WM 2022 | Die Versäumnisse der Führungsebene besiegeln das nächste Aus – Die Analyse zur Weltmeisterschaft des DFB-Teams

WM 2022 Costa Rica DFB-Team Deutschland
WM-Spotlight

Spotlight | Wie 2018 scheitert das DFB-Team auch bei der WM 2022 in der Gruppenphase. Dabei kann man der Mannschaft an sich nur wenig Vorwürfe machen. Die Fehler wurden auf anderen Ebenen begangen.

Deutschland lässt Costa Rica im Spiel – aber vor allem Japan und Spanien

Das DFB-Team hat geliefert, den Sieg gegen Costa Rica geholt. Auch mit zwei Toren Differenz. Bezeichnender ist aber, wie er zustande kam. Die entscheidenden Treffer fielen in den Minuten 73, 85 und 89. Es erinnert ein wenig an das Saisonfinale der Premier League, als Manchester City im Heimspiel gegen Aston Villa 0:2 zurücklag und der Liverpool FC lediglich den Treffer zum 2:1 gegen die Wolves gebraucht hätte, um Pep Guardiola und die Seinen richtig unter Druck zu setzen. Stattdessen fiel jener Treffer erst, als City die Partie komplett gedreht hatte. Der Sieg war somit wertlos. Genau wie das 4:2 über Costa Rica.

 



 

Dabei hätte der Abend aus deutscher Sicht kaum besser beginnen können. Serge Gnabry eröffnete in der 10. Minute. Wenige Sekunden später brachte Álvaro Morata Spanien gegen Japan in Führung. Deutschland wäre zu diesem Zeitpunkt virtuell im Achtelfinale gewesen. Das große Problem war nicht einmal die mangelnde Chancenverwertung, sondern vielmehr die Tatsache, dass man Costa Ricas Defensive nach der Führung kaum noch ins Laufen bekam. Spanien gewann auch deshalb 7:0, weil sie die gegnerische Abwehr durch schnelles Kurzpassspiel, Tiefenläufe und Positionswechsel ständig überforderten. Gegen das DFB-Team musste Costa Rica lediglich gut verschieben, um das deutsche Offensivspiel zum Erliegen zu bringen. Außer Halbfeldflanken auf Thomas Müller kam nach dem 1:0 nicht viel.

Deutschland nahm den Druck heraus, ließ den Gegner am Leben, aber noch vielmehr: beide Teams im Parallelspiel. Mit einem 3:0 oder 4:0 zur Pause hätte der Verlierer ahnen können, dass es für ihn äußerst eng werden könnte. Beide Teams wären gezwungen gewesen, die Partie mit vollem Fokus zu beenden. Auch ohne den Zwischenstand aus dem Al-Bayt Stadium eingeblendet zu haben, sah man dem spanischen Spiel genau an, wann Costa Rica in Führung ging und sie kurzzeitig virtuell ausgeschieden waren. Nach den Treffern von Kai Havertz beruhigte sich das Geschehen wieder, da Spanien wusste, dass sie aus dem Parallelspiel nichts mehr zu befürchten hatten. Die in Führung liegenden Japaner schon gar nicht. Man kann erahnen, was möglich gewesen wäre, hätte das DFB-Team diesen Druck der Schlussphase, mit diesem Personal, über die gesamte Spielzeit aufrechterhalten.

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„Fürchte, in ein Loch zu fallen“ – Vorrundenaus lässt Spieler traurig und geknickt zurück

Wenn man allerdings sowohl Deutschland als auch Spanien nach Rückstand bezwingt, besteht an der Rechtmäßigkeit des eigenen Weiterkommens keinerlei Zweifel. Japan war unter Druck, Japan hielt dem Druck stand. Nun ist man lediglich einen Sieg vom erstmaligen Einzug ins Viertelfinale einer Weltmeisterschaft entfernt, das Trainer Hajime Moriyasu vor dem Turnier als großes Ziel ausrief. Der nächste Gegner heißt Kroatien. Dass Deutschlands Aus durch Ritsu Doan (SC Freiburg), Takuma Asano (VfL Bochum) und Ao Tanaka (Fortuna Düsseldorf) entschieden wurde, allesamt Spieler der 1. und 2. Bundesliga, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Deutschland hingegen hat sein großes Ziel verpasst, scheidet zum zweiten Mal in Folge in der Gruppenphase einer Weltmeisterschaft aus. Unter anderem auch, weil Hansi Flick Mittelfeld und Angriff nicht so strukturiert bekam, wie es Julian Nagelsmann beim FC Bayern tut. So hing beispielsweise zu viel von Jamal Musiala ab, der zwischenzeitlich als einziger für Belebung im Offensivdrittel sorgte. Die Hoffnungen eines ganzen Landes an einem 19-Jährigen festzumachen, egal wie talentiert er sein mag, ist Nonsens und war noch nie Markenzeichen einer deutschen Nationalmannschaft. Auch Leon Goretzka und Joshua Kimmich konnten sich nicht so frei in der Offensive entfalten, wie sie es normalerweise tun. Zudem musste Thomas Müller in einer Rolle aushelfen, die ihn komplett in seinen Fähigkeiten beschneidet: als falsche Neun. Besonders bezeichnend, wenn a) zwei echte Neuner in Kai Havertz und Niclas Füllkrug auf der Bank saßen und nach ihrer Einwechslung drei Tore erzielten und b) schon zu Flicks Zeiten beim FC Bayern offensiv sehr viel von Robert Lewandowski ausging. Die suboptimalen Wechsel in der Auftaktpartie gegen Japan runden das Bild einer misslungenen Weltmeisterschaft ab.

