Matthias Jaissle: Ralf Rangnicks Musterschüler

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Matthias Jaissle trainiert RB Salzburg seit dem Sommer 2021. Seine Beförderung war umstritten, einige Klubverantwortliche zweifelten an der Reife des 33-Jährigen. Sorgen, die sich nicht bewahrheiteten, denn die Salzburger spielen eine historische Saison – nicht zuletzt wegen Jaissle. Wer ihn prägte, welchen Prinzipien er als Trainer folgt und was den FC Bayern München erwartet.

Junioren-Coach, Zweitliga-Trainer, Champions-League-Teilnehmer – diese Anstellungen durchlief Matthias Jaissle binnen zehn Monaten. Als 33-Jähriger. Ein märchenhafter Aufstieg lag hinter Jaissle, der allerdings noch nicht zu Ende war. Gleich in seinen ersten Monaten als Trainer von RB Salzburg gelang ihm das, woran Trainergrößen wie Adi Hütter, Marco Rose und Jesse Marsch jahrelang gescheitert waren: Er hat die Salzburger ins Achtelfinale der Champions League geführt. Mit dem FC Bayern München wartet dort die nächste, wohl größte Aufgabe in Jaissles noch kurzer Trainerkarriere.

Mit Hoffenheim zu einer der legendärsten Halbserien der Bundesliga

Dieser Aufgabe sah sich Jaissle schon einmal gegenüber. Vor mehr als 13 Jahren und damals noch als Spieler. Er nennt es „das größte Spiel meiner Karriere“. Im Trikot des Überraschung-Tabellenführers TSG Hoffenheim setzte Innenverteidiger Jaissle den beiden schillernden Bayern-Stürmern Miroslav Klose und Luca Toni über 90 Minuten in einem furiosen Spiel alles entgegen, was er hatte. Zähmte sie, und kam dann doch, in der 90. Spielminute, ein einziges Mal zu spät, als Luca Toni den späten 2:1-Siegtreffer für die Bayern erzielte. Voller Wut schlug der damals 20-jährige Jaissle in die Luft, seine Gesichtszüge entglitten. Ein kurzes Aufflackern jenes Temperaments, das ihn heute durch die Coaching-Zonen toben lässt.



Dieses Aufeinandertreffen fand in der legendären ersten Bundesligasaison der Hoffenheimer statt, als sie sensationell zur Herbstmeisterschaft marschierten. „Mit einer Art offensiven Fußball, die zu der Zeit noch recht neu und besonders war“, sagte Jaissle gegenüber „Spox„. An der Seitenlinie coachte damals visionärer Ralf Rangnick, in der Innenverteidigung spielte ein 20-jähriger Matthias Jaissle, dem Experten damals eine glänzende Karriere voraussagten. Sogar von der Nationalmannschaft wurde gesprochen.

Zwei Jahr zuvor hatte Rangnick Jaissle höchstpersönlich von einem Wechsel in den Kraichgau überzeugt, der damals noch in der Jugend des VfB Stuttgart spielte und dort unter anderem von Thomas Tuchel trainiert wurde. Jaissle war ein Innenverteidiger nach Rangnicks Geschmack: kopfballstark, pfeilschnell und beweglich und nicht zuletzt mit einer guten Spieleröffnung ausgestattet. Gepaart mit einer Eigenschaft, die für Rangnick von überragender Wichtigkeit ist: ein extremer Ehrgeiz und Wissensdurst. Seit dem ersten Treffen sei er von Rangnick und seiner Art über Fußball nachzudenken angesteckt gewesen, berichtet Jaissle. „Es war in jeglicher Hinsicht eine grandiose Phase in meinem Leben und das hatte viel mit Ralf Rangnick zu tun“, sagte Jaissle Jahre später ebenfalls gegenüber „Spox“.

Rangnick löste bei Jaissle die Schockstarre

Eine Phase, die allerdings nur sehr kurz war, denn sein Aufstieg zu einem der modernsten deutschen Innenverteidiger endete etwas mehr als vier Monate nach dem Spiel gegen den FC Bayern schlagartig. Während des Heimspiels gegen Hannover verdrehte sich Jaissle das Knie – sein Kreuzband riss. Eine Verletzung, von dem sich sein Körper nicht wieder erholte. Er versuchte immer wieder, auf den Platz zurückzukehren, bis er mit 26 Jahren und nur 31 Bundesligaspielen realisierte: „Mein Körper packt das nicht mehr.“

„Ein Schock“, wie Jaissle später in einem „Spox“-Interview zugab. “Das war die schlimmste Phase, weil es dir den Boden wegzieht. Auch heute denke ich manchmal noch: Scheiße, ich würde auch noch gerne ein bisschen mitkicken.“

Es folgte Leere und einige Monate, in denen er nicht begreifen wollte, dass es vorbei war. Am Tiefpunkt entschied er sich dann für ein Studium in Sport Business Management. Aus der Motivation, im Fußball bleiben zu wollen und „die Fußballbranche aus jedem möglichen Blickwinkel kennenzulernen.“ Parallel dazu vertiefte er seine Faszination für Fußballtaktik, die sich bereits in den Jahren als Spieler unter Rangnick entfacht hatte. „Er hat einem die Dinge mit einer maximalen Überzeugung vermittelt. Zu tausend Prozent. Das hat mich natürlich beeinflusst“, erzählte Jaissle dem Sportportal „Spox“. Er erstellte Spielanalysen und Scouting-Reports, bis es wieder Ralf Rangnick war, der an Jaissle glaubte und ihm eine Hospitanz bei RB Leipzig anbot. Er willigte ein und wurde kurze Zeit später Co-Trainer der U16 unter Sebastian Hoeneß. „Da habe ich für mich gespürt, dass es genau das ist, was ich will – auf dem Platz stehen und jungen Burschen Dinge an die Hand geben, sie entwickeln“, sagt Jaissle. Der Karriereende-Blues war verflogen und Jaissle hatte ein neues Ziel vor Augen.

