Der eine nannte sich Missionar und baute ein System. Der andere nennt sich Reformer und telefoniert mit Staatschefs. Zwischen Sepp Blatter und Gianni Infantino liegen zehn Jahre, eine Eiszeit – und die unbequeme Frage, wem von beiden es je um das Spiel ging.
Der Missionar: Romantik als Betriebssystem
„Ich bin ja Missionär gewesen im Fußball. Und ich bleibe Missionär“, sagte Blatter im Mai dem ZDF. Der Satz ist keine Anekdote, er ist ein Programm. 17 Jahre lang, von 1998 bis 2015, regierte der Walliser die FIFA mit einer Erzählung, die so einfach wie wirksam war: Der Weltverband als Entwicklungshelfer, der Präsident als Wanderprediger des Spiels. Die WM 2010 in Südafrika war das Schaustück dieser Inszenierung – der Fußball als soziales Projekt, der Kontinent als Bühne.
Dahinter arbeitete ein anderes System. Die Verteilung von TV-Milliarden und Entwicklungsgeldern folgte einer Logik, die weniger mit Rasenplätzen in Ouagadougou zu tun hatte als mit Stimmen im Exekutivkomitee. Wer Geld bekam, blieb loyal. Wer loyal blieb, wählte richtig. Das Modell war korruptionsanfällig bis ins Mark – 2015 flog es auf, Blatter trat im Zuge der Ermittlungen zurück. Aber es hatte eine Eigenschaft, die man erst heute richtig würdigen kann: Es war ein geschlossener Kreislauf. Die Macht blieb im Fußball, so schmutzig sie auch war.
Der Stratege: Wachstum als Selbstzweck
Infantino hat diesen Kreislauf aufgebrochen. 48 Teams statt 32, 104 Spiele statt 64, eine aufgeblähte Klub-WM, dynamische Ticketpreise, der Ölriese Saudi Aramco als Top-Sponsor. Jede einzelne Entscheidung folgt derselben Formel: mehr Produkt, mehr Markt, mehr Rendite. Der Fußball unter Infantino ist kein Kulturgut mit kommerzieller Seite mehr – er ist ein Wirtschaftsgut mit sportlicher Restfläche.
Und er hat neue Gesprächspartner. Blatter pflegte Verbandsfürsten, Infantino pflegt Staatschefs. Der FIFA-Präsident sitzt bei Amtseinführungen, reist im Jet zwischen Riad, Washington und Zürich, positioniert den Verband als geopolitischen Akteur. Man kann das als Modernisierung deuten. Man kann es auch als Preisgabe dessen erkennen, was den Sport von der Politik trennen sollte: seine Autonomie.
Der Fall Balogun: Als die Regel zur Verhandlungsmasse wurde
Wie das konkret aussieht, hat diese WM gerade vorgeführt. 1. Juli, Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina: Folarin Balogun tritt Tarik Muharemovic auf den Knöchel, der VAR schaltet sich ein, Rot. Artikel 66.4 des FIFA-Disziplinarreglements ist eindeutig – auf den Feldverweis folgt die automatische Sperre für das nächste Spiel. So weit, so Kreisliga bis Weltmeisterschaft.
Dann rief Donald Trump bei Gianni Infantino an. Kein Gerücht, keine Mutmaßung – der US-Präsident hat das Gespräch selbst bestätigt, er habe lediglich um eine „Überprüfung“ gebeten. Am Sonntag setzte die FIFA die Sperre unter Berufung auf Artikel 27 für ein Jahr zur Bewährung aus. Balogun war fürs Achtelfinale spielberechtigt. Trump bedankte sich auf Truth Social bei der FIFA dafür, „das Richtige“ getan zu haben. Belgiens Verband protestierte unter Verweis auf 66.4, Jürgen Klopp brachte es bei MagentaTV auf den Punkt: „Das stellt alles infrage.“
Die Pointe schrieb der Sport selbst: Balogun spielte – und blieb wirkungslos. Belgien gewann das Achtelfinale in Seattle mit 4:1, die USA schieden als letzter Co-Gastgeber aus. Der Eingriff hat sportlich nichts genützt. Institutionell hat er maximalen Schaden angerichtet: Zum ersten Mal in der WM-Geschichte steht der Verdacht im Raum, dass eine Disziplinarentscheidung per Telefonat aus dem Weißen Haus gedreht wurde.
