Kommentar zum DFB-Kader: So richtig wie riskant!

14. März 2024 | News | BY Philipp Overhoff

DFB-Trainer Julian Nagelsmann hat soeben seinen heiß erwarteten Kader für die anstehenden Länderspiele bekanntgegeben. Die Entscheidungen des Bundestrainers sind absolut verständlich, bergen aber dennoch ein gewisses Risiko. Ein Kommentar.

DFB-Kader wird generalüberholt

Schon lange nicht mehr wurde so energisch auf die Bekanntgabe eines DFB-Kaders hin gefiebert wie in den vergangenen Tagen. Wen nimmt Julian Nagelsmann mit, wen lässt er daheim? Vor lauter Leaks und Spekulationen konnte man sich in den sozialen Netzwerken kaum noch retten, die deutsche Nationalmannschaft war in den letzten Tagen das Gesprächsthema Nummer eins. Und das nicht aus Spott, wie zumeist in den abgelaufenen Jahren, sondern aus ehrlichem Interesse heraus.



Nur drei Monate vor dem Beginn einer Heim-Europameisterschaft ist das natürlich mehr als verständlich, die Tragweite der heutigen Nominierung ist enorm. Es ist das letzte Mal vor dem Beginn der EM-Vorbereitung, dass sich der DFB-Tross zusammenfindet. Der aktuelle Kader ist daher definitiv ein klarer Fingerzeig in Richtung Juni, auch wenn Nagelsmann soeben auf der Pressekonferenz betonte, dass die Tür für keinen nicht-nominierten Spieler zu sei.

Im Rahmen der letzten Länderspielpause, als sich die deutsche Nationalmannschaft absolut blamabel präsentierte und gegen die Türkei und Österreich verlor, wurde der Ex-Bayern-Trainer deutlich: „Das werden Richtung März weniger Spieler werden, da wird der Kreis sicherlich etwas konzentrierter“, so der Bundestrainer. Nach der heutigen Verkündung stellt sich jedoch die Frage: Ist er das wirklich?

(Photo by THOMAS KIENZLE/AFP via Getty Images)

Um dies gleich mal vorneweg zu nehmen: Die allermeisten Entscheidungen von Nagelsmann sind absolut richtig. Die Stuttgarter Führich, Undav, Mittelstädt und Anton mitzunehmen, war angesichts der brachialen Saison des VfB nur folgerichtig. Alle vier Akteure können unserer Nationalelf auf unterschiedlichste Art und Weise einen Mehrwert liefern, wie Jürgen Klinsmann jetzt notieren würde.

Auch die Berufung von Bayern-Youngster Aleksandar Pavlović erscheint aus aktuellen sowie zukunftsperspektivischen Gesichtspunkten mehr als logisch. Die Nominierungen von Robert Andrich und Jan-Niklas Beste sind ebenso nachvollziehbar, da beide Spieler eine Qualität mitbringen, die dem DFB in den vergangenen Jahren abging. Der Leverkusener Andrich erfüllt als giftiger Zweikämpfer auf der Sechs einen Need, der gefühlt seit dem Rücktritt von Sami Khedira offen ist. Beste wiederum ist der wahrscheinlich beste (sorry, ungewolltes Wortspiel) Standardschütze der Bundesliga und kann der Nagelsmann-Elf in dieser Hinsicht einen neuen Impuls verleihen.

DFB-Team in Zukunft ohne Goretzka?

Im Gegenzug ergeben auch die Nicht-Nominierungen durchaus Sinn. Einen Leon Goretzka kann man aufgrund der massiven Leistungsschwankungen in den letzten Monaten gegen Frankreich und die Niederlande zu Hause lassen. Das sollten auch die zuletzt starken Auftritte gegen Lazio Rom und den FSV Mainz 05 nicht gleich wieder ändern.

Kann man auch dafür argumentieren, alle drei Innenverteidiger des BVB nicht zu berücksichtigen? Wahrscheinlich. Mats Hummels spielte zuletzt deutlich weniger, Niklas Süle hat wie eh und je mit formtechnischen Auf und Abs zu kämpfen und die bisherige Länderspiel-Karriere von Nico Schlotterbeck ist wahrlich keine Erfolgsstory. Gerade letztgenannter spielt in Dortmund aber wirklich stark und auch Mats Hummels galt bis vor wenigen Wochen noch als der vermutlich beste deutsche Innenverteidiger, wobei er insbesondere in der Champions League überragte.

(Photo by INA FASSBENDER/AFP via Getty Images)

Hat Julian Nagelsmann tatsächlich vor, mit einer Innenverteidigung bestehend aus Antonio Rüdiger, Jonathan Tah, Robin Koch und Waldemar Anton in die Europameisterschaft zu gehen? Auch wenn der Bundestrainer die Experimentierphase für beendet erklärt hat und zusätzlich noch betonte, die passendste und nicht notwendigerweise talentierteste Mannschaft finden zu müssen, ist davon nicht unbedingt auszugehen. Ob es daher beim letzten Zusammenkommen vor dem Turnier, dazu noch gegen starke Gegner, sinnvoll ist, nochmals in die Experimentierkiste zu greifen, darf man den Bundestrainer durchaus fragen. Ist der aktuelle 26-Mann-Kader wirklich ein realistischer Ausblick auf das große Highlight im Sommer?

Setzt Goretzka seinen zuletzt angedeuteten Aufschwung fort und kommt Serge Gnabry so stark von seiner Verletzung zurück wie gegen Mainz angedeutet, wird an den beiden FCB-Akteuren fast zwangsläufig kein Weg vorbeiführen. Die Nagelsmann’schen Nominierungen sind im großen und ganzen (Julian, wo Anton Stach?) trotzdem sinnvoll, trotz allem bergen sie auch ein gewisses Risiko.

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Geht die deutsche Nationalmannschaft tatsächlich mit einem generalüberholten Kader wie diesem in die EM und scheitert, so wird sich der Bundestrainer die Frage gefallen lassen müssen, wie man auf so viele namhafte Akteure verzichten konnte. Geht die DFB-Elf mit einem gänzlich anderen Kader als jetzt in das Heim-Turnier und scheitert, wird man dem Bundestrainer vorwerfen, die letzte Testgelegenheit im März verschenkt zu haben.

In den nächsten vierzehn Tage wird Fußball-Deutschland gespannt auf seine Nationalmannschaft blicken und dabei auch seinem jungen Trainer genauestens auf die Finger schauen. Unsere EM-Euphorie wird in zwei Wochen entweder komplett in die Höhe geschossen sein, oder alternativ zerstört am Boden liegen. So oder so: um die deutsche Nationalmannschaft dürfte es so schnell nicht langweilig werden.

(Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)


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