Hansi Flick und sein Taktikpuzzle: DFB-Elf startet furios in die neue Ära

Hansi Flick mit dem Daumen Hoch als Trainer des DFB
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Drei Spiele, drei Siege, 12:0 Tore – die deutsche Nationalmannschaft startet erfolgreich in die Ära Flick als Bundestrainer beim DFB. Vor allem aber zeigt sie eines: Dass sie Fußball spielen kann.

Hansi Flick: Neue Aufgabe beim DFB eingeläutet

Als Hansi Flick (56) im November 2019 den FC Bayern München als Trainer übernahm, befand sich der Klub in einer Schaffenskrise. Vorgänger Niko Kovač hatte die Kabine verloren, jüngst eine herbe Niederlage in Frankfurt kassiert und das Vertrauen der Vereinsführung verloren. Der Fußball, den die Bayern angeboten hatten, war behäbig, berechenbar und unattraktiv – mittlerweile war er aber vor allem eines: unerfolgreich.

Dann kam Flick und mit ihm kam auch all das zurück, was zuvor vermisst wurde. Nach einem verhaltenen Auftakt beim Champions-League-Gruppenspiel gegen Piräus zündeten die Bayern gegen Borussia Dortmund ein Feuerwerk. 4:0 gewannen die Münchner und zeigten dabei erstmals, wozu sie unter ihrem neuen Trainer in der Lage sind.

Der Rest ist Geschichte. Flick gewann in München nicht nur das Triple, sondern schließlich auch das Sextuple – zuvor gelang das nur dem FC Barcelona. Jetzt, fast zwei Jahre nach dem furiosen Start beim Rekordmeister, ist Flick Bundestrainer und blickt auf seine ersten drei Spiele mit der Nationalmannschaft zurück. Das Gefühl, das viele Beobachter:innen jetzt gerade haben, ist ähnlich zu jenem im November 2019: Da scheint wieder etwas zu wachsen.

Frischer Wind mit Flick beim DFB

Flick steht für einen kompromisslosen, leidenschaftlichen und extrem risikoreichen Offensivfußball. Dass die Bayern unter ihm trotz 44 Gegentoren Deutscher Meister wurden, liegt an der nahezu einmaligen Durchschlagskraft im Angriff, die sie entwickelt haben. Beim DFB, so sagten es viele Expert:innen voraus, würde er sich anpassen müssen.

Liechtenstein, Armenien, Island – das waren die ersten drei Gegner der neuen DFB-Elf. Flick schenkte Spielern wie Ridle Baku (23), Florian Wirtz (18), Jamal Musiala (18) und Karim Adeyemi (19) sein Vertrauen. Auch Löw setzte immer wieder auf junge Spieler, nominierte sie und gab ihnen Einsatzzeit. Gegen Ende seiner Ära vertraute er aber immer mehr jenen, die er schon seit vielen Jahren kennt.

Hansi Flick dirigiert als DFB Trainer

Photo by Imago

Darin liegt für die Zukunft vielleicht die größte Chance: Flick ist durch seine Zeit als Co-Trainer beim DFB und als Bayern-Trainer zwar nicht unvoreingenommen, aber er muss jetzt jeden Spieler zumindest zu Beginn neu bewerten.

Umstellungen, Dynamik und Spielfreude

In allen drei Partien war bereits zu erkennen, dass diese Mannschaft eine ganz andere Spielfreude an den Tag legt. Unter Löw wirkte es bisweilen so, als spiele das Team mit angezogener Handbremse. Bei der Europameisterschaft gipfelte das in einem Dreierketten-System, das die defensive Absicherung so stark priorisiert hatte, dass es vorn kaum ein Durchkommen gegen tiefstehende Gegner gab.

Flick hat zunächst auf dem Papier auf eine Viererkettenformation umgestellt. Er hat dabei einige entscheidende Veränderungen vorgenommen – taktisch und personell. Am auffälligsten war, dass er auf einen starken Bayern-Block setzt. Historisch gesehen nicht die schlechteste Entscheidung. Gerade weil in der Nationalmannschaft nicht viele Trainingseinheiten zur Verfügung stehen, ist es für Flick wichtig, möglichst viele Spieler aufzustellen, die seine Philosophie kennen.