Die Abrechnung des Alten – und ihr blinder Fleck
Ausgerechnet Blatter gibt nun den Gralshüter. „Rote Karten werden nicht durch politische Telefonanrufe aufgehoben“, schrieb der 90-Jährige auf X. Schon im Frühjahr hatte er im ZDF nachgelegt: „Die Fifa ist im Moment eine Diktatur“, die WM 2026 eine Veranstaltung, bei der sich „niemand um Nachhaltigkeit“ schere. Wäre er noch im Amt, wäre das alles nicht passiert – so lautet, verdichtet, seine Erzählung.
Man muss diese Selbstinszenierung nicht kaufen. Der Mann, der 2010 die Doppelvergabe an Russland und Katar moderierte, taugt schlecht zum Kronzeugen für saubere Verbandsführung. Der Bote ist kompromittiert. Nur: Die Botschaft trifft trotzdem.
Zwei Systeme, eine Bilanz
| Blatter (1998–2015) | Infantino (seit 2016) | |
|---|---|---|
| Selbstbild | „Missionar“ des Fußballs | Wachstums-Reformer |
| Machtbasis | Patronage im Verbandssystem | Allianzen mit Staatschefs |
| Kernprodukt | WM als Entwicklungsversprechen | WM als Skalierungsobjekt (48 Teams, 104 Spiele) |
| Größter Sündenfall | Korruptionssystem, Vergaben 2010 | Fall Balogun, Aramco-Deal |
| Preis für den Sport | Glaubwürdigkeit der Institution | Verlässlichkeit der Regeln selbst |
Der Befund
Wem ging es also um das Spiel? Die ehrliche Antwort: keinem von beiden. Blatter nutzte den Fußball als Instrument persönlicher Machtpolitik – aber die Währung, in der er handelte, blieb der Fußball selbst. Stimmen, Verbände, Turniere. Infantino handelt in einer anderen Währung: Der Fußball ist bei ihm Einsatz in einem größeren Spiel aus Kapital und Geopolitik, in dem notfalls auch die Spielregeln zur Disposition stehen. Der Fall Balogun ist kein Ausrutscher, er ist die logische Konsequenz.
Blatter verkaufte das Spiel, um zu herrschen. Infantino verkauft die Herrschaft über das Spiel. Wer darin einen Fortschritt erkennt, hat den Preis noch nicht verstanden.
Häufige Fragen zum FIFA-Machtkampf
Warum wurde die Sperre von Folarin Balogun ausgesetzt?
Die FIFA setzte die automatische Ein-Spiel-Sperre nach der Roten Karte gegen Bosnien-Herzegowina unter Berufung auf Artikel 27 des Disziplinarreglements für ein Jahr zur Bewährung aus. Zuvor hatte US-Präsident Trump bei FIFA-Präsident Infantino angerufen und um eine Überprüfung gebeten – das Telefonat bestätigte Trump selbst.
Was besagt Artikel 66.4 des FIFA-Disziplinarreglements?
Artikel 66.4 sieht nach einem Feldverweis eine automatische Sperre für das nächste Spiel im jeweiligen Wettbewerb vor. Belgiens Verband berief sich auf genau diese Regel und verwies auf ein FIFA-Rundschreiben vor Turnierbeginn, das sie ausdrücklich bekräftigt hatte.
Wie ging das Achtelfinale zwischen den USA und Belgien aus?
Belgien gewann in Seattle klar mit 4:1. Charles De Ketelaere traf doppelt, Hans Vanaken und Romelu Lukaku legten nach. Der begnadigte Balogun blieb weitgehend wirkungslos, die USA schieden als letzter der drei Co-Gastgeber aus.
Was wirft Sepp Blatter der heutigen FIFA vor?
Der 90-Jährige nennt die FIFA unter Infantino eine „Diktatur“, kritisiert fehlende Nachhaltigkeit bei der auf 48 Teams vergrößerten WM 2026 und wirft seinem Nachfolger vor, nur noch mit Staatschefs zu reden statt sich um das Spiel zu kümmern.
Warum musste Blatter 2015 selbst zurücktreten?
Blatter trat nach 17 Jahren an der FIFA-Spitze im Zuge von Korruptionsermittlungen zurück. Sein System der Geldverteilung an Mitgliedsverbände galt als korruptionsanfällig und diente nach Ansicht von Kritikern vor allem dem eigenen Machterhalt.

