Julian Nagelsmann hat seinen ersten DFB-Kader des WM-Jahres präsentiert. So manche Entscheidung wirft Fragen auf. Ein Kommentar.
Ein paar Überraschungen gab es bei der Bekanntgabe des Aufgebots für die Testspiele in der Schweiz (27. März) und gegen Ghana (30. März) dann doch. Pascal Groß und Anton Stach sind nach langer Pause wieder dabei, ebenso Stuttgarts Josha Vagnoman. Dass die Bayern-Talente Lennart Karl und Jonas Urbig erstmals zum Aufgebot zählen, war bereits am Mittwoch durchgesickert. Spieler wie Leon Goretzka und Leroy Sane stehen zwar in der Öffentlichkeit in der Kritik, Nagelsmann ließ bei beiden Routiniers aber schon in den vergangenen Wochen durchblicken, dass sie bei der WM eine wichtige Rolle spielen können.
Nagelsmanns klare Aussagen in den vergangenen Wochen waren ein weiterer Bruch mit dem Kurs, den er vor der Heim-EM 2024 ausgerufen hat. Damals galt: Wer die beste Form hat, ist dabei. Mittlerweile hat der Bundestrainer einen Stamm, dem er auch mangelnde Spielpraxis und Formschwankungen verzeiht.
„Müssen mit Variabilität auf ein hohes Level kommen“
Drumherum will er ein Team bauen, in dem die Spieler zueinanderpassen. Die Chemie soll stimmen, auch wenn dadurch vielleicht der ein oder andere formstarke Kandidat in die Röhre guckt. „Wenn du den besten Kader der Welt hast, kannst du immer deinen Stiefel spielen. Wir haben einen sehr guten, aber nicht den besten Kader der Welt, deswegen müssen wir mit Variabilität auf ein hohes Level kommen“, erklärte der frühere Bayern-Coach.
Der Kurswechsel begründet sich womöglich auch damit, dass Nagelsmann nicht mehr wie vor zwei Jahren nur auf ein kurzfristiges Projekt hinarbeitet, sondern nach seiner langfristigen Vertragsverlängerung bis 2028 auch die Weiterentwicklung der Mannschaft im Auge behalten will.

Grundsätzlich ist dieser Ansatz von Nagelsmann nicht falsch, ist für den Nationaltrainer aber ein Drahtseilakt. Es verwundert zudem, welche Spieler offenbar den Status der Unantastbarkeit genießen. Logischerweise werden Keeper Oliver Baumann, Kapitän Joshua Kimmich, Abwehrchef Jonathan Tah oder die Weltklasse-Offensive um Florian Wirtz, Jamal Musiala (aktuell verletzt) und Kai Havertz definitiv zum WM-Aufgebot zählen, warum Nagelsmann Goretzka, Sane oder Antonio Rüdiger scheinbar bedingungslos die Stange hält, ist jedoch äußerst fraglich.
Eine erfolgreiche Nationalmannschaft muss einen Stamm haben, an dem sich der Rest des Kaders orientieren kann. Der sollte sich jedoch auf die absoluten Leistungsträger begrenzen. Alle anderen Positionen müssen von den Spielern besetzt werden, die aktuell in der besten Form sind. Und zu denen zählt nunmal weder ein Leon Goretzka noch ein Antonio Rüdiger oder ein Pascal Groß, wenngleich der Routinier seit seinem Wechsel zu Brighton and Hove Albion immerhin wieder regelmäßig auf dem Platz steht.
WM-Kader nimmt Formen an: Nagelsmann wandert auf schmalem Grat
Als Bundestrainer hat man es vor einem großen Turnier nie leicht, schließlich wissen 80 Millionen andere besser, wie man den schmalen Grat zwischen der Einhaltung des Leistungsprinzips und dem Aufbau eines Mannschaftsgefüges meistert. Nagelsmann muss aber mehr denn je aufpassen, dass er mit solchen Entscheidungen nicht das Signal aussendet, dass die Tür zur WM für die Daheimgebliebenen bereits zu ist. Der Konkurrenzkampf ist schließlich gerade in den letzten Monaten der Saison wichtig, damit die Nationalspieler im Sommer in Top-Form sind.
Akteure wie Stuttgarts Angelo Stiller dürften sich ohnehin immens vor den Kopf gestoßen fühlen. Der Stuttgarter Taktgeber agiert mittlerweile seit zwei Jahren auf höchstem Niveau, droht aber nach der EM auch die Weltmeisterschaft zu verpassen. „Ich sehe Angelo nicht in der ersten Elf und dann haben wir uns entschieden, die Kaderplätze dahinter anders zu besetzen“, deutete Nagelsmann an, dass der VfB-Regisseur auch beim endgültigen WM-Kader wohl keine Rolle spielt.

Der Bundestrainer möchte in seinem Aufgebot Spieler in der zweiten Reihe wissen, die ihre Aufgabe als Reservisten annehmen und sich voll in den Dienst der Mannschaft stellen. Daher fiel die Wahl auf Rückkehrer Groß, den Nagelsmann als „tollen Menschen“ bezeichnete.
Die Testspiele sollen einen ersten Eindruck liefern, wie WM-reif das Team drei Monate vor dem Turnier bereits ist. Ob der Plan, das Mannschaftsgefüge über Form und Qualität zu stellen, aufgeht, wird sich jedoch erst in Nordamerika zeigen. Geht die Weltmeisterschaft in die Hose, gerät Nagelsmann umso mehr in Erklärungsnot. Der Bundestrainer spielt ein gefährliches Spiel.

