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Nachspielzeit: Warum N’Golo Kanté der Spieler der Saison ist

7. März 2017 | Spotlight | BY Chris McCarthy

von Chris McCarthy

Er war bereits im Vorjahr bei Leicester City mein Premier League Spieler der Saison und er wird es auch 2016/2017 bei Chelsea sein: N’Golo Kanté. Es erwarten uns noch elf Spieltage, doch in meinen Augen hat kein Spieler einen derartigen Einfluss auf den Erfolg seines Teams wie der kleine Franzose mit der Pferdelunge…

 

Beim Fußballspielen geht es hauptsächlich um Tore. Es sind die spektakulären Weitschüsse, die traumhaften Soli, und die perfekt getimten Passstafetten, die uns ohne den perfekten Abschluss nicht lange in Erinnerung bleiben würden.

Kein Wunder also, dass der Titel  „Professional Footballers‘ Association Players‘ Player of the Year“ (kurz PFA Player of the Year) in der Regel an einen Offensivspieler geht. In den letzten 23 Jahren benannten die Mitglieder der Gewerkschaft der Profifußballer (PFA) nur einmal einen Sieger, der nicht ein torgefährlicher Mittelfeldspieler oder ein Stürmer war: John Terry, Innenverteidiger des FC Chelsea (2004/2005).

Warum sollte also ausgerechnet ein unspektakulärer defensiver Mittelfeldspieler, der für sein Team die Drecksarbeit verrichtet und einen Saisontreffer auf dem Konto hat, diesen Zyklus durchbrechen?

Ganz einfach, N’Golo Kanté ist alles andere als ein typischer Abräumer…

(Photo IAN KINGTON/AFP/Getty Images)

 

Der doppelte Kanté

Als N’Golo Kanté (25) im Sommer als frisch gebackener Meister für 35 Millionen Euro von Leicester zu Chelsea wechselte, war wohl nur den wenigsten bewusst, welch enormen Einfluss der kleine Franzose bei den Blues haben würde.

Dabei war der „Sechser“ bei den Foxes, trotz der unglaublichen 59 Torbeteiligungen von Riyad Mahrez und Jamie Vardy, wohl der entscheidende Faktor in der sensationellen Meistersaison. Er führte die Liga nicht nur in den Kategorien „Abgefangene Bälle“ und „Tacklings“ an, sondern legte ein unvergleichliches Laufpensum an den Tag.

Ob der Gegner einen Pass in die Schnittstelle spielen wollte, oder versuchte, an ihm vorbei zu dribbeln: Das kleine Energiebündel war stets zur Stelle! Es gab und gibt in Europa wohl keinen Spieler, der für sein Team so viele Meter macht und so viel Defensivarbeit verrichtet wie N’Golo Kanté!

Heute wird der französische Nationalspieler nicht nur wegen seiner Nationalität und der Triktofarbe mit dem legendären Claude Makélélé (44) verglichen. Nicht zu unrecht, denn „Kantélélé“ bestätigt seine herausragenden Qualitäten auch an der Stamford Bridge.

Schaut man seine Statistiken an, sieht man jedoch einen kleinen Abfall…

[vtftable ]
{f1};;;{f1}2015/2016;;;{f1}2016/2017;nn;
Abgefangene Bälle pro Spiel;;;4,2 (Platz 1);;;2,3;nn;
Tacklings pro Spiel;;;4,7 (Platz 1);;;3,7 (Platz 3);nn;
[/vtftable]

 

Allerdings sollte man hierbei anmerken, dass Kanté jetzt bei einem Team mit viel Ballbesitz spielt. Während Leicester in der vergangenen Saison im Schnitt einen Ballbesitz von 44,8% vorweisen konnte, sind es bei den Blues nun 53,9%. Logisch: Wenn der Gegner weniger den Ball hat, gibt es folglich auch weniger Gelegenheiten für Defensiv-Aktionen.

Darüber hinaus lassen sich einige Stärken des Nationalspielers schlecht in Zahlen belegen. Beim gestrigen 2:1 Sieg des Tabellenführers über West Ham war eine Szene sinnbildlich für all das, was Kanté so stark macht.

Er fing im defensiven Mittelfeld mit seinem außergewöhnlichen Riecher einen Pass der Hammers ab und leitete umgehend einen Konter ein, den Eden Hazard zur 1-0 Führung abschloss. Lediglich die „Interception“ wird nun in den Statistiken auftauchen. Dass der 25-Jährige in dieser Aktion aber Instinkt bewies, anschließend blitzschnell schaltete und das Spielverständnis besaß, um den Gegenangriff einzuleiten, lässt sich nicht in Zahlen messen.

Eden Hazard brachte es nach dem Spiel auf den Punkt:

„Ich habe manchmal das Gefühl, mit Zwillingen zu Spielen“ [Sky]

Kanté ist einfach überall….

 

Der Kanté-Effekt

In den amerikanischen Profi-Ligen wird alljährlich der sogenannte MVP-Award verliehen. Der „Most Valuable Player“, also der wertvollste Spieler, ist dabei derjenige, ohne den sein Team den größten Leistungsabfall erleben würde. Oder positiver ausgedrückt: Der Spieler, der sein Team am meisten verbessert.

Das ist Kanté, wie man an den Beispielen Leicester und Chelsea unschwer erkennen kann….

