Darum steckt Juventus im fast unlösbaren Allegri-Dilemma

Allegri Juventus
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Juventus Turin ist ein großer Name in Europa. Es ist ein Klub, der viele Erfolge gefeiert hat. Sowohl auf nationaler, als auch auf internationaler Ebene. Der große Glanz vergangener Zeiten ist aktuell verflogen. Das hat verschiedene Gründe, die Negativspirale wurde durch viele falsche Entscheidungen in Gang getreten. Die Rückkehr von Massimiliano Allegri auf den Trainerstuhl sollte diesen Abwärtstrend stoppen. 

Von Erfolg gekrönt war dieses Vorhaben bisher aber nicht. Eine schnelle Lösung ist auch nicht in Sicht. Auch hier spielen wieder mehrere Faktoren eine Rolle. Der Druck ist in jedem Fall spürbar, rund um die Bianconeri rumort es. 

Juventus: Die großen Zeiten sind vorerst vorbei

2021 gewann Juventus zum letzten Mal die Coppa Italia, 2020 letztmals den Scudetto. Damals zum neunten Mal in Folge. Davon zu sprechen, dass die Dominanz der Vecchia Signora verflogen ist, mag mittelfristig gesehen ein wenig übertrieben sein. Gleichzeitig haben die Jahre, in denen die Bianconeri zum Serienmeister avancierten, die ohnehin schon sehr hohen Ansprüche noch einmal ansteigen lassen. Nationale Erfolge sind die eine Sache, internationale Erfolge die andere. Und in der Königsklasse, dem größten europäischen Wettbewerb, stotterte der Motor zuletzt deutlich. 

1996 war es, als Juventus zum einzigen Mal seit Einführung dieses Wettbewerbs den Henkelpott in die Höhe recken konnte. 2021/22 war gegen den FC Villarreal (1:1; 0:3) im Achtelfinale Schluss, 2020/21 war der FC Porto (3:2, 1:2) die Endstation. Ein Jahr zuvor schieden die Bianconeri gegen Olympique Lyon (2:1, 0:1) aus. Wieder im Achtelfinale.

Wiederum ein Jahr vorher war die junge, furiose Ajax-Mannschaft (1:2, 1:1) der Gegner, der die Italiener aus dem Wettbewerb kegelte. Auffällig ist dabei, dass es nicht die großen Namen waren, die den Ambitionen Juventus‘ ein Ende bereiteten. Selbst das zweite Regal Europas reicht aus.

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Allegri-Ende und Allegri-Rückkehr: Juventus dreht sich im Kreis

Im Sommer 2014 übernahm Massimiliano Allegri (55) den Job als Cheftrainer von Juventus und begann, den Klub zu reformieren. Nicht alles wurde über Bord geworfen, aber die Verantwortlichen der Bianconeri stimmten zu, einige Strukturen anzupassen. Die Titelserie unter Allegri war beeindruckend, der Fußball aber nur in wenigen Phasen. Der Fokus lag auf einer guten Struktur, auf Kompaktheit und Ordnung.

Eine erfahrene Mannschaft stellte der Fußballlehrer dabei meistens auf, was häufig zum Erreichen des Ziels führte. Das Team wusste, in welchen Situationen das Tempo erhöht werden muss und feierte viele Siege auch in engen Spielen. Unter Allegri schaffte es Juventus 2015 (1:3 gegen Barcelona) und 2017 (1:4 gegen Real Madrid) in das Endspiel der Königsklasse. 



Der große Wurf blieb aus. Im Gegenteil, es gestaltete sich zunehmend schwieriger weit in den Wettbewerb vorzustoßen. 2019 kam es dann zur Veränderung. Maurizio Sarri (63), der Exzentriker, sollte mit seinem maschinenhaften, ballbesitzlastigen „Sarri-Ball“ eine Revolution durchführen. Von seinem Stil, den er sonst so zielgenau und erfolgreich implementierte, war aber nicht so viel zu sehen wie erhofft.

Die Folge: Die Wege trennten sich und eine Ikone des italienischen Fußballs übernahm: Andrea Pirlo (43). Doch auch seine Zeit endete schnell. Juventus wirkte zunehmend anfälliger, unkoordinierter und vieles hing von individueller Klasse ab. Die Verantwortlichen erinnerten sich an die weitgehend sorglose Allegri-Zeit und stellten den Ex-Coach im Sommer 2021 erneut ein. 

