Yvonne Thorhauer im Interview: „…darum ist es kontraproduktiv, die WM nicht zu schauen“

WM-Spotlight

Im Interview mit 90PLUS spricht sich Wirtschafts- und Sportethikerin Yvonne Thorhauer gegen einen organisierten Boykott der WM 2022 in Katar aus. Die Fans und Spieler seien nicht in der moralischen Pflicht, sich zu positionieren und die FIFA komme ohnehin nicht umhin, seine grundsätzliche Position zu überdenken.

Yvonne Thorhauer ist Professorin an der accadis Hochschule Bad Homburg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Wirtschaftsethik, Sportethik, Ethik des digitalen Zeitalters und Ethik der Raumgestaltung. Im Vorfeld der anstehenden Weltmeisterschaft veröffentlichte sie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Gastbeitrag mit dem Titel „Darf man sich auf Qatar freuen?„. Als 90PLUS sie digital zum Gespräch trifft, sitzt sie in ihrem Arbeitszimmer.



WM 2022 | Yvonne Thorhauer: „Die Vergabe ist gelaufen und deswegen ist es kontraproduktiv, diese WM nun nicht zu schauen“

90PLUS: Frau Thorhauer, sind Sie Fußballfan?

Yvonne Thorhauer: Ich muss zugeben, ich bin gar kein Fußballfan, komme aber aus einem Fußball-Elternhaus. Mein Vater war Spieler bei Eintracht Frankfurt und dem FSV Frankfurt, hat dann beim FSV die Torfrauen trainiert und war lange Zeit Vizepräsident des FSV Frankfurt. Als ich noch ein Kind war, sind deshalb immer etliche Fußballer bei uns zu Hause ein- und ausgegangen. An unserem Esszimmertisch saßen am Wochenende oft die potenziellen Neuzugänge und Trainer. Ich erinnere mich etwa noch an Ronnie Borchers, Dragoslav Stepanovic, Lothar Emmerich, Wolfgang Solz und Dieter Stinka.

90PLUS: Wieso beschäftigen Sie sich mit Fragen rund um den Fußball?

Thorhauer: Ich selbst mache Kampfsport – Kickboxen – und unterrichte Business Ethics. Als die Debatten um das Katar-Sponsoring des FC Bayern München aufkamen, hat diese Frage meine Aufmerksamkeit erregt und mich auch zur Debatte um die Weltmeisterschaft gebracht. Es ist die Schnittstelle zwischen Sportethik, Unternehmensethik und Individualethik, die ich interessant finde.

90PLUS: Was interessiert Sie daran?

Thorhauer: Es ist spannend, Themen von verschiedenen Seiten – Sport, Wirtschaft und Ethik – zu betrachten. Das weitet den oft verengten Blick. Im Zuge der WM in Katar merke ich, wie die Fans vor allem die Frage beschäftigt, wie sie sich jetzt verhalten sollen.

90PLUS: Ihr Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beschäftigt sich mit der Frage, ob man sich auf Katar freuen darf. Darf man?

Thorhauer: Ja, man darf.

Yvonne Thorhauer. (Foto: Ulrike Klaiber)

90PLUS: Vielen Menschen, die sich auf die WM in Katar freuen, so schreiben Sie, werde vorgeworfen, dass sie unmoralisch handeln würden, und genau dieser Moralismus derjenigen, die anderen unmoralisches Handeln vorwerfen, hätte einen spaltenden Charakter. Was meinen Sie damit?

Thorhauer: Ich finde wir kommen in der Debatte um die WM 2022 viel besser zurecht, wenn wir die Moral beiseitelassen. Denn sie hindert uns eher an einer praktischen Lösung. Wir im Westen wollen im Grunde alle das Gleiche, nämlich dass die Menschenrechte geachtet werden. Wir bedauern die Opfer auf Baustellen und sind schockiert über die Zustände hinter den Kulissen. Aber die Vergabe ist gelaufen und deswegen ist es kontraproduktiv, diese WM nun nicht zu schauen.

