Der Emir krönt sein Meisterwerk – und Messi auch: Tops & Flops der WM in Katar

WM 2022
WM 2022

Spotlight | Jedes große Turnier hat magische Momente auf der einen und Enttäuschungen auf der anderen Seite zu bieten. Aufgrund bekannter Umstände stand die WM in Katar ohnehin abermals in einem anderen Licht. Unsere Tops und Flops des Turniers.

Unsere WM-Tops

Messi krönt sich und sein Land im Herzschlag-Finale

Zugegebenermaßen grenzt es an Zynismus, dass ausgerechnet die Blut-WM von Katar, die mutmaßlich tausende Menschenleben auf dem Gewissen hat, mit dem vielleicht besten Finale garniert wurde, das die Welt je gesehen hat. Die Dramaturgie vom 18. Dezember 2022 lässt aber kaum einen anderen Schluss zu. Vor dem Hintergrund, dass mit Lionel Messi (35) der vielleicht beste Fußballer der Geschichte mit dem WM-Pokal sein Lebenswerk vollenden und seinem Heimatland einen lang ersehnten Traum erfüllen konnte, führte Argentinien souverän bis in die Schlussphase.

Doch es wäre – Messi hin und her – beileibe nicht das beste Finale aller Zeiten geworden, hätte Frankreich nicht zur Magie des Abends beigetragen. Die Equipe Tricolore kam mit einem Doppelschlag durch den Weltstar der neuen Generation, Kylian Mbappé (23), zurück und manövrierte das Spiel in die Verlängerung. Auch da schafften es die Franzosen, einen Rückstand spät wettzumachen – ehe Sekunden vor Schluss ein unglaublicher Reflex von Argentinien-Torhüter Emiliano Martínez (30) eine französische Titelverteidigung verhinderte. Im Elfmeterschießen sicherte sich die Albiceleste schließlich den ersten WM-Triumph seit 36 Jahren – und Messi vollendete sein magisches Lebenswerk. So oder so ähnlich könnte es in einigen Jahrzehnten in den Geschichtsbüchern stehen.



Warum und wie wir über die WM in Katar berichten

Wer sind „die Kleinen“?

Bei der WM 2018 in Russland schaffte Kroatien beinahe den ganz großen Wurf: Das vier Millionen Einwohner kleine Land kam bis ins Finale, musste sich am Ende Frankreich geschlagen geben (2:4). Viereinhalb Jahre später sah vieles danach aus, als könnte sich ein Stück Geschichte wiederholen. In Katar wurde es nicht ganz das Finale, dafür das Spiel um Platz drei, das man gegen Marokko gewann (2:1). Marokko – ein fast ebenso gutes Beispiel dafür, warum es kaum noch „Kleine“ beim wichtigsten Fußballturnier der Welt gibt. Auf eine beeindruckende Art und Weise schaffte es die Mannschaft von Neutrainer Walid Regragui (47), erst Kroatien und Belgien in der Gruppe hinter sich zu lassen, um dann mit Spanien und Portugal zwei Top-Nationen aus dem Wettbewerb zu kegeln.

Auch die asiatischen Vertreter haben in Katar gezeigt, dass mit den Außenseitern zu rechnen ist. Sowohl Japan als auch Südkorea setzten sich in ihren Gruppen gegen deutlich stärkere Nationen durch und durften überraschend den Einzug in die K.o.-Runde feiern. Die Liste der alles andere als zahmen Underdogs komplettieren Australien und Saudi-Arabien, im Vorfeld des Turniers die auf dem Papier wohl größten Außenseiter. Während die Socceroos von Down Under völlig überraschend die Gruppenphase überlebten und Argentinien schon im Achtelfinale an seine Grenzen brachten, gelang den „Grünen Falken“ in der Gruppenphase sogar ein Sieg gegen den späteren Weltmeister (2:1).

Iranische Spieler senden wichtige Botschaft

Der gewaltsame Tod einer jungen Iranerin durch das Mullah-Regime im September hat eine landesweite Protestwelle im Iran ausgelöst. Tausende gehen auf die Straße, um für Frauenrechte und Freiheit zu kämpfen – und riskieren dabei ihr Leben. Auch die Spieler der iranischen Nationalmannschaft haben bei der WM in Katar ein Zeichen gesetzt. Vor dem ersten Gruppenspiel gegen England schwiegen sie bei der eigenen Nationalhymne. Das hatte nicht nur zur Folge, dass die iranischen TV-Übertragungen unterbrochen wurden, auch wurden den Nationalspielern Konsequenzen angedroht.

WM 2022

(Photo by Julian Finney/Getty Images)

So laufen Spieler, die bei einem iranischen Verein spielen, Medienberichten zufolge Gefahr, ihre Spielerlizenz zu verlieren. Dabei wäre das wohl noch eines der geringeren Übel in einem Staat, dessen Volk von der eigenen Regierung unterdrückt wird. Ex-Wolfsburger Ashkan Dejagah (36) etwa wurde jüngst ein Ausreiseverbot auferlegt, nachdem er sich in Deutschland an Protesten beteiligte und später in den Iran zurückkehrte. Es ist nur eines von vielen Beispielen, die zeigen, mit wie viel Mut der Hymnen-Protest in Katar tatsächlich verbunden war. Ein Zeichen der Humanität – bei einem Fußballturnier, das mutmaßlich tausenden Menschen das Leben kostete.

