Neymar: Irreparabler Imageschaden eines Künstlers

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Neymar Jr. gehört zweifelsohne zu den besten Fußballern der Welt, doch er wird nicht einmal ansatzweise so sehr bewundert, wie es bei anderen Ausnahmespielern der Fall ist. Der brasilianische Superstar trägt Altlasten der Vergangenheit mit sich, die er nicht mehr los wird.

Am Dienstag empfängt der FC Barcelona Paris Saint-Germain zum Achtelfinale der Champions League. Erinnerungen an das legendäre Aufeinandertreffen 2017 kommen hoch, doch ausgerechnet der Hauptdarsteller dieser Partie wird fehlen. Neymar hat sich im Pokal gegen SM Caen eine Verletzung zugezogen und wird PSG rund einen Monat fehlen. Mal wieder. Ein Blick in die Welt der sozialen Medien zeigte neben einiger Genesungswünsche auch viel Häme und Spott. Neymar, und das ist keine Neuigkeit, ist bei einer großen Anzahl von Fans sehr unbeliebt. Doch wie kam es zum status quo? 

Joga Bonito: Alle Blicke auf Neymar

Bereits in jungen Jahren sorgte Neymar für Aufsehen in seinem Heimatland. Diesmal waren sich alle sicher: Dieser Junge wird es an die Weltspitze schaffen. Regelmäßig erarbeiteten sich brasilianische Offensivspieler einen derartigen Ruf, genauso oft scheiterten diese Talente allerdings auch. Ronaldinho und Kaka waren die letzten , denen dieser seltene und doch so begehrte Mix aus Tricks und Effizienz gelang. Joga Bonito eben.

Neymar, der lange als Wunderkind galt, wechselte nicht als jenes nach Europa, sondern als gemachter Star. Mit den dazugehörigen Allüren. Skandale jeglicher Art kamen bei ihm des Öfteren vor. Nicht selten brannten beim jungen Offensivstar die Sicherungen durch. Licht und Schatten wechselten sich ab. Das Finale der Copa Libertadores 2011 dient als perfektes Beispiel: Das Ausnahmetalent war der auffälligste Spieler auf dem Platz, schoss das Tor zum zwischenzeitlichen 1:0. Am Ende mischte Neymar jedoch auch in einer wüsten Prügelei mit. Aufgrund solcher Auftritte waren sich Beobachter in Europa unschlüssig, ob Neymar es schafft, sich in einer der dortigen Topligen langfristig durchzusetzen.

(PABLO PORCIUNCULA/AFP via Getty Images)

FC Barcelona: Neymar erlebt internationalen Durchbruch

Die Zweifel, die ihm zuvor entgegengebracht wurden, erwiesen sich schnell als unbegründet. Beim Sieg der Brasilianer beim Confederations Cup 2013 ließ er bereits sein Können gegen gestandene Gegner aus Europa aufblitzen. In seiner ersten Saison für Barça spielte er ebenfalls sehr ansehnlichen Fußball. Im darauffolgenden Jahr folgte dann der Schritt zu außergewöhnlich guten Leistungen. Zusammen mit Luis Suarez und Lionel Messi bildete er das kongeniale Trio „MSN“. Die Katalanen hatten somit eines der torgefährlichsten Trios der Fußballgeschichte, das den Verein im Jahre 2015 zum Gewinn des Triples führte. Neymar war zu diesem Zeitpunkt im siebten Fußballhimmel und angesichts seiner Leistungen unantastbar. 

Doch rückblickend kann behauptet werden, dass nach dem größten Erfolg im europäischen Vereinsfußball ein Bruch in der Karriere des Ballkünstlers stattfand. Die Mannschaft konnte ihre Erfolge nicht wiederholen. Keine dramatische Krise, aber nunmal eine Situation, in der jeder noch so kleine Fehler plötzlich wieder Raum für Kritik gibt. Auch am Spieler Neymar. Ein überheblicher Jungstar, dessen Attitüde zunehmend mehr Beobachter störte. So zumindest die öffentliche Meinung. Seine Theatralik und sein Verhalten wurden nicht mehr so einfach hingenommen, wie zu Beginn seiner Zeit in Barcelona. Der anfängliche Zauber war verflogen. In Europa genoss und litt er gleichzeitig unter dem Status als gestandener Superstar. Es gibt Privilegien, aber der öffentliche Druck wird auch größer.