90PLUS: Wieso kontraproduktiv?

Thorhauer: Es gibt zwei Phasen. Einmal die Phase vor der Vergabe. Da hätte man überlegen müssen: Wollen wir ein Land wie Katar eine WM ausrichten lassen? Diese Frage wurde, unter welchen Umständen auch immer, mit einem Ja beantwortet. Obwohl Sepp Blatter in einem ZDF-Interview sagte, er habe niemals damit gerechnet, dass Katar wirklich den Zuschlag bekomme.

90PLUS: Und das glauben Sie ihm?

Thorhauer: Ob ich ihm glaube, spielt keine Rolle. Fakt ist, die WM wurde nach Katar vergeben, wie auch immer es passiert ist. Die Frage ist nun: Was machen wir daraus?

90PLUS: Und, was sollen wir Ihrer Meinung nach daraus machen?

Thorhauer: Ich habe volles Verständnis für jede Person, die die WM boykottiert. Nur: es ist eine individuelle Entscheidung. Man muss es nicht tun. Wer die Spiele sehen will, sollte nicht mit moralischen Argumenten davon abgehalten werden. Denn die Fußballfans können nichts für die WM-Vergabe.

90PLUS: Halten Sie einen organisierten WM-Boykott gar für destruktiv?

Thorhauer: Ich halte ihn zumindest nicht für produktiv. Die Diskussion um Werte ist bereits im Gang. Das öffentliche Bewusstsein für diese Fragen – und das finde ich das Gute an der WM in Katar – wurde geweckt. Dass ein zusätzlicher Boykott die zukünftigen WM-Vergaben zum Guten hin beeinflussen würde, glaube ich nicht. Allein die massive Kritik wird die FIFA dazu bringen, ihre grundsätzliche Position zu überdenken. Der Weltverband muss überlegen, in welchen Ländern er in Zukunft Weltmeisterschaften erlauben will und wie er angesichts kultureller Konflikte an seinen Werten festhalten kann und will.

WM 2022 | Yvonne Thorhauer: „Der einzelne Fan kann wenig bewirken“

90PLUS: Welchen konstruktiven Ansatz gibt es, um als Fan, ganz individuell, dazu beizutragen, dass sich etwas verbessert?

Thorhauer: Der einzelne Fan kann wenig bewirken.

90PLUS: Wen sehen Sie sonst in der Pflicht? Außer der FIFA, die bewiesen hat, dass sie gar kein Interesse an wertebasiertem Handeln hat. Wer könnte Druck auf die FIFA ausüben?

Thorhauer: Die Öffentlichkeit insgesamt, also die Masse. Der Aufruhr hierzulande ist schon so weit fortgeschritten, dass die FIFA ihn nicht mehr ignorieren kann. Ein organisierter Boykott wird das Ganze nicht verschärfen, denn die Begeisterung für das Turnier ist ohnehin schon an einem nie dagewesenen Tiefpunkt. Das schlägt den Funktionären der FIFA bereits jetzt auf den Magen.

90PLUS: Also doch die Fans. Denken Sie nicht, dass genau diese geringe Begeisterung für die WM eine Folge der Boykottbewegungen ist, die dazu beigetragen haben, das kritische Bewusstsein zu schärfen und die Lust auf das Turnier zu senken?

Thorhauer: Ich glaube nicht, dass es die Boykottbewegung selbst ist, sondern die Diskussion insgesamt. Dazu gehören natürlich auch radikale Stimmen, die einen Boykott fordern. Dagegen habe ich nichts, aber es ist eben eine Minderheit. Ich sehe es nicht als moralische Pflicht an, die Weltmeisterschaft zu boykottieren. Wenn jemand das Endspiel schaut und jubelt, ist er deshalb kein schlechterer Mensch. Hinzu kommt, dass ein Boykott den Spielern gegenüber unfair ist. Denn sie haben viel Energie in ihre Vorbereitungen gesteckt.