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„Dynamik und Energie“: In der Trainer-Tradition Ralf Rangnicks

Es folgte ein rasanter Aufstieg und eine Zeit, in der Jaissle von sämtlichen RB-Trainerzöglingen lernte. Er arbeite zwei Jahre als Assistent von Alexander Zorninger bei Bröndby, bevor er als Cheftrainer in die Jugend von RB Salzburg wechselte und wenig später den FC Liefering, dem Ausbildungsverein der Salzburger in der zweiten Liga in Österreich, übernahm. Ralf Rangnick, Sebastian Hoeneß und Alexander Zorninger – allesamt Trainer, deren Fußball den Grundprinzipien Gegenpressing und schnellstmögliches Umschalten folgen. Und allesamt Trainer, die Jaissles Art zu coachen geprägt haben.

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„Wir attackieren immer so hoch und so früh wie möglich, um den Gegner maximal zu stressen. Wir wollen dadurch Chaos erzeugen, um nach Ballgewinnen schnellstmöglich vor das gegnerische Tor zu kommen. Mit Ball versuchen wir zielstrebig Torchancen herauszuspielen – und für den Fall des Ballverlustes so positioniert zu sein, dass wir sofort ins Gegenpressing kommen“, zitierte „Ran“ den Salzburger Trainer. (Photo by Andreas Schaad/Getty Images)

„Ich bin aufgrund meiner Herkunft als Spieler einfach total überzeugt von dieser Art und Weise des Fußballs. Da habe ich gespürt, welche Dynamik und Energie sie mitbringt“, sagte Jaissle, dessen Fußballüberzeugungen in der Tradition seines Förderers Rangnick stehen, dem „Standard„. In der heimischen Liga jagen Jaissles Salzburger die Gegner gar derart unermüdlich über den gesamten Platz, dass Rangnick dagegen fast wie ein im Sicherheitsdenken verhafteter José Mourinho wirkt. Von dieser tollkühnen Spielweise weichte Jaissle bisher kein einziges Mal ab. Wohl auch, weil er mit einem Team eine historische Saison spielt. RB Salzburg verlor in 19 Ligaspielen nur einmal.

Es würde allerdings zu kurz greifen, wenn man Jaissle mit Blick auf die Spielweise seines Teams Borniertheit vorwerfen würde. Das chaosstiftende Pressing ist ganz und gar nicht zufällig, sondern folgt klaren Prinzipien, die von Spiel zu Spiel angepasst werden. Mit Blick auf das anstehende Spiel gegen den FC Bayern München sagte Jaissle, es seien Anpassungen möglich, was die Pressinghöhe betrifft, kündigte gegenüber dem „Standard“ aber an: „Wir wollen wieder mutig, frech und selbstbewusst auftreten und für einen geilen Champions-League Abend sorgen.“

Es gehe schlussendlich immer darum, genau analysieren, welche der vielen Prinzipien für ein Spiel hervorzuheben sind, also um Details. Jaissle ist, was Rangnick schon an ihm zu seiner Zeit als Spieler zu schätze wusste, ein akribischer Arbeiter. Neben der konkreten Spielvorbereitung liegt der Fokus seiner Arbeit dabei auf zwei Aspekten, die ähnlich klingen, er aber unterscheidet: Team- und Spielerentwicklung. „Es ist die Aufgabe des Trainerteams, dass man erkennt: Welches Potenzial hat die Mannschaft? Welches Potenzial hat der einzelne Spieler? Das ist schon sehr unterschiedlich“, sagte Jaissle dem „Standard“.

Dabei gehört Jaissle zu einer Generation von Trainern, denen von Traditionalisten oftmals nachgesagt wird, sie würde sich zu sehr auf den taktischen Aspekt des Spiels versteifen und dabei Aspekte der Mannschaftführung und Motivation vernachlässigen. Dessen ist sich der 33-Jährige bewusst, wie er jüngst in einem Interview mit dem „Standard“ erklärte: „Der Trainerbereich ist so facettenreich geworden, es geht ja weit über die Vermittlung taktischer Inhalte hinaus.“ Dies sei aber ein wichtiger Teil, wieso er den Trainerberuf so lieben gelernt habe. Er sei deutlich facettenreicher als gemeinhin angenommen. Der wichtigste Aspekt sei das Zwischenmenschliche: „Es geht eben auch um Begriffe wie Achtsamkeit oder wie Empathie. Und nicht nur um Restverteidigung.“

(Photo by RONNY HARTMANN/AFP via Getty Images)

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