WM 2022 | Zurück auf der großen Bühne: Christian Eriksen im Porträt

Eriksen
WM-Spotlight

Es gibt Momente im Leben eines Menschen, die verändern alles. Einen solchen Moment erlebte Christian Eriksen bei seiner letzten Teilnahme an einem großen Turnier mit der dänischen Nationalmannschaft. Dass der Mittelfeldspieler bei der WM 2022 in Katar wieder zum Aufgebot der Dänen gehört, ist etwas ganz Besonderes. 

Europameisterschaft 2021: Das Eriksen-Unglück

Es war der Sommer 2021, das Wetter war gut, Zuschauer durften trotz Pandemie – mal mehr, mal weniger – in die Stadien und die Europameisterschaft fand mit einem Jahr Verspätung in ganz Europa statt. Am 12. Juni spielte Dänemark in der Gruppenphase gegen Finnland. Die Dänen gingen mit großen Hoffnungen in das Spiel und auch in das Turnier, denn selten war ein Kader einer dänischen Nationalmannschaft derart ausgewogen. Die Partie begann eher unspektakulär, doch plötzlich herrschte Aufregung im Stadion in Kopenhagen. Christian Eriksen (heute 30), Schlüsselspieler der dänischen Mannschaft, bracht abseits des Balles plötzlich zusammen. Herzstillstand!



Bange Minuten vergingen, niemand im Stadion und auch niemand außerhalb wusste, wie es ihm ging. In Folge einer langen Behandlungspause auf dem Feld, während der er reanimiert werden musste, wurde Eriksen in ein Krankenhaus gebracht. Später wurde die Partie fortgeführt, aber erst, als die Teamkollegen wussten, dass der Mittelfelspieler außer Lebensgefahr war. Nach dem dramatischen Vorfall musste sich der Däne einigen Untersuchungen und einer längeren Behandlung unterziehen. Die Helfer hatten ihm das Leben gerettet, schnell genug die richtigen Maßnahmen ergriffen. Denn: Bleibende Schäden erlitt er nicht. Lediglich eine Narbe, die ihn an einen Eingriff erinnert, bei dem ihm ein Herzschrittmacher eingesetzt wurde, um zukünftige Probleme zu verhindern.

WM 2022 Eriksen

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Weitere Berichte rund um die WM 2022 findet ihr hier 

Der lange Weg zurück in den Profifußball

Profisportler ticken unabhängig der Disziplin häufig sehr ähnlich: Nichts ist schlimmer als zusehen zu müssen. Während Zwangspausen wird daran gearbeitet, so schnell wie möglich wieder auf dem Feld zu stehen. Nun ist ein Muskelfaserriss oder ein Knochenbruch nicht mit einem Herzstillstand zu vergleichen. Viele Gedanken rasten in den Stunden und Tagen nach dem Unglück durch den Kopf des Spielers. Im Rettungswagen, so Eriksen später, soll er bereits einen Haken an seine Karriere gemacht haben. Es dauerte aber nicht lange, bis die Prognosen seitens der behandelnden Ärzte immer besser aussahen. Ja, es würde eine lange Zeit des Aufbaus erfordern, aber ein Fortführen der Karriere nach einem gewissen Abstand und aufgrund weiterer, ausstehender Untersuchungen unter Vorbehalt, wurde nicht ausgeschlossen.

Und schon loderte im Dänen das Feuer wieder. Doch es gab ein Problem: In der Serie A dürfen Spieler mit einem festen Herzschrittmacher nicht auflaufen. Damals stand der Spieler bei Inter unter Vertrag. Eine andere Lösung musste her. Doch zunächst arbeitete der damals 29-Jährige an seiner körperlichen Fitness und Belastbarkeit. Die Schritte lauteten Einzeltraining, Aufbau und Mannschaftstraining bei Odense BK und Untersuchungen, die für „grünes Licht“ sorgten. Christian Eriksen durfte wieder Fußball spielen. Der FC Brentford, ein kleinerer Klub aus der Premier League, nutzte seine Chance und bot einen Vertrag bis zum Saisonende 2021/22.

Eriksen

(Photo by Steve Bardens/Getty Images)

Die Gespräche verliefen positiv. Der Mittelfeldspieler unterschrieb bei den „Bees“, auch wegen der guten Verbindung zu Trainer Thomas Frank (49), der ebenfalls aus Dänemark kommt. Schon während der Integrationsphase dachte der Spieler an sein Comeback für Dänemark: „Es ist ein Ziel, ein Traum. Ob ich dann nominiert werde, ist eine andere Sache. Aber es ist mein Traum, zurückzukommen.“ Und er kam zurück, zunächst im Februar 2022 für Brentford, 259 Tage nach dem Zusammenbruch. Schnell war Eriksen Dreh- und Angelpunkt im Mittelfeld des Aufsteigers. Er zeigte sofort seine Qualitäten, machte die Mitspieler besser und spielte konstant auf hohem Niveau. Es dauerte nicht lange, da wurde deutlich, dass er wieder reif für höhere Aufgaben war. Das Comeback für Dänemark und ein Wechsel zu Manchester United, wo er 2022/2023 bislang fünf Vorlagen in 19 Partien beisteuern konnte, resultierten.