Allegri behebt die Probleme nicht

Es musste sich also wieder einiges verändern, sowohl strukturell als auch spielerisch und generell im Kader. Der erste Transfersommer war nicht allzu erfolgreich. Deswegen musste im Winter noch einmal nachjustiert werden, viel Geld wurde für Stürmer Dusan Vlahovic (22) ausgegeben. Doch wie sehr hilft ein treffsicherer Knipser, wenn er nicht adäquat eingebunden wird? Eines der größten Probleme der Bianconeri wird damit deutlich. Die Kaderplanung der letzten Jahre verlief alles andere als ideal.

Juventus Allegri

(Photo by ISABELLA BONOTTO/AFP via Getty Images)

Federico Bernardeschi, Blaise Matuidi, Douglas Costa, Luca Pellegrini, Arthur Melo, Weston McKennie. Die Liste der Spieler, die nicht oder nur unzureichend abgeliefert haben, ist lang. Einige der aufgezählten Akteure kosteten sehr viel Geld und haben dieses durch ihre Leistungen nicht wieder eingespielt. Allegri fiel es zudem sehr schwer, seinen Spielstil, der früher zum Erfolg führte, wieder einzuführen. Die Mischung in der Mannschaft stimmte nicht, die Verantwortlichen konnten keine Homogenität im Kader herstellen.

2021/22 lag die Vecchia Signora lange nicht auf Kurs, hätte beinahe sogar die Champions League verpasst. Erst in der Rückrunde wurden die engen Spiele wieder in größerer Regelmäßigkeit gewonnen, ohne dabei zu glänzen. Vieles war also Stückwerk. Im Sommer 2022 sollten dann die richtigen Schlüsse gezogen werden. Doch die Kaderplanung warf erneut Fragen auf. Abgänge wie die von Paulo Dybala (28) und Matthijs de Ligt (23) wurden nicht oder nur unzureichend kompensiert, hinzu kommt, dass es noch immer zu wenig Kreativspieler im Kader gibt. Eine Fortsetzung der Probleme deutete sich an.

Juventus kann sich eine Entlassung nicht leisten

Und genau so kam es auch. Sechs Spiele absolvierte das Team bisher in der Serie A. Die Defensivstatistik liest sich mit vier Gegentoren akzeptabel, aber es wurden nur neun Treffer erzielt. Gegen Sampdoria, die Roma, die Fiorentina und sogar gegen Salernitana gab es jeweils nur ein Remis. Zu allem Überfluss wurden beide Spiele in der Champions League mit 1:2 verloren. Auswärts gegen PSG ist das keine Schande, die Heimniederlage gegen Roger Schmidts (55) Benfica schmerzte umso mehr. Sechs Punkte gegen Maccabi sind Pflicht, sonst sieht es mit der K.O.-Runde schon sehr schlecht aus. 

Zwei Siege in acht Spielen, Probleme im Kreativbereich und zu viele Spielphasen, in denen das Team lethargisch oder planlos wirkt: Juventus hat in nahezu allen Teilbereichen des Spiels seine Probleme. Und Allegri als Trainer ist natürlich einer der Hauptverantwortlichen dafür. Doch auch wenn die Unruhe schon vorhanden ist und sich Parallelen zur ersten Saisonhälfte der vorherigen Spielzeit erkennen lassen, kann Juventus den Trainer aktuell nicht entlassen.

Der Grund ist einfach und zeigt das Dilemma auf: Die Bianconeri können es sich nicht leisten, dem 55-Jährigen eine Abfindung in Höhe des Restgehaltes zu zahlen. Das aktuelle Gehalt weiterzahlen und einen neuen Trainer einstellen, der möglicherweise neben Gehalt auch noch Ablöse kostet, ist auch nicht mit den Budgetplanungen zu vereinbaren. Solange das der Fall ist, stecken alle Beteiligten in einem Dilemma. Und die Selbstheilungskräfte des Teams sind gefragt. Bleibt abzuwarten, wie lange das gut geht.

(Photo by VINCENZO PINTO/AFP via Getty Images)

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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