Das 4-2-3-1 stellte sich taktisch aber in Ballbesitzphasen eher als 3-2-5 dar. Hinten waren wie bei der EM drei gelernte Innenverteidiger für den Spielaufbau zuständig, davor bewegten sich Joshua Kimmich (26) und Leon Goretzka (26) flexibel und dynamisch. Rechts schob der zuletzt nominelle Außenverteidiger Jonas Hofmann so hoch, dass er eher ein Außenstürmer war. Serge Gnabry (26) rückte von rechts nach innen, Leroy Sané (25) agierte auf dem linken Flügel.

Weitere Informationen rund um die Nationalmannschaften 

Flick versucht sich am großen Taktikpuzzle

Formationen sind oft auch ein großes Puzzle: Wo haben die Spieler ihre größten Stärken und wie stelle ich sie so auf, dass sie optimal zueinander passen. Löw gelang das zuletzt nicht mehr. Viele Spieler agierten in Rollen, die ungünstig für sie waren. Sané ist dafür vielleicht das beste Beispiel. Sowohl beim FC Bayern als auch in der Nationalmannschaft hatte er in allen möglichen Rollen und Positionen Schwierigkeiten. Weil um ihn herum aber meist vieles funktionierte, gab es keine Bemühungen, ihn auf die linke Seite zu schieben, wo er für Manchester City herausragende Leistungen gebracht hatte.

Sowohl Nagelsmann als auch Flick scheinen ihn jetzt aber wieder vermehrt links einsetzen zu wollen. Die große Frage wird sein, wie sie ihn einbinden. Sané ist als Breitengeber stark, wenn er freigespielt wird und anschließend auf die gegnerische Defensive zudribbeln kann. Beim FC Bayern müsste er links mit Alphonso Davies zusammenspielen, der ebenfalls stärker am Flügel als im Zentrum ist – vermutlich ein Grund dafür, dass Sané unter Flick dort nie wirklich zum Zug kam. In der Nationalmannschaft gibt es mit Robin Gosens einen offensiv ausgerichteten Linksverteidiger, der auch nicht dafür bekannt ist, im Halbraum seine Stärken zu haben. Allerdings hat Gosens im Team nicht das Standing, das Davies bei den Bayern hat.

Leroy Sane Leon Goretzka jubeln für den DFB

Photo by Imago

Mit Thilo Kehrer (24) als defensiv ausgerichtetem Außen- beziehungsweise Halbverteidiger funktionierte Sané besser als mit Gosens gegen Liechtenstein. Dass Gosens im dritten Spiel nur von der Bank kam, könnte demnach trotz der leichten Verletzung gegen Liechtenstein mit dem großen Taktikpuzzle zusammenhängen, das Flick zu lösen hat. 

Wie weit geht die Reise des DFB unter Flick?

Das Beispiel Sané zeigt sehr gut, worin Flicks große Stärke liegt: Im Umgang mit den einzelnen Spielern. Er mag taktisch nicht viel experimentieren, aber es gelingt ihm häufig, eine funktionierende Elf aufzustellen, in der die Stärken und Schwächen der Einzelspieler gut aufeinander abgestimmt sind.

In den ersten drei Spielen resultierte das in einer derartigen Spielfreude und einem Druck im Offensivspiel, dass in den sozialen Netzwerken sogar ein Hauch Begeisterung entstanden ist. Hatte die Nationalmannschaft in den letzten Jahren noch viele Fans verloren, so könnte sie mit solchen Auftritten einige davon zurückgewinnen.

Klar ist aber auch, dass Liechtenstein, Armenien und Island nicht die Gradmesser sind. Nur tat sich die DFB-Elf zuletzt auch gegen diese Kaliber immer wieder schwer, während sie diesmal souverän und ohne Gegentor durch die Länderspielpause marschierte. Bis der erste hochkarätige Gegner kommt, wird Flick noch weiter an seinem Puzzle arbeiten können. In einigen wenigen Szenen war beispielsweise zu erkennen, dass es vor allem defensiv das eine oder andere Problem geben könnte, wenn die erste Pressinglinie mal überspielt ist. Und auch gegen die extrem tiefstehenden Liechtensteiner kamen erneut Debatten über einen fehlenden Stürmer auf.

Doch fürs erste hat Flick sich und dem Verband ein wenig Ruhe verschaffen können. Ein bisschen wie im Jahr 2019, als er den FC Bayern übernommen hatte. Das Ende der damaligen Reise ist bekannt. Man darf gespannt sein, wie weit seine neue mit dem DFB gehen wird.

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