 

Leicester ohne Kanté

Wie stark sein ehemaliger Arbeitgebers nach dem Transfer abstürzte, haben wir in der aktuellen Saison bereits erlebt. Natürlich ist dafür nicht ein Spieler alleine verantwortlich. Nichts desto trotz ist es evident, dass Kanté der Kleber war, der das Team zusammenhielt. Wie wichtig der Mittelfeldmotor war, fällt insbesondere dann auf, wenn man die aktuelle Defensive des kränkelnden Meisters genauer betrachtet.

Leicester Gegentore pro Spiel

[vtftable ]
{f1}2015/2016;;;{f1}2016/2017;nn;
0,95;;;1,67;nn;
[/vtftable]

Leicester hat die komplette Viererkette und seinen Torwart aus der Vorsaison halten können. Die „Back-Five“ sind also 100% intakt. Erst jetzt wird jedoch deutlich, wie sehr Kanté seine Defensive entlastete. Seine abgefangenen Bälle und gewonnenen Zweikämpfe in der Mittelfeldzentrale erstickten viele Angriffe des Gegners im Keim! Ohne den EM-Teilnehmer sehen ein Robert Huth (32) und ein Wes Morgan (33) plötzlich wie Durchschnitts-Verteidiger aus. Also quasi so, wie man sie vor der Verpflichtung Kantés betrachtete.

(Photo by Hannah Foslien/Getty Images)

 

Chelsea mit Kanté

Der Einfluss Kantés lässt sich jedoch auch an der Transformation des FC Chelsea gut erkennen. Natürlich spielten die Blues letztes Jahr eine erschreckend schwache Saison (Platz 10), sodass eine erhebliche Steigerung durchaus zu erwarten war. Vieles ist logischerweise dem neuen Trainer Antonio Conte (47) und dem Systemwechsel (3-4-3) zu verdanken. Der Faktor „Kanté“ ist allerdings nicht zu unterschätzen.

Chelsea Gegentore pro Spiel

[vtftable ]
{f1}2015/2016;;;{f1}2016/2017;nn;
1,39;;;0,74;nn;
[/vtftable]

Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Defensive der Blues schlagartig verbessert. Das hat mit dem System zu tun, aber auch mit dem neuen defensiven Mittelfeldspieler. Wie auch bei Leicester entlastet Kanté seine Hintermannschaft. David Luiz (29) oder Gary Cahill (31), in der Vergangenheit oftmals als Unsicherheitsfaktoren beschimpft, spielen eine erstaunlich solide Runde. Das erinnert unweigerlich an die zwischenzeitliche Leistungssteigerung der soeben erwähnten Morgan oder Huth.

Wie bereits angeschnitten gibt es jedoch auch viele Qualitäten des gebürtigen Parisers, die sich schwer in Zahlen messen lassen. Der Franzose leitetet durch seine abgefangenen Pässe unzählige Konter ein. Genau das war im Meisterjahr das Erfolgsrezept der Foxes und auch heute bei den Blues ist es zum Alltag geworden…

Konter-Tore

[vtftable ]
;;;{f1}2015/2016;;;{f1}2016/2017;nn;
Leicester;;;5;;;1;nn;
Chelsea;;;1;;;5;nn;
[/vtftable]

Es ist zu erwähnen, dass Kanté natürlich viele weitere Gegenangriffe initiierte, die entweder nicht zum Tor führten oder statistisch nicht als Konter gewertet wurden.

https://www.youtube.com/watch?v=RZf8ZPBmHu0

 

Player of the Year

Gerade heute, in der modernen und offensivlastigen Fußball-Neuzeit, fallen bei der Frage nach dem Spieler der Saison immer die gleichen Namen. Harry Kane (Tottenham, 19 Saisontore), Romelu Lukaku (Everton, 18 Tore), Diego Costa (Chelsea, 17 Tore), Zlatan Ibrahimovic (ManUtd, 15 Tore) oder Alexis Sanchez (Arsenal, 27 Scorerpunkte) sind hier stets die Favoriten. Ihre Torausbeute und enormer Einfluss auf die Offensive sind natürlich unbestritten und bemerkenswert. Aber ist diese Gabe, wie die Vielzahl an Namen schon zeigt, nicht leichter auszutauschen wie der fast schon unnatürliche Defensiv-Instinkt eines N’Golo Kanté? Gibt einer dieser Torjäger seinem Team das Gefühl, in Überzahl zu spielen?

Der Franzose ist in meinen Augen ein ganz besonderer Spieler und einer, der sein Team gleich auf so vielen Ebenen verbessert. Es sind seine herausragenden Eigenschaften, die die Leistung einer gesamten Mannschaft, beginnend in der defensiven Ordnung bis hin zum offensiven Umschaltspiel, von Grund auf verbssert.

(Photo FRANCK FIFE/AFP/Getty Images)

Leicester muss heute schmerzhaft feststellen, welch folgenschweres Ausmaß der Abgang des unscheinbaren Mittelfeld-Dynamos tatsächlich mit sich brachte. Auf der anderen Seite hat Chelsea das optimale und alles entscheidende Puzzle-Teil für sein so erfolgreiches System gefunden.

Es gibt in der Premier League wohl keinen Spieler, der eine derartigen Einfluss auf den Erfolg seines Teams hat wie N’Golo Kanté. Das ist für mich letztendlich der Grund, warum er, auch als Sechser, den Titel „PFA Player of the Year“ am meisten verdient hätte…

 

 

 

Chris McCarthy

Gründer und der Mann für die Insel. Bei Chris dreht sich alles um die Premier League. Wengerball im Herzen, Kick and Rush in den Genen.


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