Der „Geist von Spiez“ trug Fritz Walter und Co. zum „Wunder von Bern“. Am Comer See reifte unter „Kaiser“ Franz Beckenbauer eine verschworene Titel-Gemeinschaft. Und der Wohlfühloase „Campo Bahia“ entstiegen die glorreichen Rio-Helden. Die Bedeutung der Quartiere für die deutschen WM-Triumphe ist legendär – und Julian Nagelsmann bewusst, erst recht für das nie dagewesene XXL-Turnier in fünf Monaten.
„In den USA hast du Riesendistanzen zu den Spielorten, aber auch vom Hotel zu den Trainingsplätzen. Ich habe keine Lust, dass wir jedes Mal eine Stunde im Bus sitzen, bis wir trainieren können“, sagte der Bundestrainer. Deshalb waren das Teammanagement und dann auch Nagelsmann „viel unterwegs“, um sich vor Ort umzuschauen. Immer die Worte von DFB-Präsident Bernd Neuendorf im Hinterkopf, der betont hatte: „Es ist wichtig, eine Wohlfühlatmosphäre zu haben.“
Nach monatelanger Arbeit hat der DFB seine Suche inzwischen abgeschlossen, nach der Zustimmung durch den Weltverband FIFA soll die Wahl in den nächsten Tagen öffentlich gemacht werden. Zuletzt wurde über eine Kleinstadt im amerikanischen Nirgendwo spekuliert – das würde zu Spiez, Comer See und Campo passen und wäre in Nagelsmanns Sinn.
DFB will perfektes WM-Quartier
„Kurze Wege“ zwischen Hotel und Trainingsplatz sowie „eine gewisse Exklusivität, dass wir Ruhe haben, um uns gut vorzubereiten“, hatte der Bundestrainer als Kriterien genannt. Schon nach der Auslosung der WM-Gruppen mit den deutschen Spielorten Houston, Toronto und East Rutherford hatte er betont: „Wir werden Top-Bedingungen vorfinden und sind guter Dinge, dass wir sehr Gutes verkünden.“
Sportdirektor Rudi Völler verriet unlängst, „dass wir ein Quartier haben werden, dass etwas zentraler in den USA liegen wird oder mehr Richtung Osten“. Davon unabhängig sei aufgrund der großen Distanzen zwischen den Stadien „klar, dass wir fliegen müssen und lange An- und Abreisen haben werden“. Es sei dennoch davon auszugehen, „dass wir bei der Suche nach dem für uns besten Quartier auch Erfahrungen aus der Vergangenheit berücksichtigt haben“.
Siehe Spiez, Comer See, Campo Bahia. Siehe aber auch und vor allem: Watutinki oder Zulal Ressort. Die tristen und abgelegenen Wohnorte trugen 2018 wie 2022 zu den historischen Vorrundenpleiten bei. Ähnlich wie die Offiziersschule der argentinischen Luftwaffe in Ascochinga („Toter Hund“) 1978, als sich der Weltmeister gegen Nachbar Österreich blamierte.
Ein perfektes Quartier garantiert allerdings keineswegs den Titel. Bei der ersten WM in den USA 1994 fehlte es Lothar Matthäus und Co. im Golfhotel Oak Brook rund 30 km vor den Toren Chicagos an nichts, dennoch scheiterte der Titelverteidiger im Viertelfinale an Bulgarien (1:2).
Andererseits wird manches im nostalgischen Rückblick verklärt. Das Campo Bahia etwa blieb 2014 bis weit ins Turnier hinein eine Baustelle. Die Mannschaft nahm’s locker. „Dann zelten wir“, meinte Manuel Neuer.
1974 glückte der große Wurf trotz Lagerkollers in der Holsteinischen Schweiz. „In Malente“, stöhnte Kapitän Beckenbauer über das Quartier, „wird man wahnsinnig.“ Doch nach dem aufrüttelnden 0:1 in der Vorrunde gegen die DDR fanden die Stars in der „Nacht von Malente“ zum „Geist von Malente“, der sie zum Pokal trug.
Ganz ohne „Geist von irgendwo“ wird es auch 2026 nicht gehen.

