid ähnelt sich, was angesichts einer relativ unveränderten Mannschaft bei gleichem Trainer, nicht verwunderlich ist. In den Daten zeichnet sich so ein Team ab, das großen Wert auf ein sorgsames Aufbauspiel legt. Dabei wurde nicht immer die offensive Vertikalität gesucht. 2016/2017 endeten knapp 7 Prozent aller offensiven Aktionen, die im zweiten Viertel ihren Ursprung fanden, im ersten Viertel, also vor dem eigenen Tor.

 

In der Saison 2017/2018 war das noch deutlicher. Hier fanden 5 Prozent aller Offensivaktionen, die im dritten Viertel, also kurz nach der Mittellinie begannen, ein Ende vor dem Tor von Real. Trotz dieser Spielweise, offenbaren die Daten Reals beeindruckende Effizienz, wenn es darum geht, in das finale Viertel vorzustoßen. In beiden Saisons, in denen sie den Titel holten, endeten 55-70 Prozent aller Offensivaktionen, je nachdem wo sie begannen, vor dem gegnerischen Tor. Einzige Ausnahme waren die Spielzüge, deren Ursprung im ersten Viertel lag. Hier waren es „nur“ 35 beziehungsweise 26 Prozent.

Eine Besonderheit Reals: Die Seitenverlagerungen

Betrachtet man die Breite des Spiels, dann sieht man, dass 20 Prozent aller Angriffe, die 2016/17 auf Reals linker Seite begannen, ihren Weg auf das gegnerische Tor fanden. Zur Erinnerung: In dieser Saison spielte dort vorrangig Christiano Ronaldo (36). Bevor man sich hier jedoch auf eine Deutung versteift, muss man anerkennen, dass in der Saison 17/18, in der Ronaldo auch meist auf Links spielte, plötzlich nur noch knapp 3 Prozent aller Angriffe über die linke Seite, aber 13 Prozent durch die rechte Mitte vor dem gegnerischen Tor endeten.

Eine weitere Besonderheit in dem Spiel von Zidanes Real sind die sogenannten „changes of orientation“, was man grob mit Spielverlagerung von der einen, auf die andere Seite des Feldes übersetzen könnte. In beiden siegreichen Saisons nutze Real dieses spielerische Mittel in 27, respektive 30 Prozent ihrer Angriffe. An dieser Stelle wird auch einer der größten Unterschiede zum Spiel des Liverpool FC bemerkbar. Die Mannschaft um Trainer Jürgen Klopp, 17/18 noch an Real im Finale gescheitert, verlagerte das Spiel in der Saison 18/19 kaum um. Lediglich 6 Prozent aller Angriffe nutzen diese Taktik.

Gegenpressing und schnelles Umschalten im Fußball

Noch krasser wird der Unterschied zur Spielweise von Real im Vergleich mit dem Liverpool FC. Begann der Angriff im dritten Viertel des Platzes, endeten 82 Prozent aller Spielzüge der Reds im letzten Viertel. Offensive Aktionen, die in dieser Zone begannen, endeten sogar in 90 Prozent der Fälle auch dort. Zum Vergleich: Bei Real endeten nur etwa 70 Prozent aller Angriffe aus dem letzten Viertel auch in diesem Tornahen Bereich.

Dieser Umstand lässt sich über die Spielphilosophie des „Gegenpressings“ erklären, das Klopp in seinen Mannschaften etabliert. Der Ball soll hierbei schnell und aggressiv erobert werden, die Spieler nach Ballverlust sofort nachsetzen. Wird ein Spielzug von Liverpool also kurz vor dem gegnerischen Tor aufgehalten, setzen die Spieler alles dara,n sofort den Ball zurückzuerobern. Gelingt dies, sind sie für die folgende Offensivaktion in der idealen Ausgangsposition, um den Torabschluss zu suchen.

