Europa Conference League | Fußballmärchen mit Verfallsdatum: Was von der Debütsaision der Europa Conference League bleibt

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Spotlight | Am heutigen Mittwochabend trifft die AS Roma im ersten Finale der UEFA Europa Conference League auf Feyenoord. Doch was bleibt nach der Debütsaison des neuen europäischen Wettbewerbs? Eine kommentierende Analyse.

Europa Conference League: Wie aus Ablehnung Akzeptanz wurde

Als Präsident Aleksander Čeferin im vergangenen August stolz das neue Kind der UEFA der Öffentlichkeit präsentierte, ging es vor allem um eines: Inklusivität. „Wir wollen unsere Wettbewerbe inklusiver machen, um Klubs und Fans die Chance zu geben, von europäischer Ehre zu träumen und darum zu kämpfen. Darum haben wir die UEFA Europa Conference League kreiert“, so der Slowene in einer Videobotschaft.

 



 

Die öffentliche Reaktion auf die Conference League: eher gemischt. Danach gefragt sagte der damalige Unioner Max Kruse bei Sky: „Europa League hätte ich Bock drauf. Europa Conference League hätte ich irgendwie keinen Bock drauf. Da können dann andere spielen. Ich glaube, wir haben genug Wettbewerbe. Und dabei sollte es glaube ich auch bleiben. Denn wenn’s jetzt noch einen gibt, dann herzlichen Glückwunsch.“ Auch Leicesters Trainer Brendan Rodgers musste nach dem dritten Platz in der Europa League bei BT Sport zugeben, nicht zu wissen „was dieser Wettbewerb überhaupt ist. Ich war auf die Europa League fokussiert und darauf diese Gruppe zu gewinnen oder zumindest Zweiter zu werden. Also, bei allem Respekt, ich weiß nicht, was dieser Wettbewerb ist, bin mir aber sicher, dass ich es früh genug herausfinden werde.“

Letztendlich gelang Rodgers und den Seinen der Sprung ins Halbfinale. Dort gab es das Aus gegen die AS Roma um Lehrmeister José Mourinho (1:1, 0:1). Auch Max Kruse gestand – trotz Knockout in der Gruppenphase – dass es „Spaß gemacht“ habe.

Sinnlos war die Idee keineswegs. „Dieser Wettbewerb ist für jeden, aber besonders die Klubs, die normalerweise keine Chance haben, die UEFA Champions League oder die UEFA Europa League zu gewinnen“, so Čeferin weiter. Ein Wettbewerb für die Underdogs also. Für die FH Hafnarfjörðurs (Island) oder Raków Częstochowas (Polen) dieser Welt. Für die AS Roma, die zuletzt 1991 in einem europäischen Finale standen oder Feyenoord, deren letzter Europapokalsieg bereits zwei Jahrzehnte zurückliegt.

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Das Ende des Leistungsgefälles: Wie die Europa Conference League auch der Europa League hilft

Besonders aber hat die Einführung der Europa Conference League dabei geholfen, ein lange schwelendes Problem der aufgeblähten Europa League zu lösen: Das extreme Leistungsgefälle. Praktisch jährlich kam es vor, dass sich ein kleinerer Verein von einem Klub aus Europas Elite über zwei Spiele in nahezu apokalyptischer Art und Weise abfertigen ließ. 2017-18 besiegte Atlético Madrid Lok Moskau 8:1. Eine Saison später gewann Chelsea 8:0 gegen Dynamo Kyiv. 2019-20 ließ Manchester United den LASK 7:1 abblitzen. Dadurch, dass ein Run ins Halbfinale oder Endspiel aus mehrerer solcher Gegner bestehen konnte, verkam die Europa League in den vergangenen Jahren zum Trostpreis für Großklubs, die eine verkorkste Saison hinter sich haben und/oder verzweifelt auf der Suche nach einem letzten Ticket für die Champions League waren.

Das Splitten der Europa League mit 48 Teams in die Europa League sowie die Europa Conference League mit je 32 Mannschaften und besonders die Einführung der Playoffs nach der Gruppenphase sorgte dahingehend für einen gleichmäßigeren Wettbewerb. Noch vor dem Achtelfinale wurde die Spreu vom Weizen getrennt, sodass ab dort die wirklich großen Geschichten geschrieben werden konnten. Wie die von West Ham, die auf dem Weg ins Halbfinale Rekordsieger Sevilla FC trotz Hinspielniederlage eliminierten (0:1, 2:0 n.V.). Die der Rangers, die es vor dem Finale mit gleich zwei Bundesligisten aufnahmen und sich zweimal durchsetzten.

