Ajax Amsterdam: Mit ten Hag zurück zu altem Glanz

Ajax
UEFA CL/EL

Mit einem 4:0 gegen Borussia Dortmund und einem 5:0 gegen die PSV Eindhoven weckten die spielstarken Amsterdamer in der vergangenen Woche Erinnerungen an die erfolgreichsten Zeiten der Vereinsgeschichte. Wir werfen einen Blick auf die Entwicklung des niederländischen Rekordmeisters, den dominanten Spielstil des Totaalvoetbals und Gemeinsamkeiten zwischen dem glorreichen Ajax Amsterdam der 1970er und der aktuellen Mannschaft von Erik ten Hag.

Vom Schwergewicht zum Ausbildungsverein – und wieder zurück?

Der Begriff „Traditionsverein“ ist mittlerweile zum Qualitätsmerkmal geworden. In Zeiten, in denen Vereine von Konsortien oder Investoren finanziert werden, fällt vielen Fans die Identifikation mit dem Profifußball immer schwerer. In dieser Hinsicht können traditionalistische Fans von Ajax Amsterdam sich glücklich schätzen. Der Verein zählt seit der Einführung des Europapokals der Pokalsieger zu den europäischen Schwergewichten und die Einflüsse von Sponsoren nahmen nie Überhand. Noch heute ist es so, dass viele Ajax-Funktionäre zu ihrer aktiven Zeit als Spieler für den Klub aufliefen.

In den 1970er-Jahren gewann den Europapokal der Landesmeister dreimal in Folge und auch in 20 darauffolgenden Jahren zählten die Amsterdamer auf der internationalen Bühne stets zum Favoritenkreis. Die Folgen des Bosman-Urteils sollten das ändern. Aus dem Gerichtsbeschluss resultierte, dass der Klub für mehr als ein Jahrzehnt auf europäischer Ebene nur eine Nebenrolle spielte.

Das am 15. Dezember 1995 gefällte Urteil bedeutete, dass den Eigengewächsen des niederländischen Hauptstadtklubs die Tür ins Ausland durch ablösefreie Wechsel offenstand. Die Vertragsangebote kamen häufig von finanzstarken Klubs aus Italien und waren lukrativer. Ajax Amsterdam konnte finanziell nicht mithalten. Der Qualitätsverlust durch Abgänge von Topspielern wie unter anderem Clarence Seedorf, Jari Litmanen, Patrick Kluivert und Edgar Davids konnten kaum kompensiert werden.

Zwar zählten die Amsterdamer im nationalen Wettbewerb noch immer regelmäßig zu den Titelaspiranten, doch spielten auf europäischer Ebene nur noch eine Nebenrolle. Zwischen der Jahrtausendwende und dem Jahr 2015 war ein Champions-League-Viertelfinal-Ausscheiden gegen die AS Roma der größte „Erfolg“ im internationalen Wettbewerb, ehe es Peter Bosz in der Saison 2016/17 gelang auf europäischer Ebene wieder für Aufsehen zu sorgen. Mit einer jungen und talentierten Mannschaft wurde das Finale der Europa League erreicht. Zwar ging Endspiel ging gegen ein destruktives aufspielendes Manchester United von José Mourinho verloren und doch lässt sich die Spielzeit als Anbruch einer neuen Amsterdamer-Ära beschreiben. Die Intensität, die das Ajax-Team im Spiel gegen den Ball an den Tag legte, weckte Erinnerungen an den Totaalvoetbal aus den 1970er-Jahren. Das Offensivspiel war von Dynamik geprägt und die Stammformation war ein 4-3-3, das ebenfalls der Grundausrichtung aus den Glanzzeiten des Vereins glich. Eigengewächse wie Matthijs de Ligt, Donny van de Beek und Frenkie de Jong spielten groß auf und zählten trotz jungem Alter zum festen Kern des Teams.

Die Entwicklung begann im Sommer 2017 zu stocken, als Stammspieler wie Davinson Sanchez und Davy Klaassen in die Premier League wechselten, sowie Trainer Peter Bosz für eine Ablösesumme im einstelligen Millionenbereich von Borussia Dortmund verpflichtet wurde. Marcel Keizer, der im Vorjahr die Reserve trainierte, übernahm den Trainerposten und sollte den Übergang meistern. Das gelang ihm nur bedingt.

Nach 26 Spielen im Amt entließen die Amsterdamer Verantwortlichen Keizer samt seinen Kollegen Hennie Spijkermann und Dennis Bergkamp am 21. Dezember 2017. Letzterer Stand bereits mit Bosz im Konflikt. Zwar war Keizer in der Liga nicht gänzlich erfolgreich, doch das Verpassen in der Champions-League und das Ausscheiden im nationalen Pokal gegen Twente Enschede waren für Ajax-Geschäftsführer Edwin van der Sar Grund genug für eine Trennung.

