WM 2022 | DFB-Team auf höchstem Niveau konkurrenzfähig, aber mit Verbesserungspotential – Die Erkenntnisse aus Deutschlands Remis gegen Spanien

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1:1 trennte sich das DFB-Team am 2. Spieltag der WM 2022 von Spanien. Die Partie zeigte eindrucksvoll, dass Deutschland noch immer in der Lage ist, auf höchstem Niveau mitzuspielen – und mit welchem Personal Hansi Flick das tun sollte.

DFB-Team hält Spaniens Druck stand – und übt ihn selbst aus

Auf der Pressekonferenz vor dem Spiel wollte Hansi Flick die Frage, ob Deutschland noch zur Weltspitze gehört, die Partie an sich beantworten lassen. Nach dem 1:1 lässt sich festhalten, dass Spanien zwar einige Schritte weiter in der eigenen Entwicklung sein mag, das DFB-Team aber durchaus konkurrenzfähig ist, auch auf höchstem Niveau.

Spanien begann äußerst druckvoll, presste Deutschland weit in der gegnerischen Hälfte und konnte dadurch in der Anfangsviertelstunde bis zu 75 Prozent Ballbesitz verzeichnen. Nach sieben Minuten musste Manuel Neuer erstmals eingreifen und lenkte einen Abschluss Dani Olmos an den Querbalken. In solchen Phasen gibt es genau zwei mögliche Ausgänge: Entweder man beugt sich dem Druck und kassiert früher oder später den Gegentreffer. Oder man tut es der DFB-Elf gleich.

 



 

Deutschland trat im Vergleich zur Niederlage gegen Japan defensiv wesentlich kompakter auf und überstand die spanische Druckphase schadlos. Man überließ Spanien zwar den Ball. Die hundertprozentige Torchance konnten sie dadurch jedoch nicht kreieren.

Stattdessen befreite sich das DFB-Team stückweise, weil man den Gegner aus der sicheren Defensive heraus immer wieder selbst anlief, sodass Spanien keine andere Möglichkeit als die Rückpässe zu den Innenverteidigern Rodri und Aymeric Laporte, respektive Torhüter Unai Simón blieben. Am Ende kam Spanien zwar auf 64 Prozent Ballbesitz. Da sich jedoch nur 26 Prozent des Geschehens im deutschen Drittel abspielten und zwei der drei Schüsse aufs Tor von außerhalb des Strafraums abgegeben wurden, war ein Großteil dieses Ballbesitzes wertlos.

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Klostermann, Sané, Füllkrug: Flick wechselt die Wende ein

Auch nach der Pause machte man es Spanien schwer, zum druckvollen Spiel der Anfangsminuten zu finden und konnte sogar selbst den ein oder anderen hohen Ballgewinn verzeichnen. So wie in Minute 56, als Joshua Kimmich die Kugel gegen Pedri eroberte und an Unai Simón scheiterte. Das 1:0 durch Álvaro Morata fiel in dieser Phase eher entgegen des Spielverlaufs.

Luis Enrique hatte erkannt, dass es für echte Durchschlagskraft einen echten Stürmer brauchen würde. Keine zehn Minuten im Anschluss an den Gegentreffer zog Hansi Flick nach und nahm noch zwei weitere Wechsel vor, die das Spiel maßgeblich beeinflussen sollten, in Leroy Sané und Lukas Klostermann. Letzterem gelang es durch sein Tempo wesentlich besser als Thilo Kehrer, die Kreise des Leipziger Teamkollegen Dani Olmo einzuschränken. Sané gab dem bisweilen durchschaubaren Angriffsspiel eine komplett neue Dimension. Wirkte Jamal Musiala über weite Teile der Partie zuvor alleingelassen, hatte er nun jemanden, der konsequent auf seine Laufwege und Ideen einging. Case in point, Minute 73: Sané steckte herrlich für Musiala durch, der im Eins-gegen-Eins an Unai Simón scheiterte.

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Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images

„Die muss ich machen oder den Kopf hochnehmen und abspielen. Es wird eine schwere Nacht für mich“, gab der Youngster nach Abpfiff zu. Das wohlgemerkt, an einem Abend, an dem Musiala zu den besseren deutschen Akteuren gehörte und als einer der wenigen das nicht exzessiv feierte, was sich fast genau zehn Minuten nach seiner vergebenen Großchance ereignete.

Die Szene war eigentlich baugleich. Erneut zog Sané von rechts nach innen und bediente Musiala in der Tiefe, der sich geschickt um Rodri wand. Diesmal schnappte sich Niclas Füllkrug die Kugel und trümmerte sie kompromisslos unters Tordach.

Achtelfinale möglich – und wieviel danach?

Ab hier war Deutschland die überlegenere Mannschaft und hätte in Minute 95 durch Leroy Sané den Siegtreffer erzielen können, wenn nicht müssen. Das zeigt zum einen, wie Hansi Flick seinen Angriff für die kommenden Partien strukturieren sollte, vor allem da Ilkay Gündoğan und Thomas Müller sich nur bedingt für weitere Startelfeinsätze bewerben konnten.

Es zeigt allerdings auch, wo das DFB-Team noch Problemstellen hat: Wie in der Nations League gegen England (1:1, 3:3) oder in Bologna (1:1), beziehungsweise beim Freundschaftsspiel in Amsterdam (1:1), wusste man sich für einen guten Auftritt gegen eine große Mannschaft nicht vollumfänglich zu belohnen. Gerade dieser Punkt ist allerdings etwas, das über die reine Chancenverwertung hinaus geht und sich mit dem Druck in der entsprechenden Situation auf dem Trainingsplatz nur schwer simulieren lässt. Hansi Flick kann hier bestenfalls mit Worten und bewegten Bildern auf die Mannschaft einwirken.

Trotz der vergebenen Großchance am Ende ist das 1:1 kein optimales Ergebnis, allerdings eines, mit dem sich arbeiten lässt. Spanien kann es sich mit nur einem Zähler Vorsprung auf Japan nicht erlauben, auf irgendetwas anderes als einen Sieg zu spielen, während der Erfolg, den das DFB-Team gegen Costa Rica im Fall der Fälle braucht, kein astronomisch hoher sein muss. Die Qualifikation für das Achtelfinale ist mehr als möglich. Damit kann man weiter den Beweis erbringen, dass man aus Partien wie dieser gegen Spanien gelernt hat und sehr wohl noch zu den europäischen Topteams gehört.

Photo by JAVIER SORIANO/AFP via Getty Images

 Victor Catalina

Victor Catalina

Mit Hitzfelds Bayern aufgewachsen, in Dortmund studiert und Sheffield das eigene Handwerk perfektioniert. Für 90PLUS immer bestens über die Vergangenheit und Gegenwart des europäischen Fußballs sowie seine Statistiken informiert.

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