La Remontada: Neymar-Gala ohne nachhaltige Anerkennung

Während der Erzrivale Real Madrid in der Champions League überragte, holte Barça „lediglich“ nationale Pokale und Ligatitel. Aufgrund der absurden Dominanz, die von den Katalanen während der Messi-Ära in diesen Wettbewerben ausging, waren diese in der öffentlichen Betrachtung nicht mehr viel wert. 

Ein letztes richtig großes Highlight erlebten die Katalanen aber dann doch noch in der Königsklasse. Im Achtelfinale setzte es im Hinspiel in Paris eine herbe 0:4-Klatsche. Das Ausscheiden war quasi sicher. Aber dann folgte am 08. März in Barcelona die bereits angesprochene historische Wende: Mit 6:1 wurde PSG aus dem Camp Nou gefegt. „La Remontada“ wird Fußballfans auf der ganzen Welt in Erinnerung bleiben. Was allerdings ein wenig in Vergessenheit geriet, war die sensationelle Leistung Neymars, der zunächst einen Elfmeter rausholte, in der 88. Minute einen Freistoß und zwei Minuten später einen Strafstoß im Tor der Franzosen unterbrachte. Den entscheidenden Treffer von Sergi Roberto bereitete er gefühlvoll vor. Viele und vor allem langfristige Lobeshymnen brachte ihm diese Galavorstellung nicht ein. Die Bilder von Messi, der mit den Fans feierte, gingen hingegen um die Welt und haben ihren festen Platz in der Geschichte.

Neymars Reputation befand sich zu diesem Zeitpunkt schon allmählich in einer Krise. Nach seinen ersten Jahren in Europa wurde der Brasilianer als Fußballdiva wahrgenommen. Zu schnell ging er zu Boden, zu viel Theatralik war in seinem Spiel. Die Tricks, mit denen er seine Gegenspieler teilweise lächerlich machte, wurden ihm negativ ausgelegt. Arrogant und unsportlich seien solche Spielereien, so Kritiker. Dazu kam noch der Vorwurf der Steuerhinterziehung und Unregelmäßigkeiten im Zuge seines Transfers zum FC Barcelona. Das öffentliche Image war beschädigt.

Wechsel zu PSG: Neymar der teuerste Spieler aller Zeiten

Im Sommer 2017 folgte dann ein brachialer Schritt seiner Karriere. Neymar verließ dank Ausstiegsklausel den FC Barcelona in Richtung Paris Saint-Germain. Eine Entscheidung, die die ganze Branche maßgeblich veränderte. Paris zahlte tatsächlich die festgeschriebene Ausstiegsklausel in Höhe von 222 Millionen Euro. Der mit Abstand teuerste Transfer der Welt. Gleichzeitig auch ein weiterer Rückschlag für den Ruf des Brasilianers. Er verließ die wohl damals beste Liga der Welt, um sich einem neureichen Klub anzuschließen, der bereits ohne Neymar keinerlei Probleme in der Ligue 1 hatte. Das torgefährlichste Trio der Welt wurde aufgebrochen und das ehemalige Wunderkind wurde medial endgültig zum Söldner und Paradebeispiel für die Maßlosigkeit des Fußballs. 

Die Öffentlichkeit stürzte sich auf den Dribbelkünstler und da dieser dann auch noch regelmäßig mit Verletzungsproblemen zu kämpfen hatte, wurde auch verstärkt an seinen sportlichen Qualitäten gezweifelt. In Frankreich dominierte PSG nach Belieben, aber in der Champions League, deren Gewinn das Hauptziel von Präsident Nasser Al-Khelaifi ist, scheiterte der Serienmeister immer wieder. All dies fiel negativ auf Neymars Reputation zurück. Er entschied sich für das Geld und gegen die sportliche Relevanz, so der Tenor. 

