Julian Brandt hätte über Abschiedsschmerz reden können – oder mit der Hand auf dem Wappen pathoswehend geloben, selbstverständlich bis zur letzten Sekunde alles für Borussia Dortmund zu geben. Wie man das eben so macht als Fußball-Profi. Aber darauf hatte er am Samstagabend offensichtlich keine Lust, zumindest noch nicht.
Nach dem 2:1 (1:0) beim 1. FC Köln verschwand der 29-Jährige stattdessen wortlos, den verfrühten Schwanengesang übernahmen andere. Ach, „mein lieber Jule“, sagte Trainer Niko Kovac väterlich sanft, „noch neun Spiele wird er mit uns zusammen hier für Schwarz-Gelb kämpfen. Und dann werden wir zusehen, dass wir ihn weiterhin verfolgen, aber nicht mehr in unseren Farben.“
Brandt im Sommer mit anderem Weg
Nach dann mehr als 300 Spielen in sieben Jahren BVB, bisher sind es 298, wird der 48-malige Nationalspieler sich eine neue Herausforderung suchen. Im Ausland? In der Bundesliga? In seiner Heimat Bremen gar? Das ist offen. Sicher ist: Er geht als einer der statistisch besten Offensivspieler der vergangenen zehn Jahre, mit 56 Toren und 69 Vorlagen allein für die Borussia – und mit einem Hauch eines ewig uneingelösten Versprechens.
Seine Zeit in Dortmund begann 2019, wie man es ihm immer vorwirft: Er machte in seinem ersten Bundesligaspiel nach dem Wechsel aus Leverkusen (für 25 Millionen Euro) bei einem 5:1 das 5:1. Dafür konnte er nichts, er war als Joker ins Spiel gekommen. Doch genau dieses Image des immens talentierten Feinsinnigen, der klickern kann wie die ganz Großen, wenn es läuft, aber zurückzieht, wenn es hart auf hart kommt, ist er nie losgeworden. So unfair das sein mag.
„Er wurde auch immer mal kritisch gesehen“, erinnerte sich Sportchef Lars Ricken. Es war so verlockend einfach, in Krisenzeiten auf Brandt zu zeigen: Der rennt nicht! Der beißt nicht! Körpersprache! Mentalität! Und manchmal schien das auch ein Körnchen Wahrheit in sich zu tragen. Hätte da nicht noch mehr, viel mehr, gehen können?
„Ich glaube“, betonte Ricken, „wir können nur Dankbarkeit für ihn haben.“ Der Moment für eine Trennung sei der richtige: „Er wird in ein paar Wochen 30, wir können uns ein bisschen neu orientieren, das kann für beide Seiten eine Chance sein.“
Der BVB setzt ein Signal, das er vielleicht schon früher gerne gesetzt hätte: Er ist nicht mehr bereit, außerordentlich viel Geld für ordentliche Leistung zu bezahlen. Andere im Kader werden es wahrnehmen.

