Nagelsmann gegen Mexiko: Die EM kann warten

16. Oktober 2023 | Nationalmannschaften | BY sid

Das Debüt ist geglückt, dennoch kündigt Julian Nagelsmann für das Duell mit Mexiko Veränderungen an. An die EM-Elf will er erst später denken.

In der Wiege der US-Demokratie lässt Julian Nagelsmann seine Stars ein bisschen mitbestimmen – und schiebt dafür sogar seine EM-Pläne auf. „Irgendwann“, sagte der neue Bundestrainer vor dem Duell mit Mexiko in Philadelphia, werde sich seine Turnier-Elf schon „herauskristallisieren“ – aber noch nicht am Mittwoch (2.00 Uhr MESZ/ARD) vor mehr als 60.000 heißblütigen Fans im Hexenkessel Lincoln Financial Field.



„Wir haben mehrere Themen, die du beäugen musst“, sagte Nagelsmann vor dem zweiten Spiel auf dem US-Trip der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Der Aspekt, möglichst schnell ein sommermärchenfähiges Team zu formen, sei eben nur einer von vielen. „Es ist die erste Maßnahme, wir haben danach noch weitere Spiele“, betonte Nagelsmann. Außerdem wolle er „nicht nur eine erste Elf, sondern eine erste 15“ einspielen, „weil wir mehr als eine erste Elf brauchen“.

Und so möchte er nach seinem vielversprechenden Debüt gegen die USA in Hartford/Connecticut (3:1) „was verändern“ – auch, um einige der viel belasteten Profis zu schonen. Etwa die BVB-Spieler Mats Hummels und Niclas Füllkrug, die eigentlich zu seiner EM-Achse gehören, aber schon am Freitag wieder in der Bundesliga gegen Bremen spielen sollen.

Das Dortmunder Quartett, zu dem noch Niklas Süle und Julian Brandt gehören, wird deshalb nach der Partie getrennt von der Mannschaft im Privatjet zurückkehren. Eine „hoch professionelle Maßnahme“, wie Hummels findet, obwohl auch er um das Thema Nachhaltigkeit weiß. Die Borussia finanziert die teure Rückkehr und kompensiert den CO2-Ausstoß.

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Nagelsmann grübelte bei seinen Studien im Hotel The Inn at Penn auf dem Campus der ältesten US-Uni darüber, wie er keinen Spieler über Gebühr belastet. „Julian wird schauen: Wer kann noch ein zweites Spiel durchstehen?“, erläuterte Sportdirektor Rudi Völler: „Klar soll sich eine gewisse Formation einspielen, aber ein bisschen Rücksicht muss man auch nehmen.“

Außerdem, betonte Nagelsmann, „haben wir im November noch zwei Spiele, wo es ein bisschen anders ist“. Dann wird er mehr an die EURO denken als in Philadelphia im Bus des MLS-Klubs Union, der sein Team durch jene Stadt kutschierte, in der 1776 die amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet wurde. Denn nach seiner Heimspielpremiere gegen die Türkei in Berlin und dem Duell mit Österreich in Wien hat er nur noch die beiden März-Partien, ehe er seinen Turnierkader nominieren muss.

Für die EM, weiß Nagelsmann, brauche es auch Ersatzspieler, „die gierig sind und die richtige Einstellung haben“. Deshalb will er „möglichst alle im Spiel sehen, nicht nur im Training“. Wie die Neulinge Kevin Behrens und Robert Andrich, die anders als Chris Führich noch nicht zum Einsatz kamen.

Unabhängig vom Personal möchte Nagelsmann gegen den Gold-Cup-Sieger in einem der WM-Stadien von 2026 abermals seine Leit-Ideen sehen. Dazu gehört ein „gutes Gleichgewicht“, wie er betonte – und eine sehr variable, nicht nur defensiv geforderte Viererreihe. „Ich bin ein großer Verfechter davon, dass die Kette offensiv ein Riesenschlüssel ist, Spiele zu entscheiden“, sagte er.

Wenn schon die Hinterleute in die Vorstöße involviert seien, „ist es schwer zu verteidigen“, analysierte Nagelsmann. Die Kette sei dafür zuständig, „weniger konteranfällig zu sein, aber eben auch, Torschüsse zu initiieren“. Zumindest Letzteres klappte gegen die USA sehr gut, im Abwehrverhalten wird sich das DFB-Team gegen Mexiko steigern müssen.

Die Nummer zwölf der Weltrangliste sei „eine andere Mannschaft“ als die USA, sagte Nagelsmann, „sie versuchen, schneller in die Tiefe zu spielen. Sie spielen mit mehr Diagonalpässen, wenn sie gepresst werden. Sie sind sehr aggressiv im Eins-gegen-eins, offensiv wie defensiv. Wir brauchen eine andere Struktur.“

An seiner mutigen Idee will er festhalten. „Wir werden weiter versuchen, hoch zu verteidigen“, kündigte der 36-Jährige an. „Natürlich brauchen wir beide Lösungen und müssen auch dazu in der Lage sein, tief in der eigenen Hälfte zu verteidigen“, meinte Nagelsmann, „aber mit derselben Aktivität, als würden wir hoch pressen.“ Jedoch nicht mit denselben Spielern. (sid)

(Photo by Alex Grimm/Getty Images)


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