Unsere WM-Flops

FIFA World Cup Qatar 2022™

Eine gekaufte WM in einem Land, das weniger Fußballtradition als Red Bull hat und in dem aufgrund der Verletzungen grundlegender Menschenrechte zahlreiche Gastarbeiter ihr Leben lassen mussten, hinterlässt ihre Spuren. Und die werden auch nicht so einfach verwischt, sobald es ums Sportliche gehen soll. Entsprechend gab es auch während des vierwöchigen Turniers in Katar Begleitumstände, die den magischen Moment auf dem Platz in den Hintergrund rücken ließen – oder ihm zumindest einen faden Beigeschmack gaben.

So war es kaum verwunderlich, dass die Veranstalter Mühe hatten, die Stadien vollzukriegen. In nahezu jedem Gruppenspiel blieben Plätze frei, in manchen hatte man je nach Kamerawinkel schier den Eindruck, leere Sitzschalen würden das Zuschauerbild dominieren. Dass die Ordner angewiesen wurden, Fans, die Regenbogenfarben trugen, vor den heiligen Toren des Spiels am Einlass zu hindern, tat ihr Übriges dazu und ergänzte passend das große Ganze, das sich im Normalfall Fanerlebnis nennt.

Ein weiteres Beispiel, bei dem sich auch die Spieler im Hinblick auf den Austragungsort „Einmal und nie wieder“ gedacht haben müssen, war der finale Auftritt von FIFA-Präsident Gianni Infantino und Katar-Emir Tamim bin Hamad Al Thani. Bei Argentiniens Siegerehrung zogen sie Messi demonstrativ ein arabisches Gewand über, in dem der Superstar die Trophäe in den Nachthimmel recken sollte. Den magischsten Karrieremoment des größten Fußballers aller Zeiten für die eigene Propaganda-Show ruinieren? Das ist tatsächlich möglich, wir haben es gesehen.

DFB scheitert auf ganzer Ebene

Wer hätte es gedacht, dass es nicht die Chancenerarbeitung, sondern die Effizienz vor dem gegnerischen Tor ist, die Deutschland zum Verhängnis wird? Tatsächlich hätte Deutschland nach Expected Goals die meisten Tore aller Teilnehmer in der Gruppenphase erzielen müssen. Im hintenraus schicksalhaften ersten Gruppenspiel gegen Japan allein wären 3,09 Tore zu erwarten gewesen, von Japan derweil nur 1,46. Und die hatten eben jene Effizienz, die Deutschland vermissen ließ – und nutzten eine plötzlich eintretende Schwächephase der DFB-Elf eiskalt aus, um unvermittelt aus 0:1 2:1 zu machen.

Damit war es um Schwarz-Rot-Gold bestellt. Gegen Spanien machte man ein gutes Spiel und gegen Costa Rica das, was in der eigenen macht stand, nämlich das Spiel zu gewinnen. Es half nichts, man musste die maximal verfrühte Heimreise antreten. Das Thema mit der „One Love“-Binde war rein im Bezug aufs Sportliche wohl kaum von Relevanz, aber es passt ins Gesamtbild. Denn unterm Strich steht Deutschlands zweites WM-Gruppenaus in Folge und ein DFB, der immer wieder bereitwillig erklärt, was Haltung bedeutet, es ganz offensichtlich aber selbst nicht genau weiß.

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(Photo by GLYN KIRK/AFP via Getty Images)

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Belgiens große Ära findet ein unrühmliches Ende

Bei den letzten großen Turnieren hatte Belgien stets die Rolle des Geheimfavoriten inne. Nicht so in Katar. Dazu ist der Kader rund um Kevin De Bruyne (31) und Co. mittlerweile insbesondere in der Defensive über dem Zenit. Und doch hätte man mindestens mal damit rechnen können, dass der erneute Einzug in die K.o.-Runde gelingt. Dass die Roten Teufel in dem Ausmaß enttäuschen, war nicht zu erwarten. Der einzige Sieg gelang zum Auftakt gegen Kanada (1:0), wobei auch der schon eher glücklich zustande kam.

Es folgten eine 0:2-Niederlage gegen Marokko und ein 0:0 gegen Kroatien – zugegeben, zwei spätere Halbfinalisten. Dennoch: Nur ein Sieg und ein einziges Tor in drei Gruppenspielen – gegen auf dem Papier machbare Gegner. Dass Katar 2022 auch aus belgischer Sicht ein enttäuschendes Turnier war, steht außer Frage. Und es wird für viele große Spieler das letzte gewesen sein. Mit dem Gruppenaus geht eine große Ära des belgischen Fußballs zu Ende.

(Photo by Julian Finney/Getty Images)

Text von Michael Bojkov

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