 

 

Mal ganz davon zu schweigen, was das Ausscheiden mit den Spielern selbst macht. Schwer geknickt und mit trauriger, seufzender Stimme stand Jamal Musiala nach der Partie im Interview bei MagentaTV. Joshua Kimmich sprach in der Mixed Zone, einem Häufchen Elend gleich und beinahe mit Tränen in den Augen, vom schlimmsten Tag seiner Karriere und fürchtete, „in ein Loch“ zu fallen, da das Scheitern der letzten drei Turniere vor allem mit ihm in Verbindung gebracht zu werden droht. „So down war ich im Fußball noch nie. Körperlich ging es mir zwar gut, aber mental habe ich einige Wochen gebraucht, um mich davon zu erholen“, erinnerte er sich in The Players‘ Tribune an das Ausscheiden vor vier Jahren. Gesten und Worte, die extrem viel verraten.

DFB geht sich selbst auf den Leim – und fängt unter null an

Der DFB ist nun vor allem psychologisch gefragt, für ein Chaos, an dem er selbst nicht ganz unbeteiligt ist. Man ließ die Diskussion um die One-Love-Binde Überhand über das Sportliche gewinnen, was die Spieler in der Auftaktpartie gegen Japan sichtlich beschäftigte. „Fragen Sie das die FIFA, nicht mich. Ich gebe keine politischen Statements ab“, so Louis van Gaal auf der Pressekonferenz nach dem 2:0-Sieg seiner Niederländer über den Senegal am 1. Spieltag. „Aber die Antwort auf die Frage, ob das ein korrektes Vorgehen der FIFA ist, kann sich jeder selbst geben!“ Damit hat er den wunden Punkt klar zu Sprache gebracht und konnte sich anschließend auf die Spiele konzentrieren. Wenig überraschend stehen seine Mannschaft und er als souveräner Gruppensieger im Achtelfinale. Der DFB hingegen legte es auf einen öffentlichen Streit mit der FIFA an, den Gianni Infantino locker weglächelte. Das Foto mit ihm, Innenministerin Nancy Faeser und der Binde steht sinnbildlich dafür. Man wollte ein gut gemeintes Zeichen setzen, ging sich jedoch selbst auf den Leim. Hohn und Spott der Gegner nach der Niederlage gegen Japan waren einem gewiss.

WM 2022 Costa Rica DFB-Team Deutschland

Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images

Dann wäre da noch die Thematik rund um das Mannschaftsquartier. Der DFB ging konsequent seinen eigenen Weg und entschied sich für das Zulal Wellness Resort zu Al-Ruwais im äußersten Norden Katars, komplett abgeschieden von den anderen 31 Teams – und fragte damit von Beginn an nach Problemen. Es war klar, dass es früher oder später zu Situationen wie der rund um die Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Spanien kommen könnte, als Hansi Flick nicht in Begleitung eines Spielers aufkreuzte. Ein kleinerer Regelverstoß, der mit einer Strafe in Höhe von 10.000 Schweizer Franken geahndet wurde. Den wesentlich höheren Preis bezahlt man jedoch im Ansehen, das die deutsche Nationalmannschaft in den Augen seiner Gegner noch viel mehr als Einzelgänger dastehen lässt und wie das trotzige Kind, das für sich selbst immer eine Sonderbehandlung verlangt. Eine Wir-gegen-die-Welt-Mentalität, aus der heraus man innere Stärke für ein gutes Turnier schöpft, vermochte sich zu keinem Zeitpunkt einzustellen.

Die Analyse muss nun schnell und präzise ausfallen. Bereits in zwei Jahren steht die Heim-EM an. Viel Zeit für einen großen personellen Umbruch bleibt nicht. Auch Hansi Flick muss beweisen, dass er die Mannschaft in der Art und Weise nach vorne bringen kann, wie er es mit dem FC Bayern getan hat. Durch das Verpassen des Final Four in der Nations League und nun dem Vorrundenaus bei der Weltmeisterschaft hat auch sein Nimbus als furchteinflößender Seriensieger zwei große Dellen bekommen. Mit dem Einzug ins Achtelfinale und einem guten Turnier hätte man einiges, was in den letzten Jahren schief ging, wieder in die richtigen Bahnen lenken und beweisen können, dass Deutschland sehr wohl noch zu den großen Fußballnationen gehört. Nun fängt man nicht nur bei null an – sondern darunter.

Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images

Victor Catalina

Victor Catalina

Mit Hitzfelds Bayern aufgewachsen, in Dortmund studiert und Sheffield das eigene Handwerk perfektioniert. Für 90PLUS immer bestens über die Vergangenheit und Gegenwart des europäischen Fußballs sowie seine Statistiken informiert.

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