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Dass das dabei sehr schnell von statten geht, zeigen die involvierten Spieler und die Anzahl an gespielten Pässen. In 70 Prozent der Angriffe Liverpools gingen über drei oder weniger Stationen. 80 Prozent aller Angriffe involvierten dabei lediglich drei oder weniger individuelle Spieler. In allen Angriffen spiele Liverpool dabei nie mehr als 15 Pässe, in fast 50 Prozent der Fälle sogar nur zwei bis drei. Real hingegen setzte auf eine Spielweise, die möglichst viele Spieler miteinbezog. Man spielte Angriffe, an denen oft sechs oder mehr Spieler beteiligt waren. Teilweise gingen diese Spielzüge über mehr als zehn Stationen, es wurden sogar manchmal über 21 Pässe gespielt.

Beide Spielweise führen zum Erfolg

Wenn es ums Tore schießen ging, waren sowohl Real, als auch Liverpool gleich erfolgreich. Sicher, Liverpool kam oft vor das gegnerische Tor, wurde da aber auch oft abgefangen. In der Saison 16/17 führten vier und 17/18 und 18/19 etwa zwei Prozent aller Angriffe zum Torerfolg. Es machte also keinen statistischen Unterschied, ob und wie oft die so unterschiedlichen Spielweisen zum Torerfolg führten.

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Die Autor:innen führen noch weitere Analysen durch, die die Beziehung zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen (Torwart, Verteidiger, Mittelfeld, Sturm) quantifizieren. Dabei stellen sie fest, dass Real Madrid insbesondere 2017/2018 extrem dynamisch gespielt hat. Spieler beteiligten sich an Aktionen in Räumen, die normalerweise nicht von ihrer Position besetzt werden. Das allerdings nur so lange, bis der Ball diejenigen Spieler erreicht hat, die im Sturm spielen. Der Spielzug wird also im Zusammenspiel von möglichst vielen Spielern aufgezogen. Beim Tore schießen verlässt man sich aber dann doch auf die allseits bewährte Arbeitsteilung.

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Die gleiche Analyse zeigte Schwächen im defensiven Aufbauspiel der Liverpooler Mannschaft. Hatte die Hintermannschaft um Virgil Van Dijk (30) den Ball, bezog sie in ihr Spiel meist nur die anderen Verteidiger oder ihren Torwart mit ein. Ähnliches galt auch für das Sturm-Trio um Mohamed Salah (29). Die Offensivspieler von Liverpool interagierten hauptsächlich miteinander, was angesichts der wenigen Kontakte und schnellen Vorstöße kaum verwunderlich ist.

Sich ein umfassendes Bild machen

Natürlich kann man den Erfolg einer Mannschaft nicht nur aus Zahlen ablesen. Direkte Beobachtungen und sich selbst einen Eindruck verschaffen, ist genauso wichtig. In den letzten Jahren konnte man aber beobachten, wie Fans und Trainer sich immer mehr auf statistische Analysen verlassen. Was in andere Sportarten schon Gang und Gebe ist, findet seinen Einzug nun auch im „Schönen Spiel.“ Das ursprünglich aus dem Baseball stammende Phänomen, Spiele und Spieler nach möglichst objektiven, harten Kriterien zu beurteilen (Sabermetrics), hat schon die ein oder andere Transferentscheidung beeinflusst.

Dass man den Spielstil einer einzelnen Champions-League-Mannschaft aber einfach nachbaut, das geht vielleicht beim virtuellen Fußball Manger, aber nicht in der Realität. Dazu passieren einfach zu viele Dinge auf und neben dem Platz, die man weder beeinflussen noch in Daten abbilden kann und sich so der Rekonstruktion entziehen. Trotzdem können Zahlen durchaus die unterschiedliche Spielphilosophie zweier Teams aufzeigen. Sie dann zu implementieren und umzusetzen, das kann kein Computer, sondern nur ein Mensch aus Fleisch und Blut.

Niklas Döbler

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