Mit ten Hag zurück zu alter Dominanz

Noch vor dem Jahreswechsel stellten die Amsterdamer Keizers Nachfolger vor. Erik ten Hag wurde am 27. Dezember 2017 vom FC Utrecht verpflichtet und sollte die Amsterdamer wieder in die Spur bringen. Den Verantwortlichen ging es nicht nur um Ergebnisse. Die Integrität des Vereins musste wieder hergestellt werden – ein offensiver und dominanter Spielstil, sowie die Einbindung von Eigengewächsen sollten wieder zur festen Identität des Klubs gehören. Bereits in den 1970er-Jahren machten es sich die Niederländer zur Pflicht die Zuschauer mit ihren Auftritten zu unterhalten. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Ten Hag lief zwar während seiner aktiven Zeit als Profi nie für Ajax Amsterdam auf, doch es gibt wohl kaum eine Person, die als Trainer besser zur Identität des Klubs passen könnte. Der Familienvater liegt der Umgang mit jungen Spielern und strahlt zudem eine gesunde Autorität aus. Die spielerischen Prinzipien ähneln den klassischen Facetten der überragenden Ajax-Teams aus der Vergangenheit und die favorisierte Stammformation war das für die Niederlande charakteristische 4-3-3. Auf dem Feld strebt ten Hag über die vollen 90 Minuten nach Dominanz.

Erik ten Hag coacht an der Seitenlinie

Photo by Dan Mullan/Getty Images

Nach einem zweiten Platz in der Debütsaison brachte ten Hag den Erfolg zurück in die niederländische Hauptstadt. Besonders auf der europäischen Bühne überzeugte die junge Ajax-Mannschaft. In der Gruppenphase blieb man ungeschlagen und qualifizierte sich folglich für die K.O-Phase. In den darauffolgenden Runden wurden Real Madrid und Juventus Turin auf beeindruckende Art und Weise besiegt. Im Halbfinale endete die Europapokal-Saison der Niederländer gegen die Tottenham Hotspurs durch einen Gegentreffer von Lucas Moura in der 90.+6. Spielminute.

Das Ausscheiden war bitter, doch der attraktive und mutige Spielstil, mit dem die Amsterdamer auftraten, sorgte für Bewunderung in ganz Europa. Zudem wurde auf nationaler Ebene das Double aus Meisterschaft und Pokal gewonnen. Obwohl die Amsterdamer in den Folgejahren die Abgänge von Matthijs de Ligt, Frenkie de Jong und Hakim Ziyech hinnehmen mussten, gelang es Erik ten Hag europäischer weiterhin Konkurrenzfähig zu bleiben. Das liegt auch daran, dass eine klare Spielidee verfolgt wird, die teils an die erfolgreichsten Zeiten der Amsterdamer erinnert.

Hohes Pressing, Dreiecksbildung und Überzahlsituation – Ajax früher und heute

Blickt man auf die Qualitäten des Ajax-Teams aus den 1970er-Jahren und dem niederländischen Hauptstadtklub im Jahr 2021, lassen sich einige Parallelen feststellen. Beide Teams forcierten nach Ballverlusten die zügige Rückgewinnung des Balls und setzten dabei auf eine hochstehende Viererkette in der Defensive, sowie eine offensive Dreierreihe, die den Gegner bereits im eigenen Drittel unter Druck setzt. Eine hohe Aggressivität und eine gute Koordination des Pressings konnten Fans des niederländischen Hauptstadt Klubs dementsprechend sowohl vor 50 Jahren, als auch heute beobachten.

Im Spiel mit dem Ball gibt es ebenfalls Prinzipien, die sowohl ten Hag, als auch Rinus Michels und Johan Cruyff predigten. So waren das kreieren von Überzahlsituationen und das bilden von Dreiecken Verhaltensweisen, die beide Teams zu nutzen wussten. Für die Umsetzung der Spielidee bevorzugten beide Mannschaften ein 4-3-3, das nicht in Stein gemeißelt war. Cruyff spielte zur erfolgreichsten Zeit des Clubs im Sturmzentrum, doch scheute nicht davor, sich bis auf die Höhe der eigenen Innenverteidiger zurückfallen zu lassen, um sich den Ball abzuholen. Beim Ajax Amsterdam der Neuzeit sorgte beispielsweise Dusan Tadic, der unter ten Hag häufig als falsche Neun agiert, für Variabilität in der Offensive. Im vergangenen Sommer wurde Sebastién Haller ein großgewachsener Stürmer verpflichtet, der als Zielspieler für Hereingaben von den Flügeln agiert. Die Außenbahnen sind damals wie heute mit technisch versierten Flügelspielern bestückt. Früher waren es Piet Keizer und Johan Neeskens, heute sind es Antony und Tadic, die auf den Flügeln für Tempo sorgen. Letzterer ist seit der Verpflichtung Hallers häufiger auf der Außenbahn zu finden.

