FIFA | WM in Katar: Ist das der Anfang vom Ende?

WM-Spotlight

Die FIFA testet mit der Fußballweltmeisterschaft in Katar die eigenen Grenzen aus. Ging der Verband diesmal zu weit und verkalkulierte sich? Es wird eine historische WM, die über die Zukunft des Turniers entscheiden wird. Ein Kommentar.

WM: Infantino steht mit dem Rücken zur Wand

Die FIFA gibt – mal wieder – ein sehr erbärmliches Bild ab. Doch in den letzten Wochen und Tagen deutet sich eine Entwicklung an, die historische Ausmaße annehmen könnte. Denn diese riesige Welle an Kritik hat die Funktionäre rund um FIFA-Präsident Gianni Infantino offenbar überrascht. „Katar und die FIFA haben sicherlich nicht damit gerechnet, dass die Kritik so massiv sein würde. Das hat man unterschätzt“, teilte Dietrich Schulze-Marmeling, Co-Gründer der Initiative Boycott Qatar 2022, im 90PLUS-Interview mit. Das ist auch wunderbar dadurch belegt, dass der Verband in der Kommunikation mit dem Rücken zur Wand steht und eine teils groteske Außendarstellung hinlegt. Es wirkt derzeit alles recht unsouverän. Allein die Rede des 52-jährigen FIFA-Präsidenten, die er einen Tag vor dem Eröffnungsspiel hielt, unterstreicht die große Verzweiflung, die derzeit bei den Verantwortlichen herrscht.



„Heute fühle ich sehr starke Gefühle, heute fühle ich mich als Katarer, heute fühle ich mich als Araber, heute fühle ich mich afrikanisch. Heute fühle ich mich homosexuell. Heute fühle ich mich behindert, heute fühle ich mich als Arbeitsmigrant“, eröffnete Infantino die Pressekonferenz. Realitätsverweigerung in einem Ausmaß, das selbst für ihn außergewöhnlich ist. Zugegebenermaßen, muss ich ihm allerdings zugestehen, dass ich es ihm abkaufe, dass er sich wie ein Katarer fühlt.

Infantino und der FIFA gehen die Argumente aus, dieses Skandal-Turnier zu verteidigen. Die heftige und berechtigte Kritik sind eine Sache, was allerdings wirklich das große Problem ist, ist die komplette Abstinenz von Euphorie. Viele werden die WM verfolgen, aber aufrichtige Vorfreude ist kaum spürbar. Das werden sich die Verantwortlich anders vorgestellt haben. Schon das Turnier in Russland wurde hart kritisiert, aber die Spiele in Katar könnten das Fass zum Überlaufen gebracht haben.

Wird Katar zum Wendepunkt?

Vielleicht, aber auch nur vielleicht, wird die aktuelle Situation einen Wendepunkt in der Historie des Sports darstellen. Noch nie zuvor mussten sich Fans, die lediglich eine Fußball-Weltmeisterschaft gucken wollen, in diesem Ausmaß selbst hinterfragen, ob das überhaupt moralisch vertretbar ist. Allein das Verfolgen des Turniers ist zu einem Politikum geworden. Sich noch weiter vom Sport, der für alle da sein sollte, zu entfernen, ist kaum möglich. Das ist allein die Schuld der FIFA, die sich (mal wieder) auf einen unmoralischen Deal einließ. Infantino und Co. hätten sich auch bei einer moralisch vertretbareren Vergabe dumm und dämlich verdient. Aber dieser vor lauter Korruption triefender Verband weiß nicht, wann auch endlich mal genug ist. Man hat sich längst so sehr von der Basis entfernt, dass man sicherlich dachte, dass die Fans auch eine Winter-WM in Katar hinnehmen würden, wenn vorherige Grenzüberschreitungen schon in Ordnung waren. Bislang sieht es schwer danach auch, als hätten sich die Verantwortlichen verkalkuliert.

Wie und warum wir berichten

Sollte sich abzeichnen, dass das Turnier nicht nur in Sachen PR, sondern auch finanziell eine Katastrophe wird, dürfte das ein Faktor sein, der im Verband für Umdenken sorgen könnte. Geld ist nun einmal die Sprache, die Infantino und Co. fließend beherrschen. Und es gibt Anzeichen, dass die Fans da eben nicht mitziehen. Die Kauflust bei WM-Artikeln ist laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der ARD-Sportschau und des Morgenmagazins von ARD und ZDF zumindest in Deutschland so niedrig, wie selten zuvor. Dass Katar nebenbei zwei Tage vor Turnierstart ein Bierverbot in den Stadien durchsetzt, wird für die us-amerikanische Biermarke Budweiser, die einer der Hauptsponsoren der FIFA ist, auch nicht gerade angenehm sein. Das könnte dem Verband einen wirtschaftlichen Tiefschlag verpassen. Die Sponsoren werden das Geschehen sehr interessiert verfolgen.

(Photo by Buda Mendes/Getty Images)

Dass ich mir überhaupt über solche Dinge Gedanken mache, nervt mich extrem. „Es ist traurig, dass wir uns nicht auf den Fußball fokussieren können“, sagte Infantino auf seiner beschämenden PK. Ich gebe ihm Recht. Es wäre schön, wenn die FIFA nicht Fans auf der ganzen Welt mit weiteren Skandal-Entscheidungen in moralische Geiselhaft nehmen würde.

Wird das Turnier aber doch noch zu einem Erfolg, steht auch einer WM 2030 in Saudi-Arabien nichts im Wege, das sich zusammen mit den Junior-Partnern Ägypten und Griechenland in Position bringen will. Aus dem sportlichen Highlight, auf das sich so viele Fans und Spieler freuen, könnte regelmäßig ein abstruses Event werden, das von menschenfeindlichen Regimen zum Aufpolieren des eigenen Images genutzt wird. Im schlimmsten Falle ist das der Anfang vom Ende und die WM, wie wir sie bislang kannten, entfremdet sich immer mehr und mehr. In naher Zukunft werden wir schlauer sein, ob Katar ein Schandfleck in der Fußballgeschichte bleibt oder solche Skandal-Vergaben zur Regel werden können.

(Photo by Christopher Lee/Getty Images)

Damian Ozako

Als Kind von Tomas Rosicky verzaubert und von Nelson Haedo Valdez auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht worden. Geblieben ist die Leidenschaft für den (offensiven) Fußball. Seit 2018 bei 90PLUS.

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