WM 2022 | Gruppen-Aus für Deutschland? „Würde mich nicht komplett überraschen“ – Das Experten-Panel zum Turnier

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Spotlight | Die WM 2022 steht vor der Tür. Worauf kommt es für die DFB-Elf in Katar an, um erfolgreich abzuschneiden? Welche Nationen haben Überraschungspotenzial? Und welche Konsequenzen könnten die ungewöhnlichen Umstände mit sich bringen? Über das und mehr haben wir mit Experten gesprochen.

Vor dem Turnierstart haben wir uns mit  Jonas Friedrich (WM-Kommentator bei Magenta) und Günter Klein (Chefreporter Sport beim Münchner Merkur, zzt. in Katar) unterhalten. Für 90PLUS antwortete Victor Catalina.

Wie steht es um die DFB-Elf bei der WM in Katar? – Experten-Meinungen

90PLUS: Unter Hansi Flick hat die DFB-Elf durchaus eine positive Entwicklung hingelegt, zuletzt in der Nations League aber über weite Strecken enttäuscht. Was darf man sich in Katar von der deutschen Nationalmannschaft erwarten?

Jonas Friedrich (JF): Nicht besonders viel. Der letzte wirklich überzeugende Auftritt der Mannschaft liegt nun doch ein wenig zurück. Rein von der Ausstrahlung: Ich spüre rund um die Mannschaft weder den notwendigen Hunger noch Begeisterung im Vorfeld dieses Turniers. Das Gruppenspiel gegen Japan ist das Schlüssel-Duell – und das wird in meinen Augen ein zähes, knappes Ding. Ein Gruppen-Aus würde mich daher nicht komplett überraschen. Ein knappes Aus im Viertelfinale wäre für mich schon am oberen Ende der Erwartung.

Günter Klein (GK): Ein ordentliches Abschneiden, kein Zittern in der Vorrunde – aber nicht den Titel. Das gibt die Mannschaft im Vergleich zu anderen Kadern nicht her. Manuel Neuer als gesetzter Torhüter hat nicht mehr die Stabilität seiner Glanzzeit, die Abwehr hat in Antonio Rüdiger nur einen Spieler von unanfechtbarem Format und die Schwächen in der Torproduktion sind bekannt.

Victor Catalina (VC): Auftritte, die dem gerecht werden, was über dem Wappen ist. Die letzten beiden großen Turniere waren weit vom Selbstverständnis eines viermaligen Weltmeisters entfernt. Man braucht jetzt ein Zeichen, dass Deutschland noch immer zur Elite gehört, damit sich von außen nicht das Narrativ einstellt, das DFB-Team wäre nur noch unter ferner liefen. Deshalb finde ich es auch gut, dass sich die DFB-Elf öffentlich hohe Ziele steckt – trotz der durchwachsenen Auftritte zuletzt.

DFB WM 2022

(Photo by Alex Grimm/Getty Images)

Darum berichten wir über die WM in Katar

Worauf wird es für die DFB-Elf ankommen, um eine erfolgreiche WM zu spielen?

JF: Für mich geht es darum, ob der Mannschaftskern um den Bayern-Block eine mitreißende Begeisterung für die Gruppe auslösen kann. Die Mannschaft ist im Mittelfeld Weltklasse. Nur reicht das, um die Defizite auf den Außenverteidiger-Positionen auszugleichen? Da bin ich skeptisch.

GK: Wichtig wird sein, dass Flick nach innen den Glauben vermittelt, dass man stark genug ist, um nicht in die Bredouille zu geraten wie bei der WM 2018 und EM 2021 – und zugleich bei den Gegnern den Respekt aufzubauen. Wenn Deutschland im Turniermodus ist, wird es ein Gegner sein, der Unbehagen bereitet; das kann nicht schaden.

VC: Man muss wieder eine Turniermannschaft werden. Das war über Jahre unter Joachim Löw die große Stärke. Das muss Hansi Flick wieder hinbekommen. Die Fähigkeiten dazu hat er fraglos. Es gibt nur sehr wenige Trainer im Wettbewerb, die den Luxus haben, Mittelfeld und Angriff eines der formstärksten Teams Europas (Bayern) praktisch eins zu eins in ihre Mannschaft zu kopieren. Dazu hat Julian Nagelsmann seit dem 0:1 in Augsburg einen äußerst ökonomischen Spielstil etabliert, der auch den klimatischen Bedingungen in Katar Rechnung trägt. Wenn Flick es schafft, diese Automatismen aus dem Bayern-Spiel mit seinen Fähigkeiten als Kommunikator auf ein stabiles Grundgerüst zu stellen, ist bei dieser WM sehr, sehr viel möglich. Nicht zuletzt, da der Kader auch außerhalb des Bayern-Blocks sehr viel Qualität und Unberechenbarkeit hergibt.



„Selten zuvor war die Ideallösung für eine WM dermaßen offensichtlich“

Fernab politischer Umstände und der katastrophalen Menschenrechtslage in Katar findet die WM auch erstmals inmitten einer regulären Saison und mit sehr kurzer Vorbereitung statt. Könnten sich die ungewöhnlichen Umstände in sportlicher Hinsicht bemerkbar machen? Wenn ja, inwiefern?