Obwohl die Flügelspieler des modernen Ajax-Teams zweifellos die Qualitäten für 1-gegen-1-Duelle mit den gegnerischen Außenverteidigern besitzen, werden sie in aller Regelmäßigkeit von den eigenen Außenverteidigern, sowie den Mittelfeldspielern unterstützt um Überzahlsituationen zu erschaffen. Besonders beim 4:0 Sieg über Borussia Dortmund am vergangenen Dienstag konnte man das erfolgreiche überladen der Flügel mehrfach beobachten.

Passmap Ajax Amsterdam - Borussia Dortmund

Quelle: BetweenThePosts

Um Überzahlsituationen herzustellen, verändert sich die Formation der Amsterdamer je nach Spielsituation. So wandelt sich beispielsweise die Viererkette durch aufrücken eines Außenverteidigers häufig zu einer Dreierkette.

Ein erkennbarer Unterschied ist hingegen, dass das Pressing im Vergleich zur Ajax-Stil der Vorzeit wesentlich koordinierter und nicht derart risikobehaftet ist. Aufgrund der allgemeinen Weiterentwicklung des Fußballs würde das stürmische Pressing, das Michels forcierte, mit Leichtigkeit überspielt werden. Eine 1-zu-1-Kopie ist der Fußball den ten Hag spielen lässt also nicht.

In der laufenden Spielzeit steht Ajax Amsterdam nach elf Spieltagen mit 26 Punkten und einem Torverhältnis von 37:2 (!) an der Tabellenspitze der Eredivisie. In der Champions League ist das Erreichen des Achtelfinals nach Siegen gegen Borussia Dortmund (4:0), Sporting Lissabon (1:5) und Besiktas Istanbul (2:0) nur noch Formsache.

Ten Hag: Verbindungen zu Cruyff, Guardiola und dem FC Barcelona

Wirft man einen Blick auf den Lebenslauf von Erik ten Hag, könnten Fragen aufkommen. Warum wechselt ein niederländischer Trainer, dem gerade mit einem Zweitligisten, den Go Ahead Eagels, in seiner Debütsaison der Aufstieg gelang in die deutsche Regionalliga zur zweiten Mannschaft des FC Bayern? Die Antwort ist simpel. Ten Hag strebt einen kontinuierlichen, persönlichen Weiterentwicklungsprozess an, den Schritt nach München hielt er damals für richtig.

Einige Monate vor der Verpflichtung ten Hags im Sommer 2013 für die Reserve des Rekordmeisters verkündeten die Bayern-Verantwortlichen die Verpflichtung von Pep Guardiola. Ten Hag und Guardiola verbindet nicht nur die gemeinsame Zeit beim selben Arbeitgeber, sondern auch die Einflüsse von Johan Cruyff, der als Schirmherr des Totaalvoetbals gilt. Folglich war ein regelmäßiger und konstruktiver Austausch der beiden Trainer die logische Konsequenz.

Cruyff spielte im Totaalvoetbal unter Michels auf dem Feld eine Schlüsselrolle und predigte die Philosophie Jahrzehnte später erfolgreich als Trainer an der Seitenlinie. Später wechselte Eigengewächs von Ajax Amsterdam zum FC Barcelona. Dem Verein, mit dem Guardiola im Jahr 2009 das Sextuple gewann und auch der Verein, der Erik ten Hag vor wenigen Wochen als Nachfolger von Ronald Koeman in Erwägung zog.

Aktuell liegt der Fokus von ten Hag jedoch auf Ajax Amsterdam, wie der 51-Jährige auf Nachfrage von ESPN bestätigte. Ob der niederländische Rekordmeisters in der Champions-League-Saison 2021/22 ähnlich erfolgreich wie vor zwei Jahren aufspielen wird, wird man nicht nur in den Niederlanden und Barcelona aufmerksam beobachten. Der attraktive Spielstil von Ajax Amsterdam begeistert Fußballfans aus ganz Europa.

(Photo by Peter Dejong-Pool/Getty Images)

Simon Lüttel

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