Nein, textsicher ist Ralf Rangnick nicht – noch nicht. Die Nationalhymne Österreichs kenne er nicht auswendig, gab der deutsche Erfolgstrainer kurz vor dem WM-Start seines ÖFB-Teams zu. Das Mitschmettern stehe ihm ohnehin noch nicht zu, aber: „Wenn wir sehr, sehr weit kommen, kann ich mir vielleicht auch vorstellen, die Hymne ganz mitzusingen“, versprach der 67-Jährige und grinste schelmisch.
Wie weit genau, darauf wollte sich Rangnick nicht festlegen. Doch seine Mannschaft geht die Rückkehr auf die größte Fußball-Bühne der Welt nach 28 Jahren Abstinenz durchaus selbstbewusst an. Und die Vertragsverlängerung ihres Teamchefs kurz vor der ersten Bewährungsprobe gegen Jordanien am Mittwoch (6.00 Uhr MESZ/ZDF und MagentaTV) dürfte Kapitän David Alaba und Co. zusätzlich beflügeln.
Es sei sicherlich das Ziel, bei dem Turnier in den USA, Mexiko und Kanada „Geschichte zu schreiben“, erklärte der ehemalige Bayern-Profi Alaba: „Ob es am Ende für den Weltmeistertitel reicht, weiß ich nicht. Aber wir sind eine Mannschaft mit großen Träumen, die diese auch verfolgt.“
Rangnick hofft auf ein Zeichen
Mit Alaba und Co. träumt eine ganze Nation. Die heimischen Fans wähnen den Titel jedenfalls schon in greifbarer Nähe, bei einer Umfrage des ORF gaben 32 Prozent der Befragten an, dass sie Österreich als kommenden Weltmeister sehen.
Auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen präsentierte in einem launigen Videoclip auf Social Media „Haupthoffnungsträger“ Marko Arnautovic bereits eine Miniaturausgabe des WM-Pokals. Der österreichische Rekordnationalspieler versprach dem „Chef“, alles dafür zu tun, „den echten nach Hause“ zu bringen. „Das wär‘ was“, meinte Van der Bellen.
Ja, das wär‘ wohl was. Doch bei all den Späßchen ist sich Rangnicks Team, das verletzungsbedingt ohne den zuletzt formstarken Christoph Baumgartner auskommen muss, auch der Realität bewusst. Auch das Duell mit WM-Neuling Jordanien in Santa Clara werde eine anspruchsvolle Aufgabe, mahnte der Coach: „Genau so werden wir sie auch angehen“.
Das größte Störfeuer in der Vorbereitung hat Rangnick dabei selbst gelöscht. Pünktlich vor dem Auftakt beendete der Teamchef das schier endlose Rätselraten um seine Zukunft und gab ein Bekenntnis zum ÖFB-Team bis zur EM 2028 ab.
Es sei „eine Herzensangelegenheit“, betonte Rangnick, der auch vom AC Mailand umworben worden war, knapp drei Tage vor der Partie gegen Jordanien. Österreichs bislang letzter WM-Torschütze Andreas Herzog bezeichnete den Zeitpunkt der Entscheidung als „perfekt“. Die Mannschaft, war sich der ORF-Experte sicher, bekomme nun „nochmal einen richtigen Push“.
Gerade rechtzeitig, um eventuell das nächste Kapitel der Erfolgsgeschichte unter Rangnick zu schreiben. In seinen vier Jahren als Hauptverantwortlicher an der Seitenlinie hat der ehemalige Bundesliga-Coach die Entwicklung des ÖFB-Teams maßgeblich vorangetrieben, sorgte schon vor zwei Jahren bei der EM mit einem Erfolg gegen die Niederlande und dem Gruppensieg vor Frankreich für eine Überraschung.
Eine solche peilt Rangnick auch bei der WM an. Seine Jungs, betonte er im ORF, seien jedenfalls „heiß, wie Frittenfett“.

