Donnerstag, Dezember 3, 2020

Sportpsychologin Marion Sulprizio im Gespräch: “Man kann sich auch mental fit halten”

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Julius Eid
Julius Eid
Redakteur

Eine Studie von FIFpro und dem Amsterdam University Medical Center hat ergeben, dass sich seit dem Ausbruch des Corona-Virus die Zahl von Profi-Fußballerinnen und -Fußballern, die Symptome einer Depression zeigen, erhöht hat. Die Krise ist auf vielen Ebenen mental fordernd.

Unser Redakteur Julius Eid hat deshalb mit der Sportpsychologin und Geschäftsführerin der Initiative MentalGestärkt der Deutschen Sporthochschule Köln, Marion Sulprizio gesprochen.

Rückkehr zum “Normalen”

JE: Eine Studie von FIFpro und dem Amsterdam University Medical Center hat ergeben, dass sich seit dem Ausbruch des Corona-Virus die Zahl von Profi-Fußballerinnen und -Fußballern, die Symptome einer Depression zeigen, erhöht hat. Denken Sie, eine Rückkehr zu ausgetragenen Spielen hätte einen direkten, positiven Einfluss auf diese Zahlen?

MS: Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse ist das anzunehmen. Ich denke aber auch, dass es nicht nur die Austragung der Spiele sondern die Rückkehr zu einem „normalen“ Mannschaftstraining ist, was die Spieler*innen wieder zu einem besseren Wohlbefinden führt. Als Mannschaftssportler*in muss man ja in Corona-Zeiten auf viele Dinge wie technische und taktische Übungen verzichten, was aber einen großen Teil des Sports ausmacht. Als Einzelsportler wie z.B. Langstreckenläufer kann man die eigenen Trainingseinheiten zumindest etwas besser erhalten.

“Eine ganz andere Kultur der Sicherheit”

JE: Im Zusammenhang mit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs wird immer wieder auch über drastische Maßnahmen für die Spieler/innen gesprochen. So könnte es zur fast kompletten Abschottung kommen um eine Ansteckung zu verhindern, jede Spieler/in soll in hoher Frequenz getestet werden, die Situation wäre einzigartig und allgegenwärtig. Könnten diese Maßnahmen direkten, negativen Einfluss auf die Spieler/innen haben?

MS: Veränderungen können immer negative Folgen haben. Wenn man sie beispielsweise nicht nachvollziehen kann und versteht. Emotionen wie Ärger, Wut aber auch Angst und Depressivität sind denkbar. Es kann aber auch zu einer ganz positiven Entwicklung kommen, wenn die Spieler*innen verstehen, warum diese Maßnahmen notwendig sind und die Umstände möglichst unkompliziert gehalten werden. Dann könnte sich eine ganz andere „Normalität“ oder Kultur der Sicherheit entwickeln.

“Man kann sich auch mental fit halten”

JE: Angeschlossen an Frage 2, inwieweit kann eine solch spezielle Situation und generell die mentale Verfassung von Spieler/innen Einfluss auf die sportliche Leistung und die Wettbewerbsfähigkeit haben? 

MS: Belastungen, wie Sie sie in Frage 2 ansprechen, werden immer individuell unterschiedlich verarbeitet und ob ein Spieler sich durch eine derartige Situation gestresst fühlt oder gelassen damit umgeht, hat mit seiner Persönlichkeit und seinen Ressourcen zu tun. Wenn ein Spieler sich hoch gestresst fühlt, kann dies natürlich auch zu Einbußen seiner sportlichen Leistung führen.

Allerdings kann man den Umgang mit besonderen Situationen auch erlernen und ist möglicherweise danach noch mental gestärkter. Spieler*innen, die eher gelassen mit der Situation klar kommen, könnten auch Strategien entwickeln, „jetzt erst recht“ alles zu geben, sich auszupowern und über die Freude an ihrem Sport auch ein hohes Wohlbefinden zu erreichen. Viele Vereine der Fußball Bundesliga bieten ihren Spieler*innen auch in dieser Zeit die Möglichkeit, mit Sportpsychologen*innen oder Psychotherapeuten*innen in Kontakt zu bleiben, um diese besondere Situation gut zu meistern. Man kann sich auch mental fit halten, selbst wenn man aktuell nicht unter den normalen Bedingungen trainieren kann.

Ein Plan B ist wichtig

JE: Wie präsent sind, trotz immer weiter steigender Gehälter, Zukunftsängste im Profifußball? Es gibt nur eine bestimmte Anzahl an Jahren um in diesem Geschäft Geld zu verdienen. Nun wird immer wieder darüber gesprochen, dass Vereine insolvent gehen könnten. Wie realistisch ist es, dass sich die Spieler/innen, auch die Topverdiener, von diesen Zukunftsängsten frei machen können? Im Profifußball der Frauen sind die Zahlungen deutlich geringer, denken Sie in diesem Bereich wird es erhöht zu mentalen Problemen kommen?

MS: Auch vor der Corona-Krise haben wir als Sportpsychologen*innen schon immer den Spieler*innen geraten, einen Plan B zu haben. Eine gute Ausbildung im Sinne einer dualen Karriere ist eine ganz wichtige Ressource, die auch in Zeiten von Insolvenzdrohungen Ängste nehmen kann. Wenn ich eine Alternative habe, kann ich gelassener mit der Situation umgehen, dass Plan A möglichweise gefährdet ist.

JE: Spätestens seit Robert Enke wird in Deutschland immer wieder davon gesprochen, dass sich etwas ändern müsse. Inwieweit ist dies seitdem geschehen und wo sehen sie Verbesserungsmöglichkeiten sowie -Ansätze?

MS: Seitdem hat sich bereits sehr viel geändert. Beispielsweise wurde die Initiative MentalGestärkt gegründet, deren Geschäftsführerin ich bin und die von der Robert-Enke-Stiftung, der Verwaltungsberufsgenossenschaft sowie der VDV finanziert wird. Wir versuchen, Athleten*innen zu helfen, indem wir das Thema Psychische Gesundheit präventiv bearbeiten, z.B. vermitteln wir sportpsychologisches Coaching oder Workshops für Sportler*innen, in denen sie ihre psychischen Kompetenzen zu stärken lernen. Wir kooperieren auch mit Psychotherapeuten und Psychiatern, an die wir die Athleten*innen vermitteln, wenn sie unter einer psychischen Erkrankung leiden. Auch die Dachgesellschaft der Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) hat das Referat Sportpsychiatrie gegründet und die Vernetzung in Deutschland wird besser und besser. Aber es gibt auch hier „noch Luft nach oben“. Die Proficlubs haben in den NLZ zwar Sportpsychologen*innen, die wenigsten Profimannschaften (erste bis dritte Liga) bieten diese Hilfe aber für ihre Spieler*innen an, das hat eine Befragung der VDV ergeben. 

Depressionshilfe

Wenn sie oder ihnen nahestehende Personen selber an Depressionen leiden, finden sie unter anderem bei der Deutschen Depressionshilfe ein breites Hilfsangebot.

90PLUS wird für die Monate März und April 15% der Einnahmen an die Initiative #WekickCorona spenden. Auch ihr könnt unterstützen: Jeder Klick, jede Spende zählt.

Julius Eid

Photo by Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images

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