Der 4:3-Sieg der deutschen Nationalmannschaft in Basel gegen die Schweiz zum Auftakt ins WM-Jahr lieferte wichtige Erkenntnisse. Es war ein Spiel, das viel über den aktuellen Stand des Teams von Julian Nagelsmann offenbarte, im Positiven wie im Negativen.
Drei Dinge fielen bei dieser wilden Partie besonders ins Auge. Diese könnten richtungsweisend für die kommenden Monate sein.
1. Wirtz hebt das Team auf ein anderes Level
Wenn es einen klaren Gewinner dieses Abends gibt, dann Florian Wirtz. Der Offensivspieler des FC Liverpool war nicht nur statistisch mit zwei Toren und zwei Assists überragend, sondern vor allem spielerisch der Unterschiedsspieler.

Immer dann, wenn Deutschland Tempo aufnehmen konnte, war Wirtz der zentrale Faktor. Beim 2:2 zeigte er mit einem perfekten Vertikalball auf Serge Gnabry seine Übersicht, beim 3:2 traf er selbst traumhaft in den Winkel, beim 4:3 setzte er noch einen drauf. Es war eine Demonstration von dem, was in ihm steckt.
Auffällig war auch, wie stark Deutschland von genau diesen Momenten lebte. Struktur im Ballbesitz war phasenweise vorhanden, aber echte Durchschlagskraft entstand fast ausschließlich dann, wenn Wirtz das Spiel beschleunigte oder Lösungen fand, die andere nicht sahen. Das ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits hat die DFB-Elf mit ihm einen absoluten Weltklassespieler, andererseits zeigt sich, wie abhängig das Offensivspiel von seiner Kreativität sein kann.
2. Defensive Probleme bleiben ein Thema
So spektakulär der Sieg auch war, die defensive Stabilität bleibt ein klares Problem. Alle drei Gegentore waren letztlich selbst verschuldet und folgten einem ähnlichen Muster: Ballverluste im Aufbau, unsaubere Staffelung, fehlende Absicherung. Besonders Nico Schlotterbeck stand dabei im Fokus. Sowohl vor dem 0:1 als auch vor dem 1:2 leistete er sich folgenschwere Fehler im Spielaufbau. Doch es wäre zu einfach, die Probleme auf einzelne Spieler zu reduzieren.
Es war eher ein strukturelles Thema, denn nach Ballverlusten im Mittelfeld fehlte es an Zugriff und Kompaktheit. Die Schweiz kam mit wenigen Aktionen zu gefährlichen Situationen und nutzte diese eiskalt.
Selbst in der zweiten Halbzeit, als Deutschland klar dominierte, reichte eine einzige saubere Aktion der Schweizer zum zwischenzeitlichen 3:3. Genau das ist auf diesem Niveau entscheidend. Für ein Team, das bei der WM erfolgreich sein will, ist diese Anfälligkeit ein ernstzunehmendes Signal.
3. Sané verpasst Chance, Karl bringt neue Energie

Neben den strukturellen Themen gab es auch individuelle Gewinner und Verlierer. Leroy Sané gehört klar zur zweiten Kategorie. Der Flügelspieler konnte seine Chance in der Startelf von Julian Nagelsmann nicht nutzen, blieb in den 63 Minuten auf dem Feld blass und hatte wenig Einfluss auf das Spiel.
Gerade in einer Partie, in der mehrere Offensivspieler ihre Qualität zeigen konnten, fiel Sané eher ab. Es fehlte an Durchschlagskraft, an klaren Aktionen und auch an Präsenz in den entscheidenden Momenten.
Ganz anders Lennart Karl, der nach seiner Einwechslung sofort auffiel. Der Debütant brachte Tempo, Mut und Direktheit ins Spiel. Vor dem 4:3 war er maßgeblich beteiligt, initiiert die Aktion über die rechte Seite und zeigt genau die Dynamik, die zuvor gefehlt hatte. Das ist zwar nur eine Momentaufnahme, könnte aber im internen Konkurrenzkampf durchaus eine Rolle spielen, gerade mit Blick auf die Kaderstruktur für die WM.
Spektakel ja, Stabilität nein
Der 4:3-Sieg gegen die Schweiz ist ein typisches Testspiel mit doppelter Aussagekraft. Offensiv zeigt Deutschland enormes Potenzial, angeführt von einem überragenden Wirtz. Gleichzeitig bleiben defensive Schwächen und strukturelle Probleme offensichtlich. Für den Bundestrainer dürfte klar sein, dass die Qualität natürlich da ist, aber die Balance noch nicht ganz stimmt.

