Es gibt eine Halbzeitansprache, die den Saisonstart des 1. FC Nürnberg besser erklärt als jede Tabelle. Am Freitagabend stand es zur Pause 1:1 gegen Hannover 96, und Miroslav Klose hatte 45 Minuten gesehen, die ihm nicht gefielen: zu wenig Aggressivität in den Zweikämpfen, zu viele falsche Entscheidungen. Er sagte das seiner Mannschaft. Er änderte keine Taktik, kein System, keine Aufstellung. Nach der Pause spielte Nürnberg, so Klose danach, „die beste Halbzeit, seitdem ich hier bin“. 2:1, 13 Punkte aus fünf Spielen, Tabellenplatz zwei. Nur Hertha BSC, mit fünf Siegen aus fünf, steht noch davor.
Der beste Start seit 26 Jahren
Die Zahlen sind schnell aufgezählt: vier Siege, ein Unentschieden, 15 Tore – so viele wie kein anderes Zweitliga-Team außer Hertha. Es ist der beste Nürnberger Saisonstart seit 26 Jahren, in einer Liga, in der der Club seit dem Abstieg 2019 mehr Trainer als Aufstiegschancen verbraucht hat. Vor 41.202 Zuschauern gegen Hannover war der Rahmen der eines Erstligisten. Die Frage, ob der Inhalt es auch ist, hat der BR in einer Analyse mit drei Antworten versucht. Sie lassen sich prüfen.
Erstens: Nürnberg wartet nicht mehr
Die auffälligste Veränderung ist die Haltung. Der Club der vergangenen Jahre war ein Team, das auf Fehler des Gegners lauerte. Der Club dieser Saison will den Ball. Julian Justvan, Torschütze zum 1:0 gegen Hannover nach fünf Minuten, formulierte es so: „Unser Spiel ist deutlich dominanter geworden. Wir wollen Ballbesitz. Wir sind variabler geworden.“ Der BR beschreibt eine Mannschaft, die nach Ballverlusten schnell wieder zugreift und je nach Situation zwischen Umschaltspiel und Ballbesitz wechselt – schwerer auszurechnen als in der Vorsaison, nicht mehr auf ein einziges Muster festgelegt.
Man kann das als Trainerfloskel lesen. Das Hannover-Spiel gibt es aber her: Eine schwache erste Halbzeit, dann mehr Zweikämpfe, mehr Kontrolle, ein Siegtor von Mohamed Ali Zoma in der 65. Minute – und ein Gegner, der laut dpa „die schwächere Mannschaft“ war und dessen Trainer seither vor der Entlassung steht.
Zweitens: Zoma – und die Entscheidung, ihn zu behalten
Fünf Tore in fünf Spielen. Zoma, 22, ist der Spieler, der enge Partien entscheidet, und er ist der Spieler, den Nürnberg im Sommer hätte verkaufen können. Angebote lagen vor, die Ablöse hätte im Millionenbereich gelegen, ein Zweitligist mit den Finanzen des Clubs sagt dazu normalerweise nicht Nein. Nürnberg sagte Nein. Es war, so der BR, das Signal, dass der Verein in dieser Saison mehr will als Klassenerhalt und Transferplus.
Der Effekt geht über die Tore hinaus. Zoma bindet Gegenspieler, öffnet Räume für Justvan und die Außen, und er gibt einer Mannschaft, die lange keinen hatte, einen Unterschiedsspieler. Dass er beim 2:1 gegen Hannover in der kicker-Einzelkritik „der Beste“ war, während Hannover vier Fünfen kassierte, ist das Bild dieses Herbstes.
Drittens: Klose im dritten Jahr
Miroslav Klose ist in seiner dritten Saison beim Club – für Nürnberger Verhältnisse eine Ewigkeit. Der BR beschreibt einen Trainer, der die Mannschaft inzwischen genau kennt und weiß, „an welchen Stellschrauben er drehen muss“. Die Hannover-Halbzeit ist das Beispiel: keine Umstellung, sondern eine Ansprache, und eine Mannschaft, die sie umsetzt. Das ist Vertrauen, das man nicht in einem Sommer aufbaut.
Dazu kommt, was von außen schwer zu messen ist: Der Kader wirkt als Einheit. Als Ioannis Masouras gegen Hannover kurzfristig fehlte, jubelte die Mannschaft mit seinem Trikot. Kleine Geste, großer Hinweis.
Was fehlt
Klose hält den Ball flach, und er hat Gründe. Sein ausgegebenes Ziel lautet: bis zur Winterpause in der Spitzengruppe bleiben – nicht mehr. Die 2. Bundesliga ist eng, Hertha hat zwei Punkte Vorsprung und einen Joker, der in vier Spielen viermal traf. Nürnberg hat gegen Hannover eine Halbzeit lang schlecht gespielt, und die Mannschaft, die es dreht, ist dieselbe, die es zulässt. Fünf Spieltage sind ein Trend, kein Beweis.
Aber es ist ein Trend mit Substanz: eine Idee, ein Stürmer, ein Trainer, der bleiben durfte. Drei Dinge, die Nürnberg in den vergangenen Jahren selten gleichzeitig hatte. Am kommenden Wochenende geht es in Bochum weiter, dann in die Länderspielpause. Hertha vorne, der Club dahinter – es ist ein Bild, das die Liga aus dem Herbst 2026 vielleicht noch länger sehen wird.

