Goldman Sachs hat seine umfassende Datenanalyse zu den WM 26 Titelkandidaten veröffentlicht – und Spanien mit einer Titelwahrscheinlichkeit von 26 Prozent als klaren statistischen Favoriten identifiziert.
Das Ergebnis basiert auf 100.000 Monte-Carlo-Simulationen, in denen Spanien in 80,6 Prozent aller Durchläufe mindestens das Halbfinale erreicht. In 55,3 Prozent reicht es sogar für das Finale – deutlich mehr als bei jeder andere Nation. Die Studie „World Cup 2026: Predictions, Probabilities, and Paths to Victory“ erschien am Freitag und gehört zu den methodisch aufwendigsten Fußball-Prognosemodellen, die ein großes Finanzinstitut bisher veröffentlicht hat.
Hinter Spanien folgt Frankreich mit 19 Prozent, Titelverteidiger Argentinien mit 14 Prozent und Brasilien mit 8 Prozent. England wird mit 5 Prozent geführt, Deutschland rangiert auf Platz sieben – gleichauf mit den Niederlanden und Portugal in einem ähnlichen Wahrscheinlichkeitsband.
Wie das Modell funktioniert – Elo, xG und 20.000 Partien
Das Fundament der Goldman-Sachs-Analyse bildet das Elo-Ratingsystem, ursprünglich für Schach entwickelt und später für den Fußball adaptiert – ergänzt durch moderne Metriken.
Das Modell wurde mit knapp 20.000 Pflichtspieldaten seit 1978 trainiert und integriert dort, wo verfügbar, auch xG-Daten (Expected Goals) sowie Torschussprofile. Zusätzlich fließen Teamstärke, Formkurven, Spielstil, Reiseentfernungen und Ruhetage zwischen den Partien ein – Faktoren, die in einfacheren Elo-Modellen oft fehlen. Diese Variablen erzeugen für jede Partie eine erwartete Toranzahl, die dann per Simulation in 100.000 Turnierdurchläufen verarbeitet wird.
Goldman Sachs betont ausdrücklich den probabilistischen Charakter der Studie: Selbst der Topfavorit Spanien „verliert“ in fast drei Vierteln aller Simulationen – ein Hinweis auf die strukturelle Unvorhersehbarkeit von K.-o.-Turnieren. Die Belastbarkeit von Prognosemodellen ist dabei ein grundlegendes Problem, das weit über den Fußball hinausgeht.
Das 48-Team-Format – mehr Varianz, gleiche Hierarchie
Die WM 2026 findet vom 11. Juni bis 19. Juli in den USA, Mexiko und Kanada statt. Erstmals nutzt die FIFA ein neues Format mit 48 Mannschaften und zwölf Gruppen – was das Modell explizit abbildet.
Die erweiterte Turnierstruktur erhöht die statistische Streuung in den frühen K.-o.-Phasen merklich. Außenseiterresultate werden wahrscheinlicher, wenn mehr Teams mit größeren Leistungsunterschieden aufeinandertreffen. Goldman Sachs identifiziert unter anderem Japan, Nigeria und die USA als Teams mit Überraschungspotenzial. Die USA werden sogar mit einer zweistelligen Wahrscheinlichkeit für das Viertelfinale geführt.
Dennoch bleibt die Gesamtwahrscheinlichkeit, dass eine der etablierten Top-Nationen das Turnier gewinnt, stabil. Das neue Format verteilt die Chancen breiter über die frühen Runden – am Ende setzt sich die Hierarchie durch. Dementsprechend gibt es bei den statistischen Favoriten unter dem WM 26 Titelkandidaten keine großen Überraschungen.
Deutschland, die Gastgeber und der „Winner’s Slump“

Für den DFB sieht das Modell einen Auftaktsieg gegen Curaçao – und das Aus im Achtelfinale gegen Frankreich.
Frankreich eliminiert laut Simulation anschließend die Niederlande im Viertelfinale, ehe Spanien im Halbfinale den Weg versperrt. Im Finale trifft Spanien auf Argentinien. Goldman Sachs erklärt den Leistungsabfall des Titelverteidigers mit dem sogenannten „Winner’s Slump“. Dies ist eine statistisch belegten Tendenz von Weltmeistern, beim Folgeturnier unterdurchschnittlich abzuschneiden.
Die drei Gastgeberländer USA, Mexiko und Kanada scheiden dem Modell zufolge allesamt im Achtelfinale aus. Der Heimvorteil fließt zwar in die Datenanalyse ein – reicht aber offenbar nicht aus, um die strukturellen Leistungsunterschiede gegenüber den europäischen und südamerikanischen Spitzenteams zu kompensieren. England erhält ein Downgrade aufgrund einer unterdurchschnittlichen Turnierbilanz sowie eines geografisch ungünstigen Brackets.
Historische Treffsicherheit – und warum 26 Prozent kein Orakel sind
Goldman Sachs hat bereits zur WM 2014, 2018 und 2022 Prognosemodelle veröffentlicht – mit gemischter Bilanz.
2014 wurde Brasilien als Favorit geführt, Deutschland gewann. 2018 favorisierte die Bank erneut Brasilien, Frankreich holte den Titel. Die Fußball-Prognose des Hauses dient in Finanzkreisen primär als Demonstration quantitativer Analysekompetenz. Ähnlich konstruieren große Institute datengetriebene Szenarien für andere schwer modellierbare Ereignisse.
Die Studie selbst unterstreicht dabei einen wichtigen Punkt. Mit 26 Prozent Titelwahrscheinlichkeit für Spanien gewinnt der Favorit in weniger als jedem vierten Turnierdurchlauf. Das Modell liefert keine Gewissheit – es quantifiziert strukturelle Überlegenheit unter maximaler Unsicherheit. Goldman Sachs plant, die Prognosen nach jeder Runde der WM 2026 zu aktualisieren und nach der endgültigen Auslosung ein überarbeitetes Modell zu veröffentlichen. Ob Spanien den statistischen Vorsprung in einen realen Titel ummünzen kann, bleibt offen bis zum Schlusspfiff.

