Berlin. Es gibt eine Zahl, die Hertha BSC seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat, und sie stand am Sonntagabend um kurz nach halb vier auf der Anzeigetafel des Olympiastadions: Platz eins. Nach dem 2:1 gegen den 1. FC Magdeburg führt die Alte Dame die 2. Bundesliga an – vier Spiele, vier Siege, zwölf Punkte, alleiniger Tabellenführer. Zum ersten Mal seit dem Abstieg 2023.
Was das bedeutet, versteht man nur mit dem Blick auf den Sommer. Vor einem Jahr galt Hertha als größter Aufstiegsfavorit der Liga und wurde Sechster. Dann kamen Abgänge, die den Klub in der Einschätzung der Sportschau zum „Underdog dieser Spielzeit“ machten. Vier Wochen später steht der Underdog oben.
Der Weg nach oben: 15 Tore in vier Spielen
Der Start war ein Auswärtssieg im Bochumer Ruhrstadion. Danach folgte am 15. August das Spiel, das den Ton setzte: 4:1 gegen Bundesliga-Absteiger Heidenheim, 3:0 nach 35 Minuten, Grønning per Flugkopfball nach 91 Sekunden, Winkler mit einem Solo, Zeefuik. Selbst eine harte Rote Karte gegen Zeefuik in der 88. Minute änderte nichts – in Unterzahl kam noch das vierte Tor, per Konter, durch einen Einwechselspieler namens Oluwaseun Adewumi.
Dann Braunschweig, ein Spiel, das Hertha zwischenzeitlich verloren hatte. Rückstand, Wende, 5:3, mit einem Doppelpack von Kapitän Josip Brekalo, einem Eigentor und – wieder – Adewumi, wieder eingewechselt, wieder in der Schlussphase. Und schließlich Magdeburg: Brekalo traf beim ersten guten Angriff nach zehn Minuten, Falko Michel glich per Kopf aus, und 47 Sekunden nach dem Wiederanpfiff schob Adewumi eine Vorlage von Thorsteinsson über die Linie. Zur Pause eingewechselt. Sofort getroffen. Zum dritten Mal in Serie als Joker.
Ein Sieg, der weh tat
Das Magdeburg-Spiel war keine Galavorstellung. Die Sportschau nannte es einen „schmutzigen Sieg“, und das war freundlich. Magdeburg, mit drei Siegen ohne Gegentor angereist, hatte über weite Strecken mehr vom Spiel. Moritz Kwarteng traf nach einem Fehlpass von Torwart Marius Gersbeck zum vermeintlichen Ausgleich – Abseits, nach VAR-Prüfung. Paul Seguin flog nach einer Stunde mit Gelb-Rot vom Platz. Michels abgefälschter Schuss blieb an der Latte hängen. Dann nahm sich Magdeburg den Vorteil selbst: Tobias Müller holte Adewumi zu ungestüm von den Beinen, ebenfalls Gelb-Rot, zehn gegen zehn.
Dass Hertha das überstand, ist die eigentliche Nachricht. Vor 60.000 Zuschauern hat eine Mannschaft, die im Sommer als geschwächt galt, ein Spiel gewonnen, das sie im Frühjahr wahrscheinlich verloren hätte. FCM-Trainer Petrik Sander gratulierte zur Tabellenführung und fügte hinzu: „Wir haben gezeigt, dass wir nicht weit weg sind.“ Das stimmte. Es war trotzdem Hertha, die die drei Punkte behielt.
Leitl: „Das ist der Lohn der Arbeit“
Stefan Leitl ist seit 17 Monaten in Berlin, und er erklärte den Start am Sportschau-Mikrofon mit einer Bescheidenheit, die man sich in Berlin lange nicht leisten konnte: „Wir haben uns kontinuierlich weiterentwickelt. Die Jungs wissen, was ich von ihnen erwarte. Wir wollen einen attraktiven Fußball spielen. Es freut mich, dass sie sich belohnen.“
Ein Detail, das den Unterschied zur Vorsaison markiert: Leitl hat an den ersten beiden Spieltagen dieselbe Startelf aufgestellt. In der gesamten letzten Saison war das laut bundesliga.com nur ein einziges Mal der Fall. Kontinuität als Programm – bei einem Klub, der in den vergangenen Jahren vor allem Wechsel produziert hat, auf dem Platz wie in der Führungsetage.
Der Joker, der immer trifft
Und dann ist da Adewumi. 21 Jahre alt, in drei Ligaspielen in Folge als Einwechselspieler getroffen, jedes Mal in der Phase, in der ein Spiel entschieden wird. Die dpa nennt ihn „Gold wert“. Für Leitl ist er die Antwort auf eine Frage, die viele Zweitligatrainer nicht beantworten können: Wer macht in der 70. Minute den Unterschied, wenn die Startelf müde ist?
Dass Adewumi bisher nicht von Beginn an spielt, ist dabei kein Zufall, sondern Konzept. Ein Joker, der funktioniert, ist wertvoller als ein Starter, der 90 Minuten mitläuft. Die Versuchung, das zu ändern, wird mit jedem Tor größer. Leitl hat sie bislang ausgehalten.
Was vier Spieltage aussagen – und was nicht
Zwölf Punkte im September sind kein Aufstieg. Die 2. Bundesliga hat in dieser Saison bereits Wolfsburg gesehen, das gegen Cottbus ein 3:0 zu einem 4:4 verspielte, und Nürnberg, das nach drei Siegen bei Kiel die ersten Punkte ließ. Die Liga ist eng, und Hertha hat mit Magdeburg gerade erst erlebt, wie schnell Kontrolle verloren geht.
Aber die Ausgangslage hat sich verschoben. Aus dem Klub, dem man im Sommer die Ambition abgesprochen hatte, ist der Klub geworden, den alle jagen. Am Sonntag geht es nach Osnabrück, zum Aufsteiger, der zuletzt Braunschweig schlug. Es ist die Art von Spiel, in der sich Tabellenführer beweisen müssen. Hertha hat vier davon hinter sich – und alle gewonnen.

