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90PLUS » Fall Goretzka: Anatomie eines Rückzugs im DFB-Camp
Fußball NewsWM 2026

Fall Goretzka: Anatomie eines Rückzugs im DFB-Camp

Fritz Pecker
08.07.26, 14:59
Fritz Pecker
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Leon Goretzka
Foto: Getty Images

96 Einsatzminuten in vier Spielen, kein einziger Startelfeinsatz, ein abgewiegelter Elfmeter – das ist Leon Goretzkas WM-Bilanz. Die eigentliche Geschichte spielte aber nicht auf dem Rasen von Foxborough, sondern daneben. Und sie handelt weniger von einem Spieler als von einer Führung, die ihn verloren hat.

 

„Oder Leon, du?“ – die Szene, die alles erzählt

Elfmeterschießen gegen Paraguay, Stand 3:3 nach fünf Schützen, das Turnier hängt am seidenen Faden. Joshua Kimmich sortiert im Mittelkreis die Reihenfolge, fragt in die Runde – und richtet sich schließlich direkt an seinen langjährigen Münchner Kollegen: „Oder Leon, du?“ Goretzka pustet die Backen auf, wiegelt ab. Kimmich versteht, zeigt auf ihn, sagt „Neun!“ – und setzt den 73-maligen Nationalspieler damit hinter Linksverteidiger Nathaniel Brown.

So weit kam es nie. Jonathan Tah meldete sich freiwillig für den sechsten Versuch, den ersten Elfmeter seiner Profikarriere – und jagte ihn über die Latte. José Canale verwandelte, Deutschland war raus, 3:4 im Elfmeterschießen nach 1:1 über 120 Minuten. Man muss fair bleiben: Goretzka ist kein Elfmeterspezialist, sein einziger Versuch im Profifußball datiert von 2017 auf Schalke. Aber ein Führungsspieler, der im entscheidenden Moment abwinkt, während sich ein Innenverteidiger opfert – dieses Bild wird bleiben.

Abgekapselt, allein, schlecht gelaunt: Was aus dem Camp durchsickert

Seit dem Aus liefern Berichte aus dem deutschen Quartier das Innenleben zur Szene nach. Die Sport Bild schreibt unter Berufung auf Mannschaftskreise, Goretzka habe sich während des Turniers vom Team abgekapselt, viel Zeit allein verbracht und sei häufig schlecht gelaunt gewesen. Seine Rolle habe intern zunehmend für Irritationen gesorgt.

Man kann das als Charakterschwäche lesen. Man kann es auch als logische Folge einer Degradierung erkennen, die so nie angekündigt war. Denn Goretzka fuhr nicht als Ergänzungsspieler zu dieser WM – jedenfalls nicht in seiner eigenen Wahrnehmung. Und die hatte einen prominenten Urheber.

Das März-Versprechen – und was davon übrig blieb

Im März hatte Julian Nagelsmann in einem viel beachteten kicker-Interview erklärt, Goretzka werde trotz überschaubarer Spielzeit beim FC Bayern gute Chancen auf eine ähnliche Rolle haben wie in der WM-Qualifikation – dort stand er in fünf von sechs Spielen in der Startelf. Später relativierte der Bundestrainer, es gebe keinen Freifahrtschein, spielen könne auch zwei Minuten heißen. Beim Turnier waren es dann im Schnitt 24 Minuten pro Partie, von der Bank, hinter der gesetzten Doppelsechs Pavlovic/Nmecha.

Rekordnationalspieler Lothar Matthäus verteidigt Goretzka ausdrücklich und dreht den Spieß um: „Das ist ein Spiegelbild der Führung von Julian Nagelsmann“, sagte er der Sport Bild – und verwies auf den Zickzack-Kurs des Bundestrainers auch in den Fällen Undav und Baumann. Nagelsmann habe das Fass mit der Nominierung erst aufgemacht und dann zum Überlaufen gebracht. Bemerkenswert: Ausgerechnet Matthäus, sonst nicht als Anwalt der Spieler bekannt, äußert Verständnis für den Frust des 31-Jährigen.

Die Frage ist nicht, wer redet. Sondern warum.

Natürlich lässt sich empören, dass Interna aus dem DFB-Camp den Weg in die Öffentlichkeit finden. Nur: Das ist keine Verschwörung, das ist Symptom. Wenn nach einem historischen Sechzehntelfinal-Aus – dem dritten verkorksten WM-Turnier in Folge – aus der Mannschaft heraus Erklärungen gesucht werden, dann spricht das weniger über die Quellen als über den Zustand des Gebildes, das sie beschreiben. Kabinen, in denen alles stimmt, produzieren keine solchen Berichte.

Der Fall Goretzka ist dabei kein Einzelfall, sondern ein Muster. Ein Spieler bekommt öffentlich eine Rolle versprochen, die er intern nie bekommt. Er zieht sich zurück, die Stimmung kippt, am Ende steht ein Sinnbild im Mittelkreis von Foxborough. Nagelsmann und der DFB haben sich inzwischen getrennt, Jürgen Klopp wird als Nachfolger gehandelt. Goretzka wiederum ist seit dem 30. Juni vereinslos – sein Vertrag in München lief aus, eine Entscheidung über die Zukunft steht aus.

Der Befund

Goretzka hat sich in Nordamerika nicht mit Ruhm bekleckert, die Elfmeter-Szene inklusive. Aber wer aus einem enttäuschten Reservisten einen Klima-Vergifter macht, verwechselt Ursache und Wirkung. Die Wahrheit dieser WM ist unbequemer: Eine Mannschaft, deren Hierarchie auf Zusagen gebaut war, die keiner einhielt, verliert am Ende genau dort, wo Hierarchie zählt – am Punkt. Wer das an einem einzelnen Spieler festmacht, hat das Problem nicht verstanden.

Häufige Fragen zum Fall Goretzka

Hat Leon Goretzka gegen Paraguay einen Elfmeter verschossen?

Nein. Goretzka trat im Elfmeterschießen gar nicht an. TV-Bilder zeigen, dass er auf Kimmichs Nachfrage abwiegelte und als neunter Schütze eingeplant wurde. Verschossen haben Havertz, Woltemade und Tah – Deutschland verlor 3:4.

Was berichtet die Sport Bild über Goretzkas Rolle im DFB-Team?

Unter Berufung auf Mannschaftskreise heißt es, Goretzka habe sich während des Turniers abgekapselt, viel Zeit allein verbracht und sei häufig schlecht gelaunt gewesen. Seine Rolle soll intern für Irritationen gesorgt haben.

Wie viel spielte Goretzka bei der WM 2026?

Der 31-Jährige kam in vier Partien auf insgesamt 96 Einsatzminuten und stand kein einziges Mal in der Startelf. Gegen Paraguay wurde er zur zweiten Halbzeit für Felix Nmecha eingewechselt.

Warum steht Julian Nagelsmann in der Kritik?

Nagelsmann hatte Goretzka im März öffentlich eine große WM-Rolle in Aussicht gestellt, die dieser nie bekam. Lothar Matthäus wirft dem Ex-Bundestrainer einen Zickzack-Kurs vor – auch in den Personalien Undav und Baumann. Nagelsmann und der DFB haben sich nach dem Turnier getrennt.

Wie geht es für Goretzka jetzt weiter?

Goretzka ist seit dem 30. Juni vereinslos, sein Vertrag beim FC Bayern lief aus. Zuletzt wurde er mit Milan, Juventus, Fenerbahce und Chicago Fire in Verbindung gebracht. Auch seine DFB-Zukunft ist offen.

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