(PHILIPPE LOPEZ/AFP via Getty Images)

WM 2018: Rufschäden für Neymar

Der Sargnagel für sein Image war letztendlich die WM 2018, die für ihn persönlich zum Gegenpol der vorherigen wurde. Denn 2014 überragte Neymar in einer biederen brasilianischen Elf und trug fast die gesamte Last, die auf der Seleçao lag. Im eigenen Land Weltmeister zu werden, war das Ziel und Neymar, der als Herzstück, Metronom und Spielgestalter des Teams fungierte, lieferte ab. Die Nummer 10 Brasiliens war der alles überragende Spieler des Gastgebers und sorgte darüber hinaus mit seinen Dribblings und Tricks für die Schönheit im Spiel der Scolari-Elf. Für die Fans der Seleçao ein nicht zu unterschätzender Faktor. Sein verletzungsbedingter Ausfall, nachdem er sich den dritten Lendenwirbel brach, war gleichzeitig auch das Ende für dieses Team, das gegen Deutschland historisch auseinanderbrach. 

Neymars tragische Verletzung wurde bedauernd aufgenommen, es herrschte großes Mitgefühl für den Star der Brasilianer. Vier Jahre später wurde er zum Feindbild. Erneut spielte er eine gute Weltmeisterschaft, aber nun schossen sich die Medien auf seine Theatralik nach Fouls ein. Viele Attacken gegen ihn wurden relativiert, weil er sich danach zu oft am Boden wälzte. So zumindest die Einschätzung vieler Beobachter. Neymar ist seit diesem Turnier in der öffentlichen Wahrnehmung endgültig der Schwalbenkönig. Das Turnier war die Chance, alle Kritiker und Zweifler zu überzeugen, doch sein Auftreten bestätigte sie letztendlich nur in ihrer Meinung. 

Neymar: Erst Streik, dann Führungsspieler

In Paris lief es nach der WM 2018 zunächst auch nicht besser. Das Verletzungspech hielt an, er flog in der Champions League mit PSG früh raus und so richtig wohl fühlte er sich lange Zeit auch nicht. Eine Rückkehr zum FC Barcelona, die er recht früh wieder anpeilte, scheiterte jedoch. In der französischen Hauptstadt war er insbesondere bei den Fans auch erst einmal unten durch. So wollte er einen Wechsel zu seinem Ex-Klub mit einem Streik erzwingen. Sowohl der Spieler Neymar als auch dessen öffentliche Wahrnehmung war am Boden. Er steht für viele Fans quasi für all das, was sie am modernen Fußball stört.

(LUIS ACOSTA/AFP via Getty Images)

Die Sorgen des neureichen Klubs vor durchwachsener Leistungen des Superstars waren jedoch unbegründet. In der Saison 2019/20 überzeugte er plötzlich mit neu gewonnen Qualitäten. Neymar reifte unter Tuchel zum Führungsspieler. Der Brasilianer kämpfte sich zurück in die Herzen der Verantwortlichen und der PSG-Fans. Er ging sportlich voran und übernahm im Spiel der Franzosen mehr Verantwortung. Selbst für Pressingsituationen und Defensivarbeit war er sich nicht zu schade. Natürlich für einen Superstar in verhaltenem Maße, aber er war sichtlich bemüht, sich in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Da nur wenige Leute außerhalb Frankreichs die Ligue 1 intensiv verfolgen, gingen seine überragenden Leistungen und Entwicklungen ein Stück weit unter oder wurden ohnehin aufgrund der vermeintlich schwachen Gegner relativiert. 

In der Königsklasse ließ er allerdings aufhorchen. So war er es, der PSG im Achtelfinale mit zwei Toren vor einem Aus gegen Borussia Dortmund bewahrte und die Mannschaft zum coronabedingten Endturnier nach Lissabon führte. Dort zeigte der Brasilianer starke, aber dann doch untypische Leistungen. Spektakulär war sein Spiel keineswegs, seine Aktionen waren aber stets sehr durchdacht und hatten nur ein Ziel: der Mannschaft zu helfen. Der Paris-Star kreierte reihenweise Chancen, ordnete das Spiel, führte seine Kollegen an. Ein extrem reifer Auftritt eines Leaders. Ja, Neymar entwickelte sich zum Führungsspieler und gab der Millionentruppe das, was ihr bis jetzt ein wenig fehlte: Herzblut und Kampfgeist. Den Titel verpasste man im Finale nur knapp gegen den FC Bayern München. Für den Klub war es dennoch ein historisches Ergebnis.