JF: Ich denke schon. Je weniger Zeit in der Vorbereitung, desto weniger Abläufe können einstudiert werden. Das spielt wahrscheinlich den ohnehin überlegenen Teams mit den besseren Einzelspielern in die Karten. Trotzdem wird das Turnier auf einem sportlich sehr hohen Niveau stattfinden. Alle teilnehmenden Spieler sind körperlich voll da – und die sogenannten Außenseiter-Nationen haben in den letzten Jahren systematisch aufgeholt. Es gibt kaum noch klare Underdogs.

GK: Sportlich könnte es eine gute WM werden. Sicher, die klassische Vorbereitung in einem Trainingslager fehlt, doch die Spieler werden nicht ausgebrannt sein wie am Saisonende im Sommer. Das Turnier ist dichter getaktet, doch es entfallen die Reisebewegungen, man muss nicht von Seelevel aus in die Höhe, findet in den temperierten Stadien mit 19 Grad auf dem Spielfeld überall und konstant die gleichen Bedingungen vor.

VC: Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Spieler viel ermüdeter zur WM kommen als im Sommer, was naturgemäß das Risiko für Verletzungen erhöht. Da gilt es für die Trainer, noch mehr als ohnehin auf Belastungssteuerung und Rotation zu achten. Mannschaften, deren Bank eher weniger hochkarätig besetzt ist, könnten dadurch schnell Probleme bekommen. Gerade bei so einem großen Turnier und dem, was es für jedes Land bedeutet, tendieren Trainer dazu, ihre Schlüsselspieler länger auf dem Platz zu lassen als nötig oder sie „überverausgaben“ sich selbst, was schnell zu schwere(re)n Muskelverletzungen führt. Womit wir wieder beim ökonomischen Spielstil wären. Selten zuvor war die Ideallösung für eine WM dermaßen offensichtlich.

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Moukoko ins Rampenlicht, Kanada ins Achtelfinale? Hot Takes und Prognosen

Bei jedem großen Turnier gibt es einen oder mehrere Underdogs, die über sich hinauswachsen und weit kommen. Gibt es in Katar abgesehen von den üblichen Verdächtigen eine Nation, die alle überraschen könnte?

JF: Ich würde mir wünschen, dass eine Mannschaft aus Afrika zur Überraschung des Turniers wird. Ich hätte hier Senegal im Auge – trotz des Ausfalls von Sadio Mané. Defensiv eine sehr stark besetzte Mannschaft.

GK: Ein Kollege, der für DAZN internationale Spiele kommentiert, hat mir geflüstert, Serbien sei heiß. Ich erlaube mir, auch aus sportlicher Sicht auf den Iran gespannt zu sein. Vielleicht entsteht aus der politischen Gemengelage eine sportliche Reaktion.

VC: Ich weiß nicht, ist Dänemark noch einer der „üblichen Verdächtigen“? Jedenfalls war Frankreich zuletzt nicht zwingend in Überform. Wenn Dänemark sie, wie in der Nations League, hinter sich lassen kann, spielen sie im Achtelfinale gegen den Zweiten der Gruppe C, höchstwahrscheinlich Mexiko oder Polen. Da haben sie eine sehr gute Chance und danach ist eigentlich alles möglich. Ansonsten würde ich auch noch ein Auge auf Ecuador haben. Das ist eine sehr junge, spielerisch sehr gut ausbalancierte Mannschaft, die hochinteressante Standards schlägt.

Abschließend: Ein Hot Take und der kommende Weltmeister.

JF: Achtung! Kanada wird besser abschneiden als bei seiner letzten WM-Teilnahme (1986 endete Kanadas bislang einzige WM-Teilnahme in der Gruppenphase; Anm. d. Red.). Und Weltmeister wird – würfel, würfel – Frankreich.

GK: Hot Take könnte ein junger Spieler sein. Vielleicht Youssoufa Moukoko. Er ist in einem Alter, in dem man jeden Tag besser werden kann, er geht mit Genugtuung über die Nominierung und großer Freude in das Turnier. Kommender Weltmeister? Ich erwarte die südamerikanische Power mit Argentinien und Brasilien. Tippen würde ich auf Brasilien, das konstant durch die letzten vier Jahre gegangen ist.

VC: Der Hot Take: Mindestens einen der Großen aus Gruppe F wird es erwischen. Weil Kanada unter John Herdman taktisch extrem flexibel und mannschaftlich geschlossen ist und vorne mit Alphonso Davies und Jonathan David viel Tempo hat. Marokko verfügt mit Achraf Hakimi und Noussair Mazraoui über das wohl beste Außenverteidiger-Pärchen im ganzen Turnier. Dazu hat Neu-Trainer Walid Regragui auch Hakim Ziyech wieder zurückgeholt und vorne mit Youssef En-Nesyri einen brutal physischen und schwer zu verteidigenden Stürmer. Außerdem kann Regragui nachweislich Turniere. Es würde mich nicht wundern, wenn Marokko sogar die Costa-Rica-2014er-Gruppe wird (damals kam Costa Rica als Underdog bis ins WM-Viertelfinale; Anm. d. Red.).

Zum Weltmeister: Die Gabe, ein großer Kommunikator zu sein, eine Mannschaft bedingungslos und gegen alle Widerstände zu vereinen, haben nicht viele Trainer. Jürgen Klopp hat sie – und Hansi Flick auch. Wenn er das auf die Mannschaft übertragen kann, bin ich optimistisch, dass Deutschland Weltmeister wird.

Fragen von Michael Bojkov

(Photo by OZAN KOSE/AFP via Getty Images)

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