Wenn man etwas bewirken will, kann das nur gelingen, wenn man im Gespräch bleibt

90PLUS: Sind die Spieler in der moralischen Pflicht sich zu positionieren?

Thorhauer: Nein, das ist die individuelle Entscheidung jedes Einzelnen. Es muss sich nicht jeder Fußballer positionieren. Außerdem ist es teils schwer, dies konsequent zu tun. Wenn wir das Beispiel Bayern München nehmen: Die Spieler sind unter Vertrag, und wenn der Verein „Qatar Airways“ auf ihre Trikots druckt, dann müssen sie diese tragen. Ähnlich wie eine Flugbegleiterin ihre Uniform trägt.

90PLUS: Unterschätzen Sie die Verantwortung und die Macht der Spieler damit nicht?

Thorhauer: Es ist in Ordnung, wenn Spieler die Umstände kritisch öffentlich reflektieren. Aber es ist eben keine moralische Pflicht. Grundsätzlich ist die Chance, in Katar überhaupt etwas zu verändern sehr gering. Ich glaube, dass eine dauerhafte Positionierung gegen den Gastgeber – den sich die FIFA ja ausgesucht hat – die Fronten zusätzlich verhärtet. Wenn man etwas bewirken will, kann das nur gelingen, wenn man im Gespräch bleibt. Nehmen wir an, wir würden alle Länder mit menschenrechtlichen Defiziten – wo auch immer man hier die Grenze zieht – als Austragungsort für sportliche Großereignisse boykottieren. Dann würden Weltmeisterschaften nur noch in wenigen Ländern ausgetragen werden und wären keine echten Weltmeisterschaften mehr, weil sich viele Staaten abwenden würden. Vermutlich würden diese dann irgendwann einen zweiten globalen Sportverband gründen, der möglicherweise unsere westlichen Werte nur geringfügig teilt. Damit wäre nichts gewonnen, der Dialog würde völlig abreißen. Wollen wir das?

90PLUS: Die FIFA hat in ihrer bisherigen Form auch kein Interesse, zu politischen Veränderungen beizutragen. Aber mal angenommen, sie hätte es: Haben Sportverbände überhaupt genug Macht, um Veränderungsprozesse anzustoßen?

Thorhauer: Ja, ich glaube schon. Sie werden natürlich nicht für einen Umsturz sorgen, aber der Sport sorgt dafür, dass man sich von Bürger zu Bürger begegnet. Es knüpfen sich Freundschaften. Man reicht sich die Hand, lernt sich kennen und tauscht sich aus. Sowohl auf der Ebene der Athleten als auch der Fans. Dadurch bietet der Sport eine Chance, die es nirgendwo sonst gibt.

90PLUS: In Katar werden die Unterdrückten mit niemandem in Kontakt kommen, da das Regime eine Fassadengesellschaft aufgebaut hat.

Thorhauer: Dennoch werden sich die anderen Fans und die Spieler begegnen. Sport verbindet. Wichtig ist nun, dass die FIFA einen Weg findet, um ihren eigenen wohlklingenden Wertekatalog auch zu leben. Ein erster Schritt besteht darin, zu prüfen, was sich leicht faktisch umsetzen lässt und wo Änderungen angestoßen werden können. Dabei braucht man aber einen langen Atem. Differenzen zwischen Wertebekenntnis und Praxis wird es immer geben, gerade wenn verschiedene Kulturen zusammentreffen. Wichtig ist aber, dass die FIFA ihre Abweichungen der Öffentlichkeit erklärt, also ihr Verhalten im wörtlichen Sinne verantwortet. Vielleicht hätte die Öffentlichkeit hierfür dann sogar Verständnis.

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Das Interview führte Florian Weber.

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