Neymar: Kann er sein Image noch retten?

Flächendeckende Anerkennung für diese Saison bekam er nicht. Neymar, so paradox das auch klingen mag, fliegt mit seinen Leistungen unter dem Radar vieler Fans. Er wird von vielen unterschätzt. Seine Verletzungen trüben seine Zeit in Paris, aber wenn er fit ist, liefert er ab. In 103 Pflichtspieleinsätzen erzielte er für PSG 83 Tore und bereitete er weitere 47 Treffer vor. Werte, an die in Frankreich pro Spiel höchstens noch Kylian Mbappé herankommt. Der wird allerdings, trotz deutlich eindimensionalerer Veranlagung als der nächste große Superstar gefeiert und geliebt. Neymar, der Spielmacher- und Torjägerqualitäten auf allerhöchstem Niveau vereint, wird gekonnt kleingeredet.

Vielleicht liegt es auch daran, dass die Fans etwas in ihm sehen wollen, was er nicht ist. Er ist nicht der Nachfolger Ronaldinhos, eine eiskalte Tormaschine, die so zuverlässig funktioniert wie Ronaldo, ist er ebenfalls nicht und Messi hat schlichtweg einen Flair, an den auch der 29-Jährige nicht herankommt. 

(Photo by MANU FERNANDEZ/POOL/AFP via Getty Images)

Neymar ist Neymar. Was auch gut ist. Er ist ein Unikat, im guten, wie auch schlechten Sinne. Seine außerordentlichen Leistungen kommen allerdings nicht gegen die Skandale, Schwalben und sein Auftreten an. Bei anderen Spielern, wie z. B. Diego Maradona, Zlatan Ibrahimovic und anderen schillernden Figuren des Weltfußballs akzeptieren die Anhänger ihre Eigenarten viel schneller. Beim PSG-Star ist dies oft nicht der Fall. Nein, vielmehr ist mittlerweile eine derartige Abneigung vorhanden, die dazu führt, dass selbst ernstzunehmende Verletzungen Spott auslösen. 

Die Herzen vieler Fans wird er niemals erobern. Dabei hat er quasi alles, um zu begeistern. Neymar kann an guten Tagen der unterhaltsamste Fußballer der Welt sein. Er ist der erste große Trickser seit Ronaldinho, doch dessen Kunststücke wurden von Fans mit Liebe aufgenommen. Neymar wird Arroganz vorgeworfen. Er ist der Spieler, der in den letzten Jahren am konstantesten mit Messi und Ronaldo mithalten konnte, aber ihren Status wird er dennoch niemals erreichen. Die zwei Superstars waren in ihrer Karriere nur für die ganz großen Klubs tätig und entschieden sich für prestigeträchtige Aufgaben. Neymars Mission ist es, einen neureichen Klub, der mit Geldern aus Katar aufpoliert wurde, an die Spitze Europas zu führen. Eine denkbar schlechte Ausgangsposition, um zum Liebling der Massen aufzusteigen. 

Doch Sympathie sollte keine Rolle spielen, wenn es um die Anerkennung sportlicher Leistungen geht. Der Brasilianer hat ohne jeden Zweifel die Anlagen, um eine Legende des Sports zu werden, aber sein irreparabler Imageschaden wird dies nicht zulassen. Seine vorbildliche Entwicklung im letzten Jahr ging unter. Eigentlich hilft da nur noch ein Vereinswechsel. Weg vom Söldnerklub und zurück zu presitigeträchtigeren Vereinen. Aber nicht einmal diese Karriereentscheidung würde die verdiente Wertschätzung der Leistungen dieses grandiosen Fußballers garantieren.

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Damian Ozako

(Photo by DAMIEN MEYER/AFP via Getty Images)

Damian Ozako

Als Kind von Tomas Rosicky verzaubert und von Nelson Haedo Valdez auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht worden. Geblieben ist die Leidenschaft für den (offensiven) Fußball. Seit 2018 bei 90PLUS.

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