Christian Eriksen: Der Bessermacher im Mittelfeld

Auf dem Fußballfeld wird schnell deutlich, dass Eriksen der Prototyp des technisch versierten Mittelfeldspielers ist. Ausgebildet wurde er zunächst bei Odense BK in Dänemark, ehe es ihn in die berühmte Jugendakademie von Ajax zog. Von dort ging es schnell zu den Profis, nur drei Jahre später zu Tottenham. Bei den Spurs gelang dem Dänen dann endgültig der Schritt in die Weltklasse. Nach sechseinhalb Jahren im Norden Londons zog es ihn weiter zu Inter, der Rest ist bekannt. In seiner Karriere spielte der 30-Jährige für viele verschiedene Trainer, sammelte unterschiedliche Einflüsse auf, sowohl aus der Umgebung als auch natürlich fußballerisch. 117 Länderspiele machen außerdem deutlich, wie wichtig er für die dänische Auswahl ist. Das hat mehrere Gründe. 

Die internationale Erfahrung spielt natürlich eine Rolle. Zudem ist Eriksen ein Führungsspieler, ohne der große Lautsprecher zu sein. Er ist nicht impulsiv, sondern auf und neben dem Platz ein Ruhepol. Interviews sind sachlich, die Gespräche mit dem Schiedsrichter in den seltensten Fällen hitzig geführt. Zudem steht er nicht gerne im Mittelpunkt. Das ist die perfekte Überleitung zur Art und Weise, wie Christian Eriksen Fußball spielt. Er ist ein Bessermacher, ein Spieler, der durch seine alleinige Präsenz dafür sorgt, dass die Dinge besser laufen, ein Zahnrad im Maschinenraum des Mittelfelds besser in ein anderes greift.

Technisch hat der Däne nahezu keine Schwächen. Sein Passspiel ist fast perfekt, sowohl kurz als auch lang, sowohl mit Zeit als auch unter Druck. Er kann aus der Tiefe des Feldes ein Spiel aufbauen, sich in den Achterräumen bewegen und für Unruhe sorgen, Kombinationen initiieren und im letzten Drittel den entscheidenden Pass spielen. Seine ruhenden Bälle sind eine Waffe, sein Schuss aus der Distanz mindestens solide. Im Pressing hält er sich mitunter etwas zurück, aber auch, weil es nicht seine Aufgabe ist, Sprint um Sprint anzuziehen und gegen den Ball zu arbeiten. Taktisch diszipliniert ist Eriksen trotzdem, Lücken zulaufen muss er sowohl im Verein als auch bei der Nationalelf.

Ein Dirigent im dänischen Orchester

Es erscheint fast überflüssig, zu erwähnen, dass Christian Eriksen die dänische Nationalmannschaft als Kapitän auf das Feld führt. In einem extrem flexiblen dänischen Team agiert der 30-Jährige stets als das Zentrum, um das sich alles dreht. Sei es auf einer der Halbpositionen im 4-1-4-1, als Spielmacher im 4-2-3-1 oder als Bindeglied zwischen Abwehr und Offensive, falls mit einer Dreierkette gespielt wird. Zwei brillante Auftritte des United-Spielers führten Dänemark in der Nations League zu zwei Siegen gegen Frankreich, einen Gegner, den dieses Team auch in der Gruppenphase wieder trifft. Der Kapitän Dänemarks ist ein Dirigent im Mittelfeld, dessen wichtigste Bezugspunkte Pierre-Emile Höjbjerg (27), ein dynamischer Arbeiter, und Thomas Delaney (31), ein strukturgebender, taktisch kluger Spieler, sind.

Um in der Dirigenten-Metapher zu verweilen: Dänemark kann auch ohne Eriksen harmonisch auftreten, zu einer perfekten Symbiose verschmilzt das Konstrukt aber nur, wenn er den Taktstock schwingt. Er steht im Mittelpunkt, ohne sich aufzudrängen. Darüber hinaus ist er im perfekten Alter für einen Fußballprofi, topfit und im Rhythmus. Was er bei seinem letzten Turnier versäumt hat, will der Däne jetzt nachholen. Und wer weiß, vielleicht nimmt er die Umstände, den Druck und alles, was mit einem großen Turnier zusammenhängt, jetzt im Winter 2022 etwas lockerer. Weil er weiß, worauf es wirklich ankommt.

(Photo by Martin Rose/Getty Images)

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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