Jonas Boldt wurde am Freitagabend bei Sky gefragt, ob Christian Titz am kommenden Wochenende gegen Bochum noch Trainer sei. Seine Antwort: „Das ist der Plan.“ Drei Worte, die man als Bestätigung lesen kann – und die in der Branche als das Gegenteil verstanden werden. Ein Sportchef, der seinen Trainer halten will, sagt: Ja. Ein Sportchef, der einen Plan hat, hat auch einen Plan B. Wenige Minuten später, gegenüber der „Bild“, vermied Boldt jede Rückendeckung. Nach dem 1:2 beim 1. FC Nürnberg, der dritten Niederlage im fünften Spiel, steht Titz bei Hannover 96 vor dem Aus. Offiziell entschieden ist nichts. Inoffiziell laufen die Telefone.
Was Boldt gesagt hat – und was nicht
Der frühere HSV-Vorstand, seit Juni Geschäftsführer Sport in Hannover, hatte vor dem Spiel noch den Rücken gestärkt. Danach klang es so: „Ich bin sehr angefressen, ich bin auch nicht der Typ, der irgendwelche Parolen raushaut. Fakt ist: Wir haben hier verloren und stehen mit vier Punkten nach fünf Spielen da.“ Und dann der Satz, der die Richtung vorgibt: „Aber dass wir so – auch von den Ergebnissen und wie wir Spiele hergeschenkt haben – nicht weitermachen können, das liegt auf der Hand. Am Ende bin ich gekommen, um Dinge zu entscheiden und den Kopf dafür hinzuhalten.“
Boldt hatte im Sommer bewusst nicht von einem Neustart gesprochen – Hannover war Vierter geworden, zwei Punkte hinter Paderborn, und er schrieb Titz einen Anteil daran zu. „Deshalb habe ich gesagt, dass ich erst mal nichts verändern werde.“ Das „erst mal“ hat jetzt ein Ablaufdatum. Dass Boldt und Titz sich im Sommer bei der Kaderplanung mehrfach uneins waren, berichtet dpa. Dass Hannover 4,8 Millionen Euro investierte und 7,5 Millionen einnahm, während Aseko, Yokota und Leopold gingen, ist die Bilanz dieser Uneinigkeit.
Auffällig ist auch, wen Boldt als Gegenbeispiel nannte: „Es gibt Mannschaften in der Liga, die geben alle Spieler ab und stehen an der Tabellenspitze.“ Gemeint ist Hertha BSC – 29 Millionen Euro Transferplus, vier Siege aus vier Spielen. Ein Sportchef, der öffentlich auf den Konkurrenten zeigt, der mit weniger mehr macht, hat aufgehört, seinen Trainer zu verteidigen.
Der Mann, der entscheidet, ist nicht Boldt
Ob Titz die Woche übersteht, hängt an Martin Kind. Der 82-jährige Patron hatte dem Trainer nach den Auftaktniederlagen in Cottbus und gegen Wolfsburg eine Jobgarantie gegeben – „Er bleibt“ –, verbunden mit der Erinnerung ans Saisonziel: „Unser Ziel ist der Aufstieg. Wir haben noch immer eine teure Mannschaft.“ Laut „Bild“ dürfte Boldt „sofort die Reißleine ziehen“, sofern Kind zustimmt. Kind gilt als Fürsprecher von Titz. Er gilt aber auch als jemand, der Aufstiegsziele nicht im September aufgibt.
Dazu kommt eine Punktevorgabe, die laut liga-zwei.de zu Wochenbeginn durchgesickert war: eine Mindestzahl bis zur Länderspielpause, die Titz mit der Niederlage in Nürnberg bereits nicht mehr erreichen kann – selbst mit einem Sieg gegen Bochum.
Die Kandidaten
Drei Namen kursieren. Sky Sport berichtet, ganz oben auf Boldts Liste stünden Sandro Wagner, der zuletzt den FC Augsburg trainierte, und Mitch Kniat. Die Neue Presse nennt Lukas Kwasniok, im März beim 1. FC Köln entlassen – der aber laut sport.de eine längere Auszeit wolle. Wagner wäre der prominenteste, Kniat der Zweitliga-erfahrenste, Kwasniok der, den Boldt schon im August auf dem Zettel hatte.
Der Zeitplan spricht für Tempo. Nach dem Bochum-Spiel am 20. September folgt die Länderspielpause – zwei Wochen, in denen ein neuer Trainer ankommen könnte. Boldt selbst sagte: „Man kann eine Länderspielpause nutzen, um Luft zu holen und Dinge sachlich zu besprechen.“ Er fügte hinzu: „Mir geht’s aber erst mal um die aktuelle Situation.“ Das ist die Variante, in der die Trennung vor Bochum kommt.
Was Titz dazu sagt
Wenig. Nach dem Spiel sprach der 55-Jährige über Fußball, nicht über sich: „Die Mannschaft hat nach dem 0:1 schnell eine gute Reaktion gezeigt. Aber wir sind hier auf eine Mannschaft getroffen, die insgesamt stärker war.“ Als zentrales Problem nannte er zu viele Fehlpässe. Zu seiner Zukunft veröffentlichte der Klub kein Wort von ihm.
Titz‘ Bilanz in Hannover: 41 Spiele, 18 Siege, 13 Unentschieden, 10 Niederlagen. In der Vorsaison 60 Punkte und Fußball, der in der Liga Beachtung fand. In dieser Saison ein Sieg aus fünf Spielen, Platz 13, mit der Aussicht, bis Sonntagabend weiter abzurutschen. In Nürnberg, wo Miroslav Klose mit 13 Punkten den besten Start seit 26 Jahren hingelegt hat, war Hannover laut dpa „die schwächere Mannschaft“ – zwei Aufbaufehler vor dem 0:1 nach fünf Minuten, ein Handelfmeter zum Ausgleich, ein verdientes Siegtor von Mohamed Ali Zoma.
Einordnung
Was in Hannover passiert, ist kein Einzelfall, sondern ein Muster: Ein neuer Sportchef übernimmt einen Trainer, den er nicht geholt hat, gibt ihm den Sommer, und zieht nach dem ersten Fehlstart die Konsequenz, die er von Anfang an im Kopf hatte. Boldt hat am Freitag alles gesagt, was dafür nötig ist – ohne einen einzigen Satz, den man ihm später vorhalten könnte. „Das ist der Plan“ ist kein Versprechen. Es ist ein Zeitfenster.
Ob es sich vor oder nach Bochum schließt, entscheidet ein 82-Jähriger, der vor zwei Wochen „Er bleibt“ gesagt hat. Auch das war ein Plan.

