Vor nicht allzu langer Zeit dachten die meisten Fans noch, dass 48 Teilnehmer, 104 Partien und fast sechs Wochen Dauer die größten Aufreger rund um die erste XXL-WM der Geschichte sein werden. Doch 100 Tage vor dem Beginn der Endrunde (11. Juni bis 19. Juli) weiß auch der Bundestrainer, dass Trump, Grönland, ICE, Mexiko und nun auch Iran die (Fußball-)Welt verändert haben.
Wir sollten „das Bewusstsein haben, dass politische Themen vorherrschen, die der Sport nicht lösen wird“, sagte Julian Nagelsmann im kicker bei seinem Blick auf das bevorstehende Turnier in den USA, Mexiko und Kanada. Dass Nagelsmann mit dieser Einschätzung richtig liegt, zeigt die jüngste Entwicklung durch den Iran-Konflikt. Schließlich scheint eine Teilnahme der qualifizierten Mannschaft aus dem Kriegsgebiet derzeit kaum vorstellbar.
Der Ligabetrieb ist ausgesetzt, anstehende WM-Vorbereitungsspiele wurden abgesagt. „Sicher ist, dass nach diesem Angriff nicht zu erwarten ist, dass wir hoffnungsvoll auf die WM blicken“, sagte Irans Verbandsboss Mehdi Taj dem Sportnachrichten-Anbieter Varzesh3: „Die US-Regierung hat unser Heimatland angegriffen. Das wird nicht unbeantwortet bleiben.“
WM-Probleme drohen
Die Iraner sollen ihre drei WM-Vorrundenspiele in Los Angeles und Seattle austragen. „Es ist zu früh, um dies im Detail zu kommentieren, aber wir werden die Entwicklungen in allen Fragen weltweit weiter beobachten“, antwortete FIFA-Generalsekretär Mattias Grafström auf die Frage nach der Reaktion des Weltverbands, der nach wie vor alle qualifizierten Teams an den Start bringen möchte.
Geplant sind die 104 Partien an 16 Spielorten in vier Zeitzonen. Die Großteil der Begegnungen (78) soll in den USA stattfinden. Beginnen soll alles mit dem Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika im Azteken-Stadion von Mexiko-City, das Finale ist in New York geplant. Ausscheiden dürften zunächst wohl nur die großen Außenseiter um die Neulinge aus Curacao und Kap Verde. Schließlich erreichen 32 Mannschaften die erste K.o.-Runde.
FIFA-Boss Gianni Infantino hat „104 Super Bowls“ versprochen, die dem Weltverband eine Rekordeinnahme in Höhe von elf Milliarden Dollar in die Kasse spülen sollen – sieben Milliarden waren es vor vier Jahren in Katar. Trotz der massiven Kritik an den hohen Eintrittspreisen gab es laut FIFA 508 Millionen Nachfragen für die rund sieben Millionen Tickets. „Alle Spiele sind ausverkauft“, jubilierte Infantino.
Ob die Ränge tatsächlich überall gefüllt sein werden, erscheint allerdings ähnlich offen wie die Frage, ob wirklich an jedem geplanten Standort gespielt werden kann. Der Drogenkrieg in Mexiko lässt vor allem auf Guadalajara mit Sorge blicken. Boston will aussteigen, wenn bis Mitte März nicht die derzeit eingefrorenen Bundesgelder für die Sicherheit fließen.
Zudem verschreckt die Politik der US-Regierung unter Präsident Donald Trump mögliche Besucher. Die Todesschüsse von ICE-Beamten, die aggressive Außenpolitik und verschärfte Einreisebeschränkungen für Gäste aus einer Vielzahl von qualifizierten Ländern wirken nicht unbedingt einladend.
Die Vorbereitungen auf die Endrunde sind derart belastet, dass kaum jemand über die Hoffnung auf ein friedliches Fest der Kulturen oder gar den Sport spricht. Und auch wenn Nagelsmann sich gemäß seiner Jobbeschreibung auf den Fußball konzentrieren möchte, ist er sich dessen bewusst. „Unsere eigene Leistung auf dem Fußballplatz“, gab der Bundestrainer zu Protokoll, hat „für die weltpolitische Lage leider gar keine Relevanz“.