Und natürlich die von Eintracht Frankfurt, die keine Geschichte mehr ist, sondern ein ganzer Roman. Erst der Erfolg gegen Copa-Sieger Betis mit dem spätesten Tor der Wettbewerbsgeschichte, gefolgt von einer Nacht in Barcelona, wie sie magischer kaum hätte sein können und schließlich die Revanche in London, bei einem Verein, der zuhause gegen die Top 4 der Premier League zehn von zwölf Punkten geholt hat. Nachdem die Mannschaft von Oliver Glasner im Endspiel auch noch die Rangers niederrang, um dem Roman ein Happy End zu geben, warteten die Fans vergangenen Donnerstag am Römer teilweise zehn Stunden – auch in strömendem Regen – darauf, ihre Mannschaft zu feiern. Der Verfasser dieser Zeilen war ebenfalls zugegen und kann bestätigen, dass auch das zwischenzeitliche Gewitter der guten Stimmung absolut nichts anhaben konnte.

 

 

Parallel bastelten auch in der Europa Conference League einige Vereine an ihrer eigenen Story, darunter FK Bodø/Glimt. Trainer Kjetil Knudsen hatte den Verein aus dem westnorwegischen Bodø, jenseits des nördlichen Polarkreises, erst 2018 in die Erstklassigkeit geführt und sich in dieser Saison einen Namen als der erste Gegner gemacht, dem sechs Tore gegen ein Mourinho-Team gelangen. Dreimal blieb man gegen die Roma ungeschlagen, im Viertelfinal-Rückspiel setzte es ein 0:4. Das Ende der norwegischen Europareise.

Bei den Finanzen endet die Inklusivität: Die versteckten Nachteile der Europa Conference League

Ein guter Schuss Fußballromantik für das allzu klinisch anmutende Business. Dazu passt, dass das Finale der Europa Conference League im albanischen Tirana, vor 21.690 Zuschauern ausgetragen wird. Das Land selbst, das mit Spielern wie Thomas Strakosha (Lazio), Berat Djimsiti (Atalanta), Elseid Hysaj (Lazio), Marash Kumbulla (AS Roma) oder Armando Broja (Southampton) durchaus einige Akteure bei namhaften europäischen Klubs hat, kann von der zusätzlichen Aufmerksamkeit nur profitieren.

Ein gut gemeinter und durchaus auch gut gemachter Wettbewerb also. Schaut man jedoch eine Ebene tiefer, gibt es noch Verbesserungspotential. Im Topf für Europa League und Europa Conference League liegen zusammengenommen ungefähr 700 Millionen Euro. Deren 1,95 Milliarden sind es derweil in der Champions League. Damit wird zwar die Wettbewerbsfähigkeit am Donnerstagabend angeglichen. Der Dienstag und Mittwoch spielt allerdings weiterhin in seiner eigenen Galaxie – und das auf absehbare Zeit. Die typische Geschichte „vom Tellerwäscher zum Millionär“ (oder in diesem Fall: Milliardär) wird so gekonnt minimiert.

Europa Conference League Feyenoord

Photo by NICOLAS TUCAT/AFP via Getty Images

Auch dadurch, dass sich in Topf 1 der Champions League zwar der Titelverteidiger und Europa-League-Sieger finden, nicht aber der Gewinner der Europa Conference League. Das kann man ebenfalls mit der Wettbewerbsfähigkeit begründen, muss man aber nicht. Roma und Feyenoord wäre es durchaus zuzutrauen, eine gute Rolle in der Gruppenphase der Champions League zu spielen. Den beiden anderen Halbfinalisten Olympique Marseille und Leicester City im Übrigen auch. Packte man die Gewinner von Europas vielzitierten Top-Ligen aus England, Spanien, Deutschland, Italien und Frankreich in den Topf, plus die Sieger der drei Cup-Wettbewerbe, käme man ebenfalls auf acht Mannschaften.

Allein, diesen Gedanken kann man alsbald schon wieder verwerfen, denn ab 2024 plant die UEFA bereits die nächste Umstrukturierung des europäischen Fußballs, um die Apologeten der Super League zu besänftigen und sie im Boot zu halten. Noch mehr Mannschaften auf allen Etagen (36 statt 32), noch mehr Spiele (225 statt 125), eine Liga statt acht Gruppen und insgesamt 40 Prozent mehr Einnahmen aus den UEFA-Wettbewerben für den Zeitraum zwischen 2024 und 2027, verglichen mit 2021 bis 2024. Wie es dann noch um die von Aleksander Čeferin propagierte Inklusivität steht, ist komplett offen. Eines dürfte jedoch sicher sein: Ein weiterer Wettbewerb wäre in diesem Fall nicht die Lösung.

Photo by Alex Pantling/Getty Images

Victor Catalina

Victor Catalina

Mit Hitzfelds Bayern aufgewachsen, in Dortmund studiert und Sheffield das eigene Handwerk perfektioniert. Für 90PLUS immer bestens über die Vergangenheit und Gegenwart des europäischen Fußballs sowie seine